Am Anfang sei das Wort, sagte der Sprecher im Radio, und das Wort am Pult gehörte Leonard Bernstein. Eigentlich, so bekannte der, sei er heute in der Carnegie Hall fehl am Platz, denn gleich werde der kanadische Pianist Glenn Gould das Klavierkonzert d-moll von Johannes Brahms gewaltig gegen den Strich bürsten. Es gebe haarsträubende Differenzen zwischen Dirigent und Solist. Gleichwohl sei Gould ein derart seriöser Musiker mit einer so interessanten Konzeption, daß gerade das Unorthodoxe möglicherweise die kuriosesten, sportlichsten, erfrischendsten Kräfte freisetzen könne. Es könne gleich zu einem Ereignis kommen, und deswegen werde er, Bernstein, jetzt auch dirigieren. Das Publikum keuchte vor Erregung. Und die Tempi ächzten. Es gab am 6. April 1962 in New York eine der vermutlich langsamsten Aufführungen des d-moll-Klavierkonzerts von Brahms (Live-Mitschnitt auf Sony CD 60675). Goulds unschuldigböser Blick durchblitzte so sehr die traditionelle Atmosphäre des Werks, daß man eine fast kriminelle Energie dahinter vermuten konnte. Doch wie immer, wenn sich Gould von einem Stück zu verabschieden scheint, nährt er zugleich die Hoffnung, neue Wege der Rückkehr zu finden. So gewinnen etwa die schier kasperlnd trappelnden Baßfiguren im Finale eine wunderbar barocke Schrulligkeit. Außerdem erzeugt das gedrosselte Tempo einen Kräftestau, der viel raffinierter klingt als der sonst obligatorische Schwung. Die Schlußpassage: eine unverhoffte Ankunft im virtuosen Alltag, die dann um so mehr fasziniert. Und Bernstein erzwingt am Pult der New Yorker Philharmoniker das vielleicht spannendste Remis der Interpretationsgeschichte. Auf das Gould in einem beigefügten, köstlichen Radio-Interview noch ein paar ästhetische Winkelzüge draufsattelt.

Natürlich ist man durch Gould nicht verdorben für Brahms. Wenn ein nicht minder junger Olympionike wie der norwegische Pianist Leif Ove Andsnes das d-moll-Konzert mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra unter Simon Rattle aus- und anpackt, haben wir es gleich wieder am angestammten, doch keineswegs konventionellen Ort. Eine herrliche Aufnahme (EMI CD 5 56583 2) ohne gutmütiges Gekraule im Brahms-Bart, schlank gespielt, mit fast nervösem Feuer und schumannesker Ritterlichkeit. Die Tempi sind hier sehr rasch, aber zielen nicht nur auf Brillanz. Andsnes und Rattle koordinieren die Zwiegespräche zwischen Solist und Orchester so liebevoll, daß es zu zarten Blitzen kommt - und zum unschuldig-innigen Blick.