Eine einfache Geschichte

Im siebten Kreis der iranischen Finsternis. Eine Erzählung von Faradsch Sarkuhi von Faradsch Sarkuhi

Zum tausendsten Mal legte er seinen schwarzen Pappstreifen unter die Eisentür der Zelle und rief aus seinem verwundeten Gedächtnis wieder jenes Bild des düsteren Flurs der Abteilung 6 im siebten Kreis der Finsternis hervor, dessen kalte und endlose Stille die Betonwände in einen imaginären schwarzen Raum verwandelt hatte. Er wußte, daß, wenn er Geduld aufbrächte, der Wärter der Abteilung 6 das andere Teilstück des schwarzen Pappstreifens auf dem Flurboden sehen und sich von seinem Metallstuhl am Ende des langen Flurs erheben würde und daß nach dem Geräusch des Stuhles sich - mißmutig - die Schritte des Wärters der Zelle 612 neben der Toilette der Abteilung 6 nähern und er die Metallklappe oben an der Zellentür aufmachen würde und seine Unterlippe, einige Zähne und ein oder zwei weiße Schnurrbarthaare zu sehen sein würden und daß der Wärter befehlen würde: "612! Leg die Augenbinde an! Steh auf und stell dich hin und sag dann, was du willst!"

Er wußte, daß der Wärter ihn durch das kleine Guckloch beobachten und er aufstehen würde. Er wußte, daß dabei seine Fußsohlen, die durch die Schläge mit einem Kabel angeschwollen waren, und die eiternde Wunde seiner drei schwarz gewordenen Zehen des rechten Fußes den Schmerz in alle Körperteile jagen und ihn besonders in den Augen zum Ausbruch kommen lassen würden und er die Befehle des Wärters ausführen und ihn mit den Worten anflehen würde: "Stift und Papier! Nur eine Seite!" Und daß der Wärter, bevor er die Klappe zufallen ließ, zu ihm sagen würde: "Ich habe es hundertmal gesagt, daß der Vernehmungsbeamte es nicht erlaubt hat! Leg also den Pappstreifen nicht mehr hin, es sei denn, du hast Sehnsucht nach der Abteilung 2!"

Nein, er sehnte sich nicht nach der Abteilung 2. In der Abteilung 6, in die er vor sechs Monaten verlegt worden war, hatte man das Gesetz des Schweigens mit einer unsichtbaren Schrift aus Feuer und Schmerz geschrieben. In der Abteilung 6 waren das Sprechen, das Klopfen, das Weinen, das Beten mit lauter Stimme und sogar das Herbeirufen der Wärter verboten.

In der Abteilung für Todeskandidaten sprachen nur die schwarzen Pappstreifen und die kalt-trockene und metallische Stimme der Eisenklappen, wenn sie auf- und zugingen, und 22 Gefangene erwarteten, tief versunken in fiebrigen Träumen von hellroten Kirschblüten, den Tod und spielten jenseits des Todes mit himmelblauen und gelben Schmetterlingen und den roten Rosen von Schiraz, und Traumvögel durchflogen ohne Erlaubnis die wuchtigen Zementwände der Zellen.

Über das Auf- und Zuschließen der Zellentüren, das anläßlich des Toilettengangs dreimal täglich erfolgte, hatte er auf die Anzahl der Gefangenen geschlossen, die in der Abteilung 6 dieses siebten Kreises der Finsternis inhaftiert waren.

Er wußte, daß er wiederum den Pappstreifen unter die eiserne Zellentür legen, warten und um Stift und Papier flehen würde. Vor einem Jahr war er festgenommen worden. Davon hatte er sechs Monate in der Abteilung 2 verbracht. Nach seiner Verurteilung zum Tode war er in die Abteilung 6, in die Welt der Gespenster, der Schatten, des Schweigens und der Todeserwartung, verlegt worden. Und nun flehte er seit vier Monaten um Stift und Papier und erhielt Peitschenhiebe.

Vor vier Monaten war der Engel zu ihm in die Zelle gekommen und hatte die Wunden an seinen Füßen und seiner Seele gelindert. Und er hatte zum ersten Mal um Stift und Papier und um einen zusätzlichen Gang zur Toilette gebeten. Das erste Mal informierte der Wärter den Vernehmungsbeamten. Sie brachten ihn mit verbundenen Augen in die Abteilung 2, in das Imperium der absoluten Befugnis der Vernehmungsbeamten und der weisen Vorbeter, und einer der Vernehmungsbeamten, der das Peitschen mit dem Kabel in besonderer Weise beherrschte, einer, der in seiner Jugend Faustkämpfer gewesen war und im Krieg ein Auge verloren hatte, sagte: "Schreiben ist nicht nötig. Wir beherrschen unser Metier. Alles ist bereits aufgeschrieben, und du mußt nur unterschreiben!" Er aber bündelte seine ganze Kraft in einige Worte und sagte: "Aber ich bin zum Tode verurteilt! Welchen Unterschied macht es für euch? Ich möchte ein Gedicht aufschreiben und brauche nur ein Blatt Papier und einen Stift!"

Vier Monate Flehen und Bitten hatten nichts genutzt. Der unbändige Drang zum Schreiben spaltete seine Haut und ließ seine Hände erzittern. Zwei Finger seiner rechten Hand brannten. Vor der Begegnung mit dem Engel - sogar in der Abteilung 2 - schrieb er in Gedanken. Sein Geist und sein Gehirn hatten sich in ein großes weißes Blatt verwandelt, und er schrieb auf dieses endlose weiße Papier seine Geschichten und Gedichte, auch manchmal seine Erinnerungen und seinen Reisebericht in die sieben Kreise der Finsternis. Er schrieb sogar seine Erzählungen und Gedichte aus der Zeit vor der Festnahme noch einmal auf. Er änderte den Schluß einiger Erzählungen und strich einige Gedichte aus seinen erschienenen Büchern.

Schließlich, vor vier Monaten, hatte er einen Umschlag für sein Buch entworfen: ein Schwarzweißfoto. Auf dem Foto war eine große Mädchengestalt mit nachtschwarzen Haaren zu sehen. Sie stand auf einem Bürgersteig. Ihre Augen waren schwärzer als die schwarze Umrahmung des Bildes. Aus den welken Blättern, die das Pflaster des Bürgersteigs bedeckten, konnte man schließen, daß das Foto an einem Nachmittag im Herbst aufgenommen worden war, und in den Augen des Mädchens konnte man sehen, wie 612 in einem schwarzen Mercedes-Benz mit verhangenen Fenstern verschwindet, um die belebten Straßen zu passieren und in die sieben Kreise der Finsternis zu reisen.

Vor vier Monaten, genau an jenem Tag, an dem er das Bild des Mädchens gestaltet hatte, kam, von der Zellendecke aus, genau neben der schwach leuchtenden Lampe und dem ewig wachen Auge der Kamera, der Engel - ihn zu besuchen - mit einem zerbrochenen Flügel und wunden Fingern an einer Hand. Der Engel linderte die Schmerzen an seinen Füßen und trug ihm ein Gedicht vor, das er vor der Erschaffung der Welt auf einer Steintafel gelesen hatte, und 612 fühlte, daß er vor seinem Ende dieses Gedicht aufschreiben mußte, damit der Traum die dunklen Zellen verlassen konnte.

Vier Monate lang hatte er gefleht. Manchmal hatte er geschrien und dabei das Gesetz des Schweigens in der Abteilung 6 gebrochen. Dann war er ausgepeitscht worden. Einmal hatte man ihn das Kabel so spüren lassen, daß er vor Schmerz in Ohnmacht gefallen war. Dennoch hatte er weiter gedrängt, war geschlagen worden, hatte gebettelt, hatte Ströme von Tränen geweint. Das Bedürfnis zu schreiben hatte ihn wie eine verzehrende Feuersbrunst erfaßt, und er glühte vier Monate lang in der fiebrigen Sehnsucht nach der Niederschrift eines Gedichts.

Am Ende der letzten Woche nähern sich 612 die eiligen Schritte des Wärters. Das Eisenschloß wird geöffnet, eine Hand wirft durch die Türöffnung ein weißes Blatt Papier und einen Bleistift auf den Zellenboden. Die Tür geht zu. Der Wärter öffnet die Klappe an der Zellentür und sagt:

"Morgen bist du dran. Bereite dich vor!"

612 bleibt mit Papier und Stift allein. Er hat die ganze Nacht Zeit. Er umarmt die Stille und küßt sie.

Am Morgen des nächsten Tages, einige Minuten nach dem Morgengrauen, an dem der Gefangene Nummer 612 vom siebten Kreis der Finsternis in die Hölle gestürzt wird, betreten die neugierigen Vernehmungsbeamten seine Zelle und werfen eilig den Blick auf das Papier. Es ist weiß geblieben, und die verblüfften, verwirrten und zornigen Vernehmungsbeamten überlegen in ihren Steinköpfen, daß 612 ein Geheimnis mit sich in die Hölle genommen hat.

Auf der Wand an der Tür waren konzentrische Kreise zu sehen, die 612 mit seinen Fingernägeln eingeritzt hatte. Im Zentrum der Kreise befand sich ein Punkt, auf dem ein Gedicht niedergeschrieben war - in einer Schrift, die kein Auge zu lesen imstande war. Zwei Tage später legte in der Zelle 612 eine vierzigjährige Frau, die von der Abteilung 2 in die Abteilung 6 verlegt worden war, ihren schwarzen Pappstreifen unter die Eisentür der Zelle, um Papier und Stift zu erflehen.

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