Lutsch, lutsch, flutsch. Katja (29) ist promovierte Zahnärztin. Aber Löcherstopfen allein reicht ihr nicht. Da ist sie anders als ihre männlichen Kollegen. Deshalb sitzt sie ohne (Schreib-)Hemmungen ganz allein in der Redaktion, ihre Bluse hat sie im Archiv vergessen. Sei's drum: Gleich kommt der Ressortleiter und gibt Nachhilfe mit dem großen Zeigestock ...

So würde sie wohl über sich schreiben, wenn dieses Foto links um 16.30 Uhr auf ihren Tisch flatterte, um am nächsten Tag auf der Titel- oder letzten Seite der Bild- Zeitung zwischen Flugzeugabsturz, Bahn- erpressung und Steuererhöhung für ein bißchen Freude zu sorgen. Die Zahnärztin Dr. Katja Kessler ist die Frau hinter dem Text unter den Frauen. Sie schreibt diesen täglichen Irrsinn, der für viele Menschen das einzige Stückchen Poesie pro Tag darstellt.

Das ist so der Kessler-Standard: kurze, möglichst abseitige Erklärung für die Nacktheit. Nein! Sie ist eben nicht nackt fürs Foto, sondern weil "sie einfach nicht weiß, was sie anziehen soll". Und dann die Schlußfolgerung: Gleich geht's rund. Gerne auch zweideutig. Uiuiui, denkt Frau Doktor und mit ihr die Leser, "wer wäscht Michele bloß nachher noch das Salzwasser von der Haut?" Ja, wer?

Vor Kesslers Amtsantritt waren diese Texte eher Abhandlungen technischer Art, die sogenannten Maße, kaum mehr. Reihum schrieb das jeder mal bei Bild, meistens - so haben wir uns das auch vorgestellt - Männer. Natürlich Männer! Einen besseren Vorwand kann es ja gar nicht geben: Man darf stapelweise Nacktfotos "sichten", dann bedichten, und nie muß man verschämt etwas Unverfängliches drüberschieben, wenn jemand zur Tür hereinkommt. Ist ja Arbeit! Muß ja gemacht werden!

Doch dann kam Katja Kessler, in Klammern 29. Und mischte die Rubrik auf. Gleich an ihrem zweiten Arbeitstag bei Bild wurde ihr eine der intern "Mieze" genannten Nackttanten auf den Tisch gelegt. Wie das denn gehe, fragte sie, was denn da stehen müsse? "Zwölf Zeilen, wie Sie lustig sind", hieß es vage. Und Frau Dr. Kessler war ziemlich lustig. Eine Nackte saß auf jenem Bild, natürlich, eine der tausend Biggis weltweit. Doch die nun auch noch vom ewigen Fitneßtraining kommen zu lassen war Kessler zu blöd. Also schmiedete sie eine kurze und, nun ja, knackige Legende: Ärztin sei die Dame und das Wartezimmer, oha, "gerammelt voll", und gleich käme wohl der Kollege. Genügte es in der Prä-Kessler-Ära, Männer bloß "gleich kommen zu lassen", sah sie das Kommen plastisch: "Mit der großen Spritze."

Ziemlich lässiger Einstand, zumal von einer echten Ärztin. Große Freude in der Chefredaktion über diese Groteske; die neue Mitarbeiterin möge doch bitte bis auf Widerruf das Fehlen von Kleidern begründen. Kein Problem: sucht vergeblich nach ihrem BH, kommt gerade aus dem Dampfbad, bereitet sich auf den Sommerurlaub vor (natürlich "last minute - kommt in letzter Minute"), Yoga in der Sonne, das Oberteil ging gestern abend im Eifer des Gefechts im großen Bett verloren.

Den Männern, denen die Bildchen eventuell als Nunja-Vorlage nützen, und Frau Kessler selbst muß zugestanden werden: Darauf muß man erst mal kommen. Das ist doch Sexismus! Genau, und zwar richtig. Die Frauen hießen nicht mehr bloß Tina oder Beate. Frau Doktor Kessler steigert die Biographiennegation ins Bizarre: die aufgeschlossene Babsi, die kurvige Carmen, die knusprige Steffi, die Fitneßbiene Caprice.