Wenn man den vielen Nachrufen trauen darf, dann muß die nahende Millenniumswende eine Menge Melancholien mit sich führen. Die Nekrologie zum Jahrtausendende boomt. Was ist in letzter Zeit nicht alles totgesagt worden - von der Gewerkschaftsbewegung bis zur Postmoderne, vom literarischen Kanon bis zum Sozialismus, vom Print-Journalismus über die Ehe bis zu den Kulturmagazinen im Fernsehen. Don DeLillo hat in Unterwelt dem Kalten Krieg den Nachruf geschrieben, Arthur Danto formulierte die finale Würdigung für die Kunst nach dem Ende der Kunst, und Susan Sontag beklagte das Ableben der Cinephilie.

Neuerdings wird in den Feuilletons das Dahinscheiden eines ganzen Berufsstandes betrauert - ironischerweise just von dessen Mitgliedern selbst. Es häufen sich die Nachrufe auf den Beruf des Kritikers, durchweg geschrieben von Kritikern. Allenthalben ist vom Kritiker und von der Kritik wie von einer aussterbenden Spezies die Rede.

In den neueren Infotainment-Medien komme der klassische Rezensionsjournalismus gar nicht mehr vor - er gelte als zu anstrengend, zu zeitraubend, zu umständlich, der Charts- und Hitlisten-Journalismus habe ihn abgelöst, heißt es da. In einigen Kunstsparten, namentlich dem Film, der bildenden Kunst, dem Fernsehen, seien der souveräne Kritiker, die autonome Kritik bereits am Verschwinden; in anderen Kunstbereichen - Theater, Musiktheater, Literatur - drohe deren Marginalisierung auf einem globalisierten Kulturmarkt und damit auch der Autoritätsverfall der je zuständigen Kritik. Wenn schon der Kunstkram selber immer weniger interessiere, um wieviel geringer sei dann erst das Interesse an den Kunstmeinungen der Kritiker, so wird argumentiert.

Es sind durchweg angesehene amerikanische Kritiker, aus Journalismus wie aus Academia, die in einem kürzlich erschienenen Essayband (The Crisis of Criticism) dem Kritikergewerbe einen dramatischen Verlust an Einfluß und Prestige bescheinigen. In der Medienöffentlichkeit bestehe immer weniger Bedarf an Kritikern als Klassifizierungsexperten, Orientierungsinstanzen und Hütern selbstentwickelter, aber verbindlicher Standards von Vortrefflichkeit. Als gefälliger Ersatz stehe der Marketing-Journalismus mit seinem Service-Angebot bereit.

Und es war David Denby, der Filmkritiker des New Yorker, der sich in einem vielbeachteten Essay (Die Kinogeher) fragte, "warum den Leuten nicht mehr die richtigen Filme gefallen", und die völlige Entmachtung der Filmkritik, jedenfalls in den USA, konstatierte. Als Hauptgründe für diesen Bedeutungsverlust der Kritik nennt Denby einerseits Hollywood, also eine global agierende Filmindustrie, die über ihre angeschlossenen Multiplex-Abspielbasen ihre eigenen Kriterien von Massenunterhaltsamkeit kraft schierer Marktmacht weltweit durchsetze, und andererseits die zunehmende Anspruchslosigkeit eines Publikums, das sich mit den von Hollywood diktierten Qualitätsstandards unkritisch begnüge.

Was diese Hollywoodfilme kennzeichne, sei "das postmoderne Grinsen", eine "korporative Ironie, die sich über das Produkt lustig macht, das sie verkauft". Diesem Bündnis des Unernstes zwischen den Filmherstellern und ihren spaßversessenen Abnehmern sei künstlerische Ernsthaftigkeit nicht gewachsen. "Zynismus vertreibt ebenso wie Falschgeld authentische Produkte vom Markt."

Da steht der Filmkritiker als Mittler zwischen Kunstware und Konsument auf verlorenem Posten. Er ist entbehrlich geworden. Und er ist ohne Wirkung. David Denby bestätigt nur Befunde, die eine aufmerksame Kulturpublizistik, auch außerhalb Amerikas, längst als Trend erkannt hat. Der Filmkritiker kann nicht mehr stillschweigend voraussetzen, er sei sich mit seinen Lesern einig über Qualitätsansprüche - das Publikum geht, wie die Marktforschung belegt, weniger ins Kino, um bestimmte Filme zu sehen, vielmehr frequentiert es das Cineplex wie die Kneipe, die Disco oder die Shopping Mall als sozialen Konsum-Ort. Von der Filmkritik wünscht es keine komplexen Wertungen, sondern nur noch Kurz-Infos übers Was und Wer.