Von öffentlichen Auftritten hat Norbert Hoerster vorerst genug. Denn meist kommt es gar nicht dazu. Hoerster reist an, um zu reden, und reist wieder ab, ohne geredet zu haben. Der Rechtsphilosoph vertritt Thesen, die gerne mit dem Adjektiv "umstritten" beschrieben werden. Doch ein Streit, eine Diskussion, findet seit Jahren nicht statt.

Hoerster hat quasi Redeverbot. Kürzlich war er auf Einladung der Akademie für Ethik in der Medizin nach Göttingen gereist. Einen ganzen Tag lang wollte man über Sterbehilfe diskutieren, die Tagung stand unter dem Motto "Meinung, Streit und Toleranz". Hoerster sollte für eine Liberalisierung der Sterbehilfe plädieren, vom Freiburger Moraltheologen Eberhard Schockenhoff wurde die Contra-Position erwartet. Arbeitsgruppen sollten die Thematik aus Sicht der Ärzteschaft, des Pflegebereichs, behinderter Menschen, der Rechtsprechung vertiefen. Des weiteren waren ein Ländervergleich und eine Abschlußdiskussion geplant - ein Programm wie aus einem Lehrbuch für Demokratie.

Norbert Hoerster hat inzwischen genug von der Verunglimpfung seiner Person. Eine erste, für ihn bittere Konsequenz hat er im vergangenen Sommersemester gezogen und sich vorzeitig in den Ruhestand versetzen lassen. An der Universität Mainz, an der er seit 1974 lehrte, war es im Wintersemester zur Konfrontation mit dem AStA gekommen. Die Studentenvertreter hatten zum Boykott des von Hoerster angebotenen Seminars "Rechtsethik des Lebensschutzes" aufgerufen. Der "Euthanasie-Propagandist" wolle "das Lebensrecht Behinderter verhandeln", hieß es in einem Flugblatt. Man werde "nicht zulassen, daß Hoerster seine menschenverachtende Ideologie unter dem Deckmäntelchen der Wissenschaft hier ungehindert verbreiten kann". Zu diskutieren gebe es "nix", die Toleranzgrenze sei "längst überschritten".

Auch für Hoerster war die Grenze überschritten. Er erstattete Strafanzeige gegen zwei Vertreter des AStA. "Es ist mir nicht länger zuzumuten, mich ... von Studentenfunktionären, die sich ihrerseits in der Mißachtung elementarster Toleranzgebote typischer Nazimethoden bedienen, als Nazi verleumden zu lassen", schrieb er im Januar 1998 an die Staatsanwaltschaft. Im August teilte ihm der Staatsanwalt mit, er habe die Prüfung des Sachverhalts eingestellt, weil sich die Beschuldigten nicht strafbar gemacht hätten. Das Bundesverfassungsgericht räume dem Grundrecht der freien Meinungsäußerung Vorrang vor Persönlichkeitsrechten ein. Auch abwertende, polemische und überzogene Äußerungen seien hinzunehmen. Außerdem sei es den Beschuldigten "ersichtlich um die Sensibilisierung der Studentenschaft für rechtsphilosophische und rechtsethische Grundfragen im Zusammenhang mit der aktuellen Diskussion über die Zulässigkeit von Sterbehilfe" gegangen.

Diese Argumentation empfand Hoerster als zynisch. Er legte Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Mainzer Staatsanwalt ein, weil dieser "die Verjährung herbeigeführt" habe. Doch der Generalstaatsanwalt des Landes Rheinland-Pfalz teilte ihm mit, daß er die "Grenze zur strafrechtlich relevanten Schmähung nicht überschritten" sehe. Hoerster könne im übrigen auch keine Privatklage anstrengen, weil die Verjährung bereits eingetreten sei. Empört stellte Hoerster erneut Dienstaufsichtsbeschwerde, diesmal gegen beide Staatsanwälte. Den Präsidenten der Universität wie den Wissenschaftsminister des Landes forderte er auf, ihn "in Schutz zu nehmen". Doch der Präsident fühlte sich nicht zuständig; der Minister ließ mitteilen, es habe ein Gespräch mit AStA-Leuten gegeben, wobei Bedauern geäußert worden wäre.

"Die Aktion der Studenten hat schließlich dazu geführt, daß ich mein Amt niedergelegt habe - wäre ich jünger und nicht schwer behindert, hätte ich weitergemacht", sagt der 61jährige Hoerster heute. Doch er fühlt sich allein gelassen von der Universität, der Fakultät und den Fachkollegen: "Die lassen die Finger von heiklen Themen, weil es der Karriere schadet." Warum hat er sich exponiert? Jedenfalls nicht, um in die Medien zu kommen - das liegt dem nüchternen und in seiner Ausdrucksweise eher uneleganten Hoerster nicht. Auch die gesellschaftspolitische Brisanz des Themas hat ihn nicht gereizt, sondern eher überrascht. Auf das Thema stieß er am Schreibtisch, nicht etwa aus persönlicher Betroffenheit. "Ich fand die akademisch-theoretische Auseinandersetzung interessant", sagt Hoerster. "Doch die meisten Kritiker haben überhaupt nichts von dem gelesen, was ich geschrieben habe." Nicht nur seine Kritiker fassen seine Papiere mit spitzen Fingern an, auch die Verlage wollen seine Thesen plötzlich nicht mehr drucken.

Dabei ist vieles von dem, was der Rechtsphilosoph fordert, schon heute Praxis. Bei schwer leidenden, unheilbar Kranken darf "passive Sterbehilfe" geleistet werden, vorausgesetzt, dies entspricht dem Willen des Patienten: Dabei unterläßt der Arzt bestimmte Behandlungen, etwa die Gabe von Antibiotika. Ebenfalls straffrei bleibt die "indirekte Sterbehilfe", bei der ein Arzt einem Schwerkranken ein schmerzlinderndes Medikament spritzt, das den Tod beschleunigt. Hier wird argumentiert, daß die Spritze Schmerzlinderung bringen soll, der Tod tritt praktisch als Nebenwirkung ein. Dagegen droht dem Arzt, der einem Patienten eine Überdosis Morphium spritzt, eine Freiheitsstrafe.