Ein Jahr nachdem die allenthalben wegen ihrer Unsinnlichkeit getadelte oder auch gepriesene documenta X ihre Pforten geschlossen hatte, wurde im Hamburger Bahnhof in Berlin eine Ausstellung eröffnet, die allenthalben wegen ihrer Sinnlichkeit gepriesen oder auch getadelt wird. Die derzeit unter dem programmatischen Titel Sensation präsentierten Werke junger britischer Künstler aus der Sammlung Saatchi haben nach den Kasseler Strapazen ein weithin hörbares Aufatmen hervorgerufen. Der Eindruck konnte entstehen, als sei die gegenwärtige Kunst von einem Schisma geprägt. Hier eine wilde, drastische und derbe, dort eine asketische, intellektuelle und moralische Kunst. Hier eine Kunst des Körpers, dort eine Kunst der Ideen.

Aber dieser Anschein trügt. Keine gelungene künstlerische Operation hat je mit der Trennung von Körper und Geist paktiert. Warum das so ist, hat niemand klarer gesagt als Paul Valéry in seinem Dialog Eupalinos oder Der Architekt aus dem Jahr 1923. Spricht man über die großen Ästhetiken dieses Jahrhunderts, kommen einem deutschen Publikum wohl zuerst die um 1935 entstandenen Kunstwerk-Aufsätze von Benjamin und Heidegger und die 1970 posthum erschienene Ästhetische Theorie Adornos in den Sinn.

Phaidros und Sokrates treffen sich im Hades, um, ausgehend von dem Beispiel des fiktiven Architekten Eupalinos, über die Verwandtschaft von Baukunst und Musik, von Musik und Dichtung, von Malerei und Tanz zu reden. Von der Last ihres Leibes befreit, müßten sie eigentlich in der optimalen Position für die Anschauung des Schönen sein. Hatte doch Platon in seinem Dialog Phaidros behauptet, die Menschen seien in ihren Leib "eingekerkert wie ein Schaltier" und könnten daher ihr höchstes Verlangen nicht wirklich erfüllen. Was für eine Enttäuschung aber für die nunmehr reinen Seelen! Sehnsüchtig vermißt Valérys Phaidros die "vergänglichen Himmel", die den Sinnen eine immer neue Erscheinung anzubieten wußten. "Nun, da wir des Körpers beraubt sind", sinniert der französische Sokrates, "müssen wir uns offenbar beklagen und jenes Leben, das wir verlassen haben, mit demselben neidischen Aug betrachten, mit dem wir früher hinübersahen nach dem Garten der seligen Schatten." Phaidros zieht die bittere Konsequenz: "Diese Anlagen sind voll von unseligen Ewigen."

Bedauernswert sind diese Unsterblichen, weil ihnen mit dem hinfälligen Leib auch der Sinn für das Einmalige genommen ist. Nur die, deren Lebenszeit vergeht, sind für die Zäsur eines unfaßlichen Erscheinens offen. Nur wer ein leiblich beschränktes Dasein hat, kann die eigene Gegenwart als eine Fülle unabsehbarer Möglichkeiten erfahren. Nur er kann immer neue Zeiträume einer ekstatischenWahrnehmung erfinden. Ebendies ist die Aufgabe des Künstlers. Er stellt einen "Zusammenhang von Erscheinungen, Übergängen, Widersprüchen und unbeschreiblichen Ereignissen" her. Er läßt einen buchstäblichen oder metaphorischen Raum entstehen, dessen Konstruktion sich nur denen erschließt, die sich mit wachen Sinnen von ihm einnehmen lassen. Nur für einen resonierenden Körper sind die ästhetischen Ideen da.

Valérys Überlegungen sind geeignet, Zweifel an dem Glauben zu nähren, die Geschichte der neueren Kunst habe sich "von der Erscheinung zur Konzeption" bewegt - und sei jetzt dabei oder solle sich endlich daranmachen, den umgekehrten Weg zu gehen. Nicht einmal auf Duchamp, der sie provoziert hat, trifft diese Formel zu. Ohne das irritierende Gesicht seiner Objekte ginge keinerlei Irritation von ihnen aus. Aber auch mit einer blanken Sinnlichkeit ist es nicht getan. Die zersägten Tierkörper, die Damien Hirst in der Sensation -Ausstellung feilbietet, sind so fade wie nur je ein blutloses Werk der Kunst. Weit überlegen sind ihnen die grausam schönen Körperlandschaftsbilder der Jenny Saville, die eine Theorie des Fleisches entwerfen, an die kein Gedanke heranreicht. Über den Maler sagt Valéry: "Er kann die Farbe nicht trennen von irgendeinem Wesen." Das Sein des Kunstwerks bleibt an das Kalkül seines Erscheinens gebunden.

Paul Valéry: Eupalinos oder Der Architekt Deutsch von Rainer Maria Rilke; Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1995; 183 S., 16,80 DM