Immer nach Hause!

Peter Sloterdijk beginnt eine Tiefenexpedition in die pränatale Sphäreder Menschheit von Elke Schmitter

Wenn die Philosophie, wie der Philosoph Northorp Whitehead gesagt hat, nur aus Anmerkungen zu Platon besteht, gehört Peter Sloterdijks neues Buch dazu. Für ihn sind wir Vereinzelte, Reste von Paaren, und wir suchen die uns verlorene Hälfte in einer Höhle. Das mag in den folgenden beiden Bänden seiner als Trilogie geplanten Sphären die Welt sein, einstweilen ist es die, aus der wir alle kommen, auch Uterus genannt.

An Platons Akademie soll eine Inschrift nur die zum Eintritt aufgefordert haben, die nicht allein zum Denken bereit seien, sondern auch zu Liebesaffären mit anderen Besuchern. Das deutet an, was Sloterdijk verlangt: den Einstieg in nah-ferne Welten und die Bereitschaft zur Anteilnahme, zur Verstrickung, zur erotischen Weisheit. Und das führt zu den Zumutungen, die er durch sein Schreiben aufgibt: dem Philosophen Sloterdijk zu folgen, wenn er vom Mesmerismus, der Vulva, der pränatalen Existenz, dem Mutterkuchen und anderen Entitäten spricht, die seiner Zunft so indiskutabel fern, so abstrus und trivial sind, daß Sloterdijk, kaum drin in der heutigen Akademie, schon wieder hoffnungslos draußen ist.

Anzeige

Das ist sein selbstgewähltes Schicksal seit jeher. Mit seinem ersten Gang durch die Geschichte des Denkens, der Kritik der zynischen Vernunft, hat er vor fünfzehn Jahren als ein luzider Polemiker begonnen, der Argwohn und Begeisterung erregte, aber entschieden zu wortmächtig, zu genialisch und zu eigensinnig war, um anderswo als auf dem Armsünderbänkchen für Eklektizisten - etwa neben Hans-Peter Dürr und Klaus Theweleit - einen Platz zugewiesen zu bekommen. Dort rutscht er seitdem hin und her, zu unruhig, um berechenbar zu werden, zu sehr bezaubert vom eigenen Scharfsinn, um die kleinen Unterschiede zu beachten, zu wenig konventionell mithin, um Klassiker zu werden, aber auch zu brillant, um vergessen zu sein. Wenn Sloterdijk spricht, hat er ein Publikum. Nicht immer dasselbe, natürlich. Aber ein aufmerksames, wie verdient.

Sein Vorhaben ist erkenntniskritisch und greift hinter Platon zurück. Hat ihn bei seinem philosophischen Debüt noch die Geschichte der Aufklärung als Abklärung interessiert, geht er nun auf den Anfang des Menschen zurück. Phylogenetisch: zum Homo sapiens vor der Schriftkultur; ontogenetisch: zur Eizelle im Mutterleib. Es sind die Parallelen, die ihn interessieren. Wie sind Menschen denkbar, die ohne Text und Spiegel lebten, die ihr Gesicht nicht - oder nur selten - zu Gesicht bekamen? "Der andere fungiert also wie ein personaler Spiegel; doch ist er auch das Gegenteil eines Spiegels, weil er weder die Ruhe noch die Diskretion eines Reflexes in Glas oder Metall gewährt, vor allem aber, weil er keine identische Wiedergabe, sondern ein Affektecho erzeugt." Der Mensch im ausweglosen Miteinander, um sich selbst zu erfahren, das Ich nicht als Gewißheit, sondern als Reaktion - das ist so schwer vorstellbar wie eine Kultur, in der das Mündliche die Aufnahme eines Sinns mit allen Sinnen voraussetzt. Eine Dauer-Faszination stellt er sich darunter vor, ein emphatisches Leben: "Erst die Schrift hat die Zauberkreise der Mündlichkeit aufgesprengt und die Leser vom Totalitarismus des gegenwärtigen, im Nahbereich gesprochenen Wortes emanzipiert; Schrift und Lektüre, zumal in ihrer griechischen, demokratischen, autodidaktischen Verwendungsart, führten zur Einübung in die Nicht-Ergriffenheit."

Viele Überlegungen geraten an die Grenze von Kitsch und Wahn Wie die Menschheit, so der Mensch: In einer rhetorischen Expedition in den Mutterleib, gestützt auf die neuesten Erforschungen der pränatalen Existenz, versucht Sloterdijk, den Anfang des Lebens zur Anschauung und auf den Begriff zu bringen. Der Fötus ist kein Individuum - noch nicht -, seine Welt hat keine Grenze, aber ist von Wahrnehmungen erfüllt, von Resonanzen. Er lebt in einer Sphäre, die mit der Objekt-Grammatik unseres Denkens und unserer Sprache nicht angemessen beschreibbar ist, die aber in vielen Qualitäten an die historische Vorzeit erinnert. Für den fötalen Höhlenbewohner ist konstitutiv, was wir als Effekt der Liebe kennen: Intimität und Verschmelzung, intuitiver Gleichklang, totale Regression. Koitus und Händedruck haben hier allerdings keinen Platz - die Intimsphäre nach Sloterdijk ist kein gerichtetes, erhandeltes Miteinander, sondern ein Sein, in seiner aktuellen Ausprägung jährlich in Berlin anzutreffen. Menschen, schon immer Sphärenbewohner, erleben vor allem akustisch die rückgebundenen, enthusiasmierenden Kräfte der Ur-Existenz: Das Publikum der Love Parade "verlangt offensichtlich danach, von dem akustischen Moloch nach innen geholt und in seinen Eingeweiden in ein rhythmisiertes, sauerstoffknappes, prä-subjektives Etwas verwandelt zu werden." Die Love Parades könnten "ihrem immanenten Konzept nach ebensogut Truth Parades heißen, weil es ihnen darum geht, große Zahlen von Menschen, die ausnahmslos auf die Attribute ihrer Individualität Wert legen, in glückliche, symbiotische, reversible und insofern wahre Sonsosphären zu absorbieren."

Das Komische ist meist Tabuverletzung, also ist Sloterdijk oft komisch. Die ungeschriebene Regel, das nicht Objektivierbare der Dichtung zu überlassen, behelligt ihn nicht im geringsten. So nimmt er hin, daß seine Untersuchungen zur pränatalen Existenz vom eindrucksvoll Impressionistischen und präzis Phänomenologischen an die Grenze zu Kitsch und Wahn geraten - zum Beispiel, wenn er die neuzeitliche Verachtung des Mutterkuchens zur Ursache des Totalitarismus erklärt. Wichtiger ist ihm der Verstörungsgewinn, der aus seinen Rhapsodien folgt: nicht weniger als die Überwindung des Subjekt-Objekt-Denkens, wenn wir vom Menschen sprechen.

Um die intellektuelle Konvention als Verarmung der Erkenntnis zu belegen, unternimmt Sloterdijk Ausflüge nicht nur in die Archäologie und Kunstgeschichte (das Ei als Form, das Matriarchat, Bestattungsriten), sondern auch in die Neuzeit des Denkens. Er zitiert Schellings Naturphilosophie, kritisiert Lacan und legt beiläufig eine ingeniöse Neuinterpretation der Heideggerschen Philosophie vom existenzialen Ort vor. Den Mesmerismus wie die Psychoanalyse stellt er eindrücklich als gescheiterte Versuche dar, die Möglichkeit spiritueller Intimität und die Erinnerung an eine Vorzeit des Mit zu beleben: Versuche auf dem richtigen Weg, aber falsch abgebogen in Hokuspokus einerseits beziehungsweise den Szientismus andererseits. Das zähe Bemühen Freuds, seine Erfahrungen und Ideen zu einer Naturwissenschaft umzubilden, beschreibt Sloterdijk als intellektuellen wie therapeutischen Verlust - und die Entwicklung der Psychologie von der Energetik bis hin zur Familienaufstellung gibt ihm darin recht. Daß es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, aber auch zwischen Mensch und Mensch, als unsere Schulweisheit sich träumen läßt, ist für ihn nicht bedrohlich - und dieses unerschrockene Bemühen, immer neu zu differenzieren und nicht das Unbegriffene gleich auf den Müllhaufen der Esoterik zu werfen, ist eindrucksvoll. Auch mehr?

Sloterdijk ist als Autor ein rhetorisches Genie mit ironischer Präzision, als Temperament ein Aphoristiker, aber seine Gebärde ist die eines Sehers; er ist als Intellektueller ein Eklektizist, doch sein Streben zielt aufs Ganze: Das macht Charme und Schwäche seines Unternehmens aus. Seine Theorie ist, wo nicht rein spekulativ, im einzelnen gut bewiesen, aber die Größenordnung seines Vorhabens macht aus dem Beweis zwangsläufig den Beleg, denn er schreibt, was nach der letzten Mode ein rührender Anachronismus ist: eine große Erzählung. (Früher hätte man Weltanschauung gesagt.) Mit dem ersten Band seiner Sphären hat er seine Erkundung begonnen, was der Mensch sei, und lediglich kurze Passagen geben Auskunft, welche geistesgeschichtliche Enttäuschung ihn dazu trieb: "Vom 17. Jahrhundert an breitet sich in den informierten Massen der Ersten Welt, die neue psychokosmologisch relevante Empfindung aus, die Menschen seien von der Evolution, der indifferenten Göttin des Werdens, nicht gemeint." Wer "noch immer nach außen und oben schauen wollte, geriete in eine Menschenleere und Erdferne, für die es keine relevante Grenze gibt. Auch im materiell Kleinsten haben sich Komplexitäten enthüllt, bei denen wir die Ausgeschlossenen, die Entfernten sind. Darum ist die Erkundigung nach unserem Wo sinnvoller denn je ..."

Der Mensch friert jetzt im Kopf. Sloterdijk legt keine Decke darüber, aber er sagt dem Patienten: Innen ist es ganz warm! In seinem folgenden Buch will er sich den Heizkissen widmen, die unsere Kultur anbietet, um das leere Firmament zu vergessen und die sphärische Kern-Existenz: "Die großtechnische Zivilisation, der Wohlfahrtsstaat, der Weltmarkt, die Mediasphäre." Ob er im einzelnen "recht haben" wird, dürfte das am wenigsten Interessante auch an diesem Teil der Sphären sein, weil Sloterdijks Arbeit, zwischen Zivilisationskritik und Neo-Ontologie mäandernd, wie alles Neue das Rechthaben überschreitet. Von Picabia stammt der schöne Satz, der Kopf sei rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann. Mit Sloterdijk schwindlig werden ist eine feine Sache.

* Peter Sloterdijk: Sphären I. Blasen Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1998; 644 S., Leinen 78,- DM, kartoniert 49,80 DM

Zur Startseite
 
Service