Im Land der freien Männer

Mit einer Trekkingkarawane durch die Ténéré-Wüste im Niger

Sadou spricht nicht gern. Nur wenn es sein muß, murmelt er in seinen tagelmust, den kunstvoll gewickelten Baumwollschleier der Tuareg. Worte sind in der Wüste sinnlos. Der Wind trägt sie fort. Und was von ihnen bleibt, ist ein durstiger Mund.

Sadou, der junge Kameltreiber , verrichtet seine Arbeit stumm. Jeden Morgen fängt er die Dromedare ein. Sadou legt ihnen die Stricke an. Zwingt sie unter die schweren Lasten aus Kisten, Kanistern und Säcken. Sie brüllen wütend, versuchen sich zu wehren - vergeblich. Nachdem alle Rücken beladen sind, zieht Sadou die nörgelnden Wiederkäuer auf die Beine. Es kann losgehen.

Die Dromedare wie störrische, bucklige Riesenhunde an der Leine, marschieren die Wüstenreisenden aus Hamburg, dem Rheinland und Südbaden in östlicher Richtung. Die Strapazen des Vortags stecken ihnen noch in den Knochen. Oberschenkel und Waden sind vom Wandern und Reiten steif. Der archaische Sattel hat blaue Flecken auf der Hüfte hinterlassen. Füße und Hintern sind wund.

Doch der Zauber, den die Sahara in den ersten Morgenstunden entfaltet, verscheucht alle Beschwerden. Die faszinierende Landschaft wirkt besser als Sportsalben und Vaseline. Bizarre Gesteinsrippen abgetragener Gebirge, Skulpturen aus Sand und Stein, makellose Dünen mit tiefen Tälern und kraterförmigen Strudeln. Bei Sonnenaufgang ist "Allahs Garten" schön und verführerisch. Und seine Früchte machen süchtig - süchtig nach Wüste.

Am Horizont sind winzige schwarze Punkte auszumachen. In einem Akazienhain liegt dort das nächste Nachtlager. Mit einem Geländewagen wäre der Ort wohl in zwei Stunden zu erreichen. Die Karawane braucht dafür einen ganzen Tag. Der Europäer ist es gewohnt, in kürzester Zeit gewaltige Entfernungen zurückzulegen. Er reist heute ab und ist morgen am Ende der Welt - ohne zu wissen, welche Länder er überflogen hat. Die Karawane dagegen macht den Reisenden zu einem Teil der Wüste, zu einem Stück Treibgut im unergründlichen Sandmeer. Hier erkennt der Mensch seine Nichtigkeit.

Hamdi starrt durch die staubigen Gläser seiner Sonnenbrille. Doch auch wenn er sich noch so anstrengte, der alte Karawanenführer sähe nur Sandfelder, endlose Sandfelder. Hamdi kann die romantischen Vorstellungen der Europäer von der Wüste nicht teilen. Die Tuareg leben von der Viehhaltung. Für sie ist der Ténéré "das Land dort draußen", wo Menschen und Tiere auf Dauer nicht überleben können.

Der Traum vom eigenen, freien Nomadenstaat blieb eine Illusion

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