Alle Leute sind schlau. So lautet eine gern an Bürowände gepinnte Weisheit: Manche vorher, die meisten nachher. Herman Kahn galt als besonders schlau. Ein Intelligenzquotient von 200, "um 50 Punkte oberhalb der Genie-Grenze", wie es in einer Biographie heißt. Ein fleischgewordener Computer. Ein Mann, der das Undenkbare dachte. Ein "Clausewitz des Atomzeitalters". Ein - nein: der Zukunftsforscher einer Epoche, in der Futurologen noch glaubten, eine Zukunft zu haben. Nachkriegszeit. Kaltekriegszeit. Think-Tank-Zeit.

Alles lange her. Und das ist gut so. Denn zum Ende dieses Jahrhunderts können wir die Weissagungen des 1983 von einem Herzinfarkt dahingerafften "Gurus der Futurologen" bequem mit unserer real existierenden Gegenwart vergleichen. Zum Beispiel jene, die Herman Kahn 1967 zusammen mit seinem Kollegen Anthony Wiener im Buch The Year 2000 (deutscher Titel: Ihr werdet es erleben) veröffentlicht hat. Es versprach, laut Untertitel, "einen Rahmen für die Spekulation über die nächsten 33 Jahre" zu ziehen.

Das Bild jener Zukunft, die unsere Gegenwart werden sollte, wirkt heute seltsam antiquiert. Das liegt zum einen an der Faktenlage: Die meisten Prognosen Kahns trafen schlicht nicht ein - weder beleuchten heute künstliche Monde die Nachtseite der Erde noch verfügen wir über "relativ effektive Appetit- und Gewichtskontrollen". Auch die von ihm als "sehr wahrscheinlich" eingestufte "Nutzung nuklearer Sprengsätze im Berg- und Tiefbau" blieb uns, Gott sei Dank, erspart. Zudem kamen von ihm keinerlei Hinweise auf jene welterschütternden Ereignisse, die dann tatsächlich das letzte Drittel des 20. Jahrhunderts prägten: Kahn sah keine Energiekrise voraus, keine Umweltbewegung, nicht den Zusammenbruch der Sowjetunion und nicht die Europäische Währungsunion.

Zum anderen entströmt The Year 2000 eine merkwürdig vorgestrige Grundhaltung. Eine in die Zukunft schwadronierende technokratische Faktenhuberei. Ein aberwitziges Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit damals gerade modischer technischer Trends. Eine verbale Dampfwalze, unter der auch jene gelegentlich eingestreuten selbstkritischen Hinweise platt gewalzt werden, wonach alle Prognosen, die weiter als zehn Jahre in die Zukunft reichen, prinzipiell äußerst unsicher sind. Eine großmäulige Ankündigung, mit Hilfe jener "neuen Naturwissenschaft" (new science) namens "Strategiespiele" (strategy games) den Politikern zu sagen, wo es künftig langgeht. Kurz: eine an Hybris grenzende Selbstsicherheit, die - rückblickend - nur durch die Lächerlichkeit ihres Scheiterns übertroffen wird.

Der Glaube an die Allmacht der Technik verstellte ihm den Blick

Hinterher sind alle schlauer, gewiß. Und Besserwisserei aus heutiger Sicht ist billig; dazu bedarf es weder der Phantasie des Propheten noch dessen Mut zum Scheitern. Um dem Phänomen Herman Kahn gerecht zu werden, muß auch die Zeit berücksichtigt werden, die ihn hervorgebracht hat. Es muß geprüft werden, ob er eine Chance hatte, über den Tellerrand seiner Epoche hinauszublicken - und, wenn ja, warum er diese Chance nicht nutzte. Und es sollte eine Lehre aus dem Aufstieg und Fall des Futurologen gezogen werden, die möglichst länger Bestand hat als die meisten seiner Weissagungen.

Herman Kahns Glanzzeit war die Ära eines geradezu heroischen Kampfes konkurrierender Machbarkeitswahnideen: Den Hitler-Faschismus und den japanischen Militarismus eben unter ungeheuerlichen Verlusten niedergerungen, sah sich die technokratisch-militärische Elite Amerikas von einer noch größeren Bedrohung konfrontiert - von der totalitären, mit Wasserstoffbomben gerüsteten Sowjetunion. Es war zugleich die Ära eines gewaltigen wissenschaftlich-technischen Schubs: Computer, Laser und Düsenverkehrsflugzeuge, Antibiotika, moderne Impfstoffe und Molekularbiologie veränderten das Leben.