Der reizbare Koloß

Warum der Wilhelminismus als politischer Kampfbegriff nichts taugt: EinBlick in neue Bücher zum deutschen Kaiserreich von 

Seit einiger Zeit geistert ein Schreckwort durch die politischen Debatten: Wilhelminismus. Mit seiner neuen Größe, vollends mit dem Umzug der Regierung aus dem beschaulichen Bonn in die einstige Reichshauptstadt Berlin drohe Deutschland in alte wilhelminische Untugenden zurückzufallen. Derlei Befürchtungen, die ursprünglich eher unter Linken anzutreffen waren, sind neuerdings von konservativer Seite aufgenommen worden. Als im Sommer des vergangenen Jahres der designierte Staatsminister für Kultur Michael Naumann mit einigen forschen Bemerkungen zum geplanten Holocaust-Denkmal und zum Wiederaufbau des Berliner Schlosses auf sich aufmerksam machte, war von der Gefahr eines "neuen linken Wilhelminismus" die Rede. Für enttäuschte Parteigänger der alten Regierung scheint seit Bildung der rot-grünen Koalition die historische Assoziation naheliegend: Wie nach Bismarcks Sturz 1890 die wilhelminische Generation das Erbe des Reichsgründers verspielte, so würden nach dem Ende der Kanzlerschaft Kohls die spät zur Macht gelangten 68er einen Kurswechsel einleiten, der zu neuen deutschen Sonderwegen führe.

Es fällt auf, daß diejenigen, die mit dem Begriff "Wilhelminismus" hantieren, offenbar nur eine ungenaue Vorstellung darüber besitzen, was er eigentlich bedeutet. Ein Blick in einige Neuerscheinungen zum Kaiserreich kann hier vielleicht hilfreich sein und zur Überlegung führen, ob der historische Vergleich überhaupt angemessen ist.

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Moderne Nervosität. "Das Jahrhundert geht zu Ende. Mit jeder anbrechenden Nacht rückt der Punkt näher, wo wir die große Einkehr halten. Der Wahnsinn und die Glorie unserer Zeit steigen herauf, beide hart nebeneinander; die Größe und die Bestialität; der Fortschritt und der Servilismus; der machtvolle Gedanke der Freiheit, der Zauber technischen Könnens, die listige Lüftung stiller Elementargeheimnisse, die Verfeinerung und Erhöhung der Menschlichkeit, die Verbreitung der ethischen Ideale - auf der anderen Seite die stärkste Machtanbetung aller Zeiten, zum mindesten die bewußteste aller Zeiten, die erste Philosophie der Macht anbetung, die Herrschaft des Säbels, und noch über dem Säbel die Vergottung des Geldes." Mit dieser Betrachtung zur Jahrhundertwende, niedergeschrieben am 15. Oktober 1899, erfaßte der noch junge Theaterkritiker Alfred Kerr ein Hauptcharakteristikum des Wilhelminismus: die widerspruchsvolle Verbindung von modernen und vormodernen Zügen. Sie macht den ambivalenten Charakter der Epoche aus, stellt an den Historiker allerdings auch besondere Anforderungen.

Joachim Radkau spricht in seiner wichtigen Studie (ZEIT Nr. 14/98) von einem "Zeitalter der Nervosität". Gemeint ist damit nicht nur die auffällige Zunahme neurasthenischer Leiden, sondern darüber hinaus eine kollektive Befindlichkeit, in der sich die in Qualität und Intensität neuartige Modernitätserfahrung spiegelte. Die beiden Jahrzehnte vor und nach 1900 waren Zeiten eines forcierten Umbruchs, der alle Lebensbereiche erfaßte und den Menschen ein hohes Maß an Mobilität und Veränderungsbereitschaft abverlangte.

Innerhalb einer verhältnismäßig kurzen Zeitspanne erlebte die wilhelminische Generation einen rapiden technisch-ökonomischen Wandel, die Revolution der Verkehrs- und Kommunikationsmittel, dazu die Anfänge einer modernen Massenkultur mit riesigen Konsumpalästen und einer großstädtischen Vergnügungsindustrie, die mit unerhörten Attraktionen lockte. All das bedeutete eine Flut von neuen Anforderungen, Aufregungen und Reizen, die ebenso faszinierend wie bedrohlich erschien. Daraus speiste sich jene brisante Mischung aus Kraftbewußtsein und Zukunftsangst, die man als Grundgefühl der wilhelminischen Ära bezeichnen kann.

Untergangsstimmung und Fortschrittsglauben nennt Franz Herre den Untertitel seines neuen Buches über die Jahrhundertwende 1900. Darin entwirft der populäre Biograph in der Art einer impressionistischen Collage ein Panorama sämtlicher europäischer Hauptstädte. Im Zentrum steht die aufstrebende Metropole Berlin, in der sich die neuen Erfahrungen und Probleme der damaligen Epoche verdichteten. Die Darstellung beginnt mit der großen Gewerbeausstellung im Treptower Park 1896, auf der die Fortschritte in Technik und Industrie zu bestaunen waren. Danach nimmt Herre den Leser an die Hand und führt ihn auf die Prachtstraße Unter den Linden - "preußische Via triumphalis und deutsche Fortschrittsavenue" in einem. Vom Hohenzollernschloß geht es hinauf zu Bankpalästen und Luxushotels, die protzigen Kathedralen wilhelminischer Großmannssucht.

Der Autor versäumt allerdings nicht, auch einen Blick zu werfen auf Wohnungsnot und soziales Elend in den Arbeitervierteln im Norden und Osten der Hauptstadt. Berlin erscheint ihm als "eine zweigeteilte Stadt", in der Reichtum und Armut, Glanz und Tristesse dicht beieinanderlagen. "Ihr sehet nicht", zitiert Herre eine zeitgenössische Stimme, "daß eure Haupt- und Kaiserstadt eine Pyramide ist, die nach oben prächtig glänzt und stark erscheint, aber nach unten immer mehr zerbröckelt und in ihren Grundfesten immer schwankender wird." Solche Beschwörungen kommender Erschütterungen waren typisch für das Krisenbewußtsein des Fin de siècle, das die Debatte um die moderne Nervosität im Kaiserreich menetekelhaft begleitete.

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