Zum tausendsten Mal legte er seinen schwarzen Pappstreifen unter die Eisentür der Zelle und rief aus seinem verwundeten Gedächtnis wieder jenes Bild des düsteren Flurs der Abteilung 6 im siebten Kreis der Finsternis hervor, dessen kalte und endlose Stille die Betonwände in einen imaginären schwarzen Raum verwandelt hatte. Er wußte, daß, wenn er Geduld aufbrächte, der Wärter der Abteilung 6 das andere Teilstück des schwarzen Pappstreifens auf dem Flurboden sehen und sich von seinem Metallstuhl am Ende des langen Flurs erheben würde und daß nach dem Geräusch des Stuhles sich - mißmutig - die Schritte des Wärters der Zelle 612 neben der Toilette der Abteilung 6 nähern und er die Metallklappe oben an der Zellentür aufmachen würde und seine Unterlippe, einige Zähne und ein oder zwei weiße Schnurrbarthaare zu sehen sein würden und daß der Wärter befehlen würde: "612! Leg die Augenbinde an! Steh auf und stell dich hin und sag dann, was du willst!"

Er wußte, daß der Wärter ihn durch das kleine Guckloch beobachten und er aufstehen würde. Er wußte, daß dabei seine Fußsohlen, die durch die Schläge mit einem Kabel angeschwollen waren, und die eiternde Wunde seiner drei schwarz gewordenen Zehen des rechten Fußes den Schmerz in alle Körperteile jagen und ihn besonders in den Augen zum Ausbruch kommen lassen würden und er die Befehle des Wärters ausführen und ihn mit den Worten anflehen würde: "Stift und Papier! Nur eine Seite!" Und daß der Wärter, bevor er die Klappe zufallen ließ, zu ihm sagen würde: "Ich habe es hundertmal gesagt, daß der Vernehmungsbeamte es nicht erlaubt hat! Leg also den Pappstreifen nicht mehr hin, es sei denn, du hast Sehnsucht nach der Abteilung 2!"

Nein, er sehnte sich nicht nach der Abteilung 2. In der Abteilung 6, in die er vor sechs Monaten verlegt worden war, hatte man das Gesetz des Schweigens mit einer unsichtbaren Schrift aus Feuer und Schmerz geschrieben. In der Abteilung 6 waren das Sprechen, das Klopfen, das Weinen, das Beten mit lauter Stimme und sogar das Herbeirufen der Wärter verboten.

In der Abteilung für Todeskandidaten sprachen nur die schwarzen Pappstreifen und die kalt-trockene und metallische Stimme der Eisenklappen, wenn sie auf- und zugingen, und 22 Gefangene erwarteten, tief versunken in fiebrigen Träumen von hellroten Kirschblüten, den Tod und spielten jenseits des Todes mit himmelblauen und gelben Schmetterlingen und den roten Rosen von Schiraz, und Traumvögel durchflogen ohne Erlaubnis die wuchtigen Zementwände der Zellen.

Über das Auf- und Zuschließen der Zellentüren, das anläßlich des Toilettengangs dreimal täglich erfolgte, hatte er auf die Anzahl der Gefangenen geschlossen, die in der Abteilung 6 dieses siebten Kreises der Finsternis inhaftiert waren.

Er wußte, daß er wiederum den Pappstreifen unter die eiserne Zellentür legen, warten und um Stift und Papier flehen würde. Vor einem Jahr war er festgenommen worden. Davon hatte er sechs Monate in der Abteilung 2 verbracht. Nach seiner Verurteilung zum Tode war er in die Abteilung 6, in die Welt der Gespenster, der Schatten, des Schweigens und der Todeserwartung, verlegt worden. Und nun flehte er seit vier Monaten um Stift und Papier und erhielt Peitschenhiebe.

Vor vier Monaten war der Engel zu ihm in die Zelle gekommen und hatte die Wunden an seinen Füßen und seiner Seele gelindert. Und er hatte zum ersten Mal um Stift und Papier und um einen zusätzlichen Gang zur Toilette gebeten. Das erste Mal informierte der Wärter den Vernehmungsbeamten. Sie brachten ihn mit verbundenen Augen in die Abteilung 2, in das Imperium der absoluten Befugnis der Vernehmungsbeamten und der weisen Vorbeter, und einer der Vernehmungsbeamten, der das Peitschen mit dem Kabel in besonderer Weise beherrschte, einer, der in seiner Jugend Faustkämpfer gewesen war und im Krieg ein Auge verloren hatte, sagte: "Schreiben ist nicht nötig. Wir beherrschen unser Metier. Alles ist bereits aufgeschrieben, und du mußt nur unterschreiben!" Er aber bündelte seine ganze Kraft in einige Worte und sagte: "Aber ich bin zum Tode verurteilt! Welchen Unterschied macht es für euch? Ich möchte ein Gedicht aufschreiben und brauche nur ein Blatt Papier und einen Stift!"