Um 19 Uhr hält Christian seine erste Tischrede. Tischreden sind Tradition in der Familie. Auch bei diesem Fest zum 60. Geburtstag von Christians Vater dürfen sie nicht fehlen. Die Verwandtschaft tafelt und schwatzt, der Toastmaster Karl bittet um Ruhe, die Gläser funkeln, das Personal gönnt sich eine Pause. Während der Tischreden wird nicht serviert. So war es, so wird es sein, so ist es auch heute.

Aber Christian hält keine gewöhnliche Rede. Er tischt eine Geschichte aus seiner Kindheit auf, eine Geschichte mit dem Titel Vater nimmt ein Bad. Sie handelt davon, wie der Vater den Jungen Christian und dessen Zwillingsschwester Linda mißbrauchte. Die Verwandtschaft stutzt, schweigt - und feiert weiter. Die Dienerschaft serviert, der Großonkel erzählt seinen immergleichen Witz, die Oma singt ihr Lied, der Braten schmeckt köstlich, und der Wein fließt in Strömen. Ihr Sohn, sagt die Mutter, hatte schon als Kind viel Phantasie.

"Die Familie", sagt Regisseur Thomas Vinterberg, "gewinnt immer." Sie überdauert die Verbrechen, die sie begeht. An Flucht ist nicht zu denken. Der dänische Sommer kennt kein Erbarmen, auch die Handkamera nicht. Sie kommt den Gesichtern gefährlich nahe, begibt sich mitten in die Tafelrunde, sucht Körperkontakt, zieht sich zurück und nähert sich wieder. Dem diskreten Charme der Bourgeoisie rückt sie mit besessener Neugier zuleibe, fixiert eine Hand oder ein Glas, schwenkt herum und gerät unversehens in Panik.

Die Handkamera macht sich zu Christians Komplizin: Während die Familie den Schein wahrt, richtet sie ein Chaos an. Sie fischt im trüben und kämpft sich durch das Gestrüpp der Lügen, des Schweigens, der Ignoranz. Mit den verwackelten Einstellungen und den ungeschönten, grobkörnigen Aufnahmen fördert sie die Wahrheit zutage. Die Wahrheit über VaterMutterKind, die Wahrheit hinter einem falschen Lächeln, einer aufgesetzten Höflichkeit, einem Wutanfall, einer Bewegung, kurz: die Wahrheit des Kinos. "Ich mache Filme", so Thomas Vinterberg, "weil ich im Kino zeigen kann, was die Menschen voreinander verbergen."

Der Regisseur hat gemeinsam mit seinen dänischen Kollegen Lars von Trier, Søren Kragh-Jacobsen und Christian Levring ein filmisches Keuschheitsgelübde abgelegt. Es heißt "Dogma '95", und es verbietet in zehn Geboten sämtliche technischen Tricks. Künstliche Requisiten, künstliches Licht, Waffen und Morde, Genrefilme, nachträgliche Tonaufnahmen oder Soundtracks sind untersagt. Vorgeschrieben sind Handkamera, Originalschauplätze und die Einheit von Zeit und Ort. Eine Rettungsaktion, eine Selbstbeschränkung zum Zweck der Befreiung der Bilder. "Das zeitgenössische Kino", sagt Vinterberg, "ist die konservativste unter den Künsten. Es gibt so viel Routine und Professionalität, daß uns jede Bewegungsfreiheit genommen ist. Wenn ich einem Produzenten einen Filmstoff erzähle, weiß er sofort, wie der Film aussieht und wieviel er kostet. Filme sind heutzutage fertig, bevor sie gedreht werden. Dabei wird alles Lebendige im Namen eines Publikums abgetötet, dessen Sehgewohnheiten man angeblich befriedigen muß."

Das Fest handelt von der Macht dieser Gewohnheit und davon, wie man sie brechen kann. Von den Ritualen menschlichen Zusammenlebens und von den Ritualen des Filmemachens. Das "Dogma", zunächst ein verrückter Plan unter Freunden, der an einem launigen Abend in einer halben Stunde zu Papier gebracht wurde, kündigt den Kanon des Kinos auf. Keine Eleganz, keine Musik, kein Erzähler und keine Rückblenden, die dem Zuschauer Gewißheit und Orientierung verschaffen. Die Bilder bleiben roh, die Schnitte hart, das Licht bleibt ungefiltert, der Blick nachhaltig verstört. Nichts erscheint so, wie man es kennt. Also traut man seinen Augen nicht mehr. Jede Szene ein Schock, ein Einspruch gegen die vorprogrammierten Emotionen der Filmindustrie.

Thomas Vinterberg ist 29 Jahre alt. Alle seine Filme bisher handeln von Familien, von ihrer Erfindung und ihrer Zerstörung. All seine Helden scheren aus, nehmen Abschied von der Vergangenheit und sind mit der Schwierigkeit konfrontiert, sich dem Augenblick zu stellen. Fast immer ist den Bildern ihre beinahe wütende Suche nach Intensität anzusehen. "Für meine Vorstellungskraft war das ,Dogma' das Befreiendste, was ich je getan habe. Wenn einem nicht mehr erlaubt ist, mit Scheinwerfern zu arbeiten, wird ein Feuerzeug etwas unglaublich Kostbares."

Wir sitzen in Kopenhagen am Hafen, dort, wo die Fähren nach Schweden abgehen. Thomas Vinterberg kaut unentwegt Kaugummi, raucht Kette, trinkt Wasser und Kaffee. Er trägt einen schwarzen Anzug und spricht über seinen Erfolg wie über eine quälende Krankheit. Das unterscheidet ihn von den jungen, deutschen Regiestars Sönke Wortmann, Detlev Buck oder Tom Tykwer. Er weiß, was ich wissen will, bevor ich ihm Fragen stelle. Vermutlich verbrennt er jede Kalorie schneller als andere Menschen.

Vinterberg haßt Wiederholungen. Also sprechen wir nicht länger über das "Dogma" und über Das Fest und erzählen einander von unseren Kindern und von der Zeit, als wir selbst Kinder waren: "Ich bin in einer Wohngemeinschaft aufgewachsen, und alles war möglich. Meine Eltern fanden gut, was ich tat, sie haben nichts in mir zerstört. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Trotzdem werde ich meinen Kindern immer wieder zu sagen versuchen, wo es langgeht. Denn es war gleichzeitig schrecklich, als junger Mensch so viel Freiheit zu haben. Mit 16 Jahren fing ich an, Filme zu drehen, ich hatte entsetzlich viel Ehrgeiz, die Folge von Angst - Angst, keine Daseinsberechtigung zu haben. Ich war eine Karrieremaschine. Mit 23 reiste ich mit meinen Filmen durch die Welt und hatte vergessen, zu schlafen, mich zu verlieben und mich zu amüsieren. Ich war damals erwachsener als heute und vollkommen ausgebrannt. Dieser Film ist das Ergebnis meiner Aggressionen, die daher rühren, daß ich zehn Jahre lang nicht geschlafen habe."

Ein Selbstversuch: Wer Grenzen sprengen will, muß sie erst einmal setzen. Kein Zufall, daß alle "Dogma"-Filme Ensemblefilme sind, Gruppentherapien gegen die Inflation der laufenden Bilder im Medienzeitalter. In Idioten von Lars von Trier (deutscher Kinostart im März) veranstaltet eine Freundesschar ein gewagtes Spiel. Einer übernimmt die Rolle des Pflegers, die anderen benehmen sich wie die Verrückten. Eine Probe aufs Exempel der bürgerlichen Wohlanständigkeit. Und im dritten "Dogma"-Film schickt Christian Levring einen Bus voller Touristen auf eine Reise ins Ungewisse.

Kein Wunder auch, daß es spukt. Während Vinterbergs Familienfeier spinnen die Dienstleute im Keller ihre Intrige gegen die Herrschaft. In den Zimmern des Gasthofs fällt ein Glas zu Boden, im gleichen Moment schreckt eine Frau aus der Badewanne hoch, der Brief einer Toten wird gelesen, ein Geheimnis wird gelüftet. Auf diesem Fest geht es sowenig mit rechten Dingen zu wie in Lars von Triers Fernsehserie The Kingdom. Mitten in der Gegenwart treiben die Gespenster der Vergangenheit ihr Unwesen.

Und die Lebenden gewinnen schärfere Konturen. Nein, der Vater (Henning Moritzen) entpuppt sich nicht als Monster, er bleibt ein wehrloser, verschreckter Patriarch. Nein, Michael (Thomas Bo Larsen) ist nicht einfach ein cholerischer Alkoholiker, der seine Frau schlägt, sondern ein Körpertier, das sich prügelt, weil es um Zuneigung buhlt. Und Christian selbst (Ulrich Thomsen) legt eine Ruhe an den Tag, die jeden Augenblick in Raserei umschlagen kann. Wie bei Bergman oder Ibsen kennt auch dieses Familiendrama keine klassischen Helden, denn es verweigert jene Distanz, aus der heraus die Guten und die Bösen sich ausmachen ließen.

So sorgt das "Dogma" eben nicht für eine naturalistische Dokumentar-Ästhetik. Im Gegenteil. Das Kino soll nicht seine Unschuld wiedergewinnen, sondern sein Pathos, das ihm mit dem Ende der Stummfilmära verlorenging. Also eröffnet die Kamera einen Raum für einen neuen Expressionismus, eine Bühne für die Seele. Auf der Kehrseite der Normalität entdeckt sie die Bewegungen des Irrationalen, das, was den Menschen zum Menschen macht. Dabei führt sie sich selbst niemals als Star auf, sondern stellt sich bescheiden in den Dienst der Schauspieler.

Das Fest: eine Feier des Ausdrucks. Da fällt einer vor lauter Schmerz einfach in Ohnmacht. Da wird geschrien, gefickt und geprügelt, nicht weil es Spaß macht, Verbotenes zu tun, sondern aus einer altmodischen Sehnsucht nach Nähe. Anders als die Filmemacher der Nouvelle Vague und des Neuen Deutschen Kinos der sechzi- ger Jahre, anders auch als die pubertären Neu- en Wilden à la Castorf und Schlingensief üben die "Dogma"-Regisseure radikale Zurückhaltung. "Wir sind keine Autoren, wir sind Beobachter", sagt Vinterberg.

Am Morgen nach dem Fest duftet der Kaffee, der Krieg ist vorbei. Michael fordert den Vater auf, den Saal zu verlassen, damit die Familie in Ruhe frühstücken kann. Man hat Mitleid mit dem alten Mann. Und man stößt sich an der eigenen Sympathie für den Täter. Deshalb wird man ihn so schnell nicht vergessen, auch nicht den dänischen Sommer und den Spuk in der Nacht. Am wenigsten die Wut von Thomas Vinterbergs Bildern, die sich mit ihrer Ohnmacht nicht abfinden können.