Als 1386 die College Hall der Universität Oxford gebaut wurde, pflanzte der Baumeister ein paar Eichen. 500 Jahre später wurden diese Bäume gefällt - gerade rechtzeitig, um mit ihrem Holz den Dachstuhl der College Hall zu renovieren.

Da hat jemand an die Zukunft gedacht. Der mittelalterliche Architekt wußte, daß sein Bauwerk nicht ewig halten würde, und sorgte dafür, daß seine Nachkommen über das Material für die Reparatur verfügten. Und heute? Heute wird viel von der Zukunft geredet. Aber schon 30 Jahre alte Hochhäuser müssen gesprengt werden, weil für die verrotteten Gebäude niemand mehr Verwendung hat.

Trotz allen Zukunfts-Blablas im Angesicht des Jahrtausendwechsels leben wir in einer Zeit, die blind für die Zukunft ist, meint Danny Hillis. Der 40jährige ist das, was man in Amerika einen nerd nennt: ein blitzgescheiter Technikfreak, Absolvent des Massachusetts Institute of Technology (MIT). Bekannt wurde er durch die Erfindung des ersten "massiv parallel" rechnenden Computers, der Thinking Machine. Seine Firma hat er längst verkauft, jetzt genießt er als Fellow der Walt Disney Corporation das Privileg, sich mit dem zu beschäftigen, was er gerade interessant findet. Und er darf dabei weiter so herumlaufen wie zur Studentenzeit: strähnige lange Haare, verbeulte Hosen, bunte Pullover über dem leichten Bauchansatz.

Der Abstand vom Computergeschäft scheint Danny Hillis gutzutun. Vorbei die Jagd nach Gigaflop-Rekorden und immer größerer Prozessorleistung. Der Mann, der einst den schnellsten Computer der Welt gebaut hat, will nun die langsamste Maschine der Welt konstruieren: eine Uhr, die 10 000 Jahre lang tickt - einmal pro Tag.

Als Danny ein Kind war, hatte die westliche Welt noch große Visionen von der Zukunft. Astronauten schickten sich an, den Weltraum zu erobern. Die Menschheit träumte von Städten auf dem Meeresboden, von der technischen Bewältigung all ihrer Probleme. Diese Zukunft war mit einer Jahreszahl verknüpft: 2000. Jetzt ist es nur noch ein Jahr bis zum großen Nullen, und 2000 ist immer noch die Chiffre für Zukunft, der zivilisatorische Tellerrand, über den kaum jemand hinauszublicken wagt. Die Zukunft ist einfach stehengeblieben. "Das hat zwei Gründe", sagt Hillis, "einen realistischen und einen psychologischen. Der realistische Grund: Die Technik verändert sich so schnell, daß die Leute sich nicht vorstellen können, wie die Zukunft wird. Also haben sie Angst vor Veränderung. Zusätzlich ist das Millennium aber auch eine psychologische Barriere, an der sie diese Angst aufhängen können."

Danny Hillis überlegte, wie er den Menschen diese historischen Scheuklappen nehmen könnte. Es mußte etwas her, das den Zeithorizont erweitert. Etwas von Dauer. Die Artefakte früher Zivilisationen haben sich 10 000 Jahre lang gehalten - meist Werkzeuge, Waffen oder Tongefäße. Oder die Pyramiden und Stonehenge. Blickt man in die entgegengesetzte Richtung der Zeitachse und überlegt, welche unserer heutigen Zivilisationsprodukte in 10 000 Jahren noch vorhanden sind, dann bleibt dagegen nicht viel (siehe S. 28). Gerade unsere moderne "Zukunftstechnik" ist besonders kurzlebig: Magnetbänder, Disketten, CD-ROMs - wir wissen nicht einmal, wie lange sie halten werden. Und schon vor der physikalischen Zersetzung werden sie unbrauchbar sein, weil kein Gerät mehr da ist, mit dem wir sie lesen können.

Danny Hillis, der Tüftler und Bastler, beschloß, eine Maschine zu bauen, die 10 000 Jahre lang funktioniert. Und weil es um Zeit geht, sollte es eine Uhr sein. Eine Uhr, die auch im Jahr 12 000 noch einem vorbeikommenden Passanten die Zeit angeben wird. Nicht auf eine millionstel Sekunde genau, sondern auf einen Tag genau. Ein Monument, irgendwo in der Wüste oder auf einem Berg, dessen einziger Zweck es ist, lange zu überleben und zu funktionieren.