Kann denn Lesen Sünde sein? In alten Zeiten warnten die Gebildeten vor den verderblichen Folgen des Romanlesens, später vor denen des Films, der Comics oder des Fernsehens. Heute wird das Lesen von Staats wegen gefördert. Als wäre das Lesen allein schon eine Tugend. Vielleicht ist es das ja. Aber auch Lesen kann eine Droge sein, nur braucht es den richtigen Stoff.

Eines Tages kam F., die schon mehrmals wegen nächtelangen Lesens verwarnt worden war, mit dem Märchenmond an und sagte, das mußt du mal lesen. Der Vater, erschöpft von der Lektüre der ZEIT, nahm den 400 Seiten dicken Band in die Hand, fing an und hörte nicht mehr auf. Da war es drei Uhr nachts, und die bösen Geister von Morgon rumorten in seinem Kopf. Es kam ihm vor, als hätte er die Sünde der Zeitverschwendung begangen.

Aber schön war es doch. Zwar begegnete ihm, als er Kim auf seinen gefahrvollen Reisen ins Land Märchenmond begleitete, mancherlei Vertrautes. Die Feste Morgon jenseits des Schattengebirges war bis in die Namen hinein eine Variation (um das Wort Plagiat zu vermeiden) von Mordor aus Tolkiens Herrn der Ringe. Den fliegenden Drachen kannte er aus Michael Endes Unendlicher Geschichte. Und der ewige Kampf des Bösen mit dem Guten war nun wirklich nicht neu. Aber die kräftig, manchmal grell kolorierten Mythen faszinierten ihn derart, daß er sich kaum eine Sekunde langweilte. Und er verfiel in jene Gangart, die man Verschlingen nennt, was nichts anderes bedeutet, als sich mit fliegenden Fahnen in den Rachen eines verantwortungslosen, kindischen Leseabenteuers zu stürzen.

Er las, sobald F. mit ihrer Lektüre fertig war, alle drei Bände von Märchenmond. Er drang mit Kim in die Eingeweide der Berge vor, wo die Zwerge ihre fürchterlichen Roboter bauten. Er flog auf dem Rücken von Rangarig bis zur Klamm der Seelen, an deren Grund der bösartige Tatzelwurm hauste. Er kletterte hinauf in den gigantischen Baum, in dessen Gezweig ganze Dörfer und in dessen Ästen ganze Systeme von Gängen und Treppen verborgen waren. Er amüsierte sich über die bizarren Fabelwesen, die Kim zur Seite standen, wenn er den unermüdlichen Angriffen der Drachen, der Zwerge, der schwarzen Ritter standhalten mußte - darunter Bröckchen, das tags als schleimiger, stacheliger Unhold erschien und nachts als katzenähnliches Schmusetier; oder die Elfe Twix, deren Zickigkeit, manchmal sogar Dummheit aufs schönste ihrem Wagemut und ihren magischen Kräften widersprach.

Und dann wollte er wissen, wer eigentlich die Verfasser waren, dieses Ehepaar Wolfgang und Heike Hohlbein: er ein ehemaliger Versicherungskaufmann, der anfangs nach Heimwerkerart Science-fiction- und Western-Heftchen gebastelt hatte, und sie Hausfrau, Mutter von sechs Kindern und zwölf Katzen. Eines Tages, so heißt es, habe er sie gefragt, weshalb sie seine Sachen nicht lese, und sie habe geantwortet, sie könne diese Mord- und Totschlaggeschichten nicht leiden, ihr fehle das Märchenhafte. Da taten sich beide zusammen. Er schrieb. Und sie sowie die Kinder lieferten Idee und Moral und Pointen. So entstanden Märchenmond und all die anderen dicken Doppel-Hohlbeine. Nimmt man die fast 100 Wolfgang-Hohlbein-Romane dazu, so kommt eine Gesamtauflage von rund zwei Millionen heraus. Allein die drei Märchenmonde erzielten 400 000 Exemplare.

Wieder einmal, so dachte der Vater, als er auf einer Zugfahrt den Roman Katzenwinter verschlang und noch im Hotel kurz vor seinem Termin die letzten Seiten vertilgte, haben wir es mit einer Erfolgsliteratur zu tun, die außeroder unterhalb der kritischen Wahrnehmung liegt. Die Hohlbeins sind Bestseller auf dem Jugendbuchmarkt. Sie werden viel gelesen und selten gelobt. Einen der mannigfaltigen Preise für gute Jugendliteratur werden sie nie kriegen. Sie bedienen das Genre Fantasy, und das gilt als trivial. Es ist eine unreine Mischung aus Phantastischem und Märchenhaftem, aus englischem Gothic novel und deutscher Romantik, aus Science-fiction und Sage.

Ein Ort gefangener Seelen, bewacht von Höllenhunden