Stöpsel zur Welt

Nächste Woche wird Jini vorgestellt - ein Esperanto für Computer und Chips

Dieser Rechner ist nirgendwo und überall, eine globale Föderation von PCs, Autos oder Kühlschränken. Er kann Supercomputer und Lichtschalter sein, die schwierigsten Aufgaben lösen und die einfachsten Vorgänge steuern. Seine Intelligenz läßt sich von jedem Ort der Erde aus anzapfen. Er ist immer angeschaltet und repariert sich selbst, wenn mal ein Teil ausfällt.

Dieser Traum vom globalen Rechner ist nicht die versponnene Vision eines verträumten Informatikers. Eine neue Technik des kalifornischen Computerkonzerns Sun Microsystems, die am kommenden Montag in San Francisco vorgestellt wird, soll die weltweite Vernetzung der Computer zu einem großen Gehirn praktisch möglich machen. Versprochen wird die Lösung fast aller Probleme, unter denen Computerbenutzer heute weltweit leiden: daß etwa Rechner und Drucker nicht kompatibel sind. Daß Programme, die sich nicht vertragen, ständig den Rechner zum Absturz bringen. Und schließlich das Problem, daß auch der leistungsfähigste Rechenknecht nach einem halben Jahr schon hoffnungslos veraltet ist. In Zukunft soll jeder Chip mit jedem anderen sprechen können. Die Elektronenhirne werden nicht nur Daten austauschen, sondern einander auch ihre Rechenkraft ausleihen.

Wie einer jener schnieken "Evangelisten" aus dem Silicon Valley, die Anwender auf neue Produkte einschwören, sieht der 42jährige freilich nicht aus. Wirre lockige Haare, eine abgenutzte Weste aus braunem Wildleder - er wirkt eher wie ein Informatikstudent von der Universität in Berkeley, wenn er nicht gerade seine Schnabelschuhe trägt.

In Berkeley machte er auch Anfang der achtziger Jahre erstmals von sich reden, als er eine neue, bahnbrechende Version des Profibetriebssystems Unix schrieb . Damit gefütterte Computer konnten fortan über das Internet miteinander kommunizieren. Ohne diesen Unix- Zusatz wäre das Datennetz wohl kaum so explosionsartig gewachsen. Bei Sun war Joy einer der Hauptarchitekten des superschnellen Chips namens Sparc, des Gehirns vieler Netzrechner. Später entwickelte er die Programmiersprache Java mit, die bei Softwareentwicklern derzeit immer beliebter wird.

Dennoch ist Joy, in der Computerbranche "der andere Bill" genannt, bisher nur Eingeweihten bekannt. Denn ganz anders als der großspurige Microsoft-Chef denkt er lieber klein. Smallworks heißt seine Denkfabrik in den Rocky Mountains, in die er sich 1992 zurückzog - um "weniger Zeit in Sitzungen zu verschwenden".

Ein Gespräch mit Joy führt denn auch schnell zum aktuellen Größenwahn der Softwareindustrie. "Die neue Version von Windows NT wird mindestens 35 Millionen Programmzeilen haben", erklärt er, "da fragt man sich unwillkürlich, ob Menschen überhaupt imstande sind, darin alle Fehler zu finden. Und die Antwort ist eindeutig: nein." Der Grund: Programme für PCs seien meist in C++ geschrieben - einer Sprache, die auf Konzepten der fünfziger Jahre beruhe. Das mache vor allem die Speicherverwaltung des Computers schwierig. Wenn etwa zwei Teile eines Programms ihre Daten am selben Platz ablegten, dann stürze ein Rechner häufig ab.

Solche Programme seien schlichtweg nicht zukunftsfähig, argumentiert Joy. Seine Vision: Bald dürfte praktisch jede von Menschen erschaffene Maschine mit Mikroprozessoren gespickt sein. Der nächste Schritt sei, all diese Geräte miteinander zu verbinden. Und das ginge nur mit simpler, fehlertoleranter Software. "Es ist doch unvorstellbar, 50 oder gar 100 Systeme von der Qualität eines PCs im Haushalt zu haben. Dann müßten wir ja die Waschmaschine ständig wieder hochfahren oder auf dem Toaster neue Programme installieren", erklärt Joy, "wir brauchen Software, die so einfach zu benutzen ist wie herkömmliche Haushaltsgeräte."

Ein weiterer Vorteil: In Java geschriebene Programme laufen auf jedem Computer, egal ob ihn Windows oder ein anderes Betriebssystem kontrolliert. Der Rechner muß nur mit einer Java Virtual Machine (JVM) ausgerüstet sein - einem Programm, das einen Computer im Computer simuliert, der Java versteht.

Einstecken und loslegen - Jini soll das endlich möglich machen

Java ist die Lingua franca, die dem Sprachengewirr in der Softwarebranche ein Ende setzt. Jini soll diese Rolle für die Hardware übernehmen: Die neue Technik ist eine Art digitale Verfassung - eine Sammlung von Regeln, nach denen die verschiedensten Geräte und Programme sich gegenseitig ihre Dienste anbieten können.

Jini funktioniert im Prinzip wie eine elektronische Anschlagtafel, auf der Dienstleistungen aller Art feilgeboten werden. Schließt man etwa einen Drucker an ein Jini-Netz an, dann heftet der eine elektronische Visitenkarte mit seinen technischen Angaben an diese Tafel. Will ein PC den Drucker nutzen, dann kann er sich die Visitenkarte abholen und mit dem Gerät direkt in Verbindung treten.

Ein solches System ist möglich, weil alle seine Teile in Java geschrieben sind - das Programm für die Anschlagtafel ebenso wie die Visitenkarte, die der Drucker ausschickt. "Weil wir ausschließlich Java verwenden, ist Jini simpel und kompakt. Alles paßt auf eine einzige Diskette", erklärt Jim Waldo, einer der Köpfe des Projekts. Altbekannte elektronische Gerätschaften stehen vor ihm auf dem Tisch in einem Raum im Sun-Hauptquartier: Monitor, Tastatur, Festplatte, Drucker, eine kleine digitale Kamera.

Waldo stöpselt die Kamera ins Netz. Sekunden später taucht ein Kamerasymbol auf dem Monitor auf. Ein Doppelklick - und schon ist das Bild zu sehen. Genauso unaufwendig schließt er die Festplatte und den Drucker an, um einen Videoclip abzuspeichern und ein Standbild auszudrucken. "Das geht alles vollautomatisch", erläutert Waldo stolz. Sehr beeindruckend für jeden, der schon einmal einen Drucker oder ein CD-ROM-Laufwerk an einen herkömmlichen Computer anschließen mußte. Plug and play, einstöpseln und loslegen, versprechen zwar die Hersteller - die Realität ist geprägt von komplizierten Installationsprogrammen und Treibersoftware, die immer wieder an der Inkompatibilität der Geräte scheitert.

Selbst das Einstöpseln wird in der Jini-Zukunft entfallen, prophezeit der Sun-Forscher. Wer dann mit seinem Handcomputer einen mit Jini ausgerüsteten Raum betritt, kann dort drahtlos sofort auf sämtliche elektronische Geräte zugreifen, kann das Radio einschalten, die Heizung hochfahren oder einen Brief ausdrucken. Und Jini macht noch ganz andere Szenarien denkbar: Wer im Büro vor dem Bildschirm sitzt, weiß dennoch jederzeit, was zu Hause passiert. Ist der Herd auch aus? Muß der Kühlschrank aufgefüllt werden? Was zeigt die Kamera im Kinderzimmer? Wer hat angerufen?

Die Software soll jedoch vor allem etwas ermöglichen, von dem Informatiker schon lange träumen: daß sich Rechner übers Netz zu einem globalen Computer zusammenschließen. Kleinere Maschinen könnten sich dann Rechenleistung bei größeren Brüdern ausleihen. Intelligenz käme aus der Steckdose oder dem Äther - wie schon Strom und Fernsehprogramm.

Das große Versprechen, distributed computing genannt, wird Jini erst in einigen Jahren einlösen können. Denn die nötige Software existiert noch nicht. Und sie zu entwickeln ist schwierig: Suns neue Technik mag einfach und elegant sein. Die Programme, die auf ihr aufbauen, dürften komplexer ausfallen.

Um Jini möglichst schnell zu verbreiten, will Sun die Software nicht verkaufen, sondern sie weitgehend kostenlos abgeben. Nur wer damit Geld verdienen will, muß eine Lizenzgebühr bezahlen. Der Quellcode des Programms wird offengelegt, damit Entwickler anderer Firmen die Software eigenhändig verbessern können.

Die Branche wartet jetzt gespannt darauf, wie Microsoft auf Suns neue Software reagiert. Schließlich könnte sie langfristig eine Gefahr für Windows sein. Wird die Gates-Firma versuchen, Jini zu sabotieren - wie sie es schon bei Java tat? Jedenfalls plant sie unter dem Namen "Projekt Millennium" ein eigenes Produkt, das ebenfalls distributed computing möglich machen soll.

Joy gibt sich gelassen. Fette Betriebssysteme, die Machtbasis von Microsoft, würden sich auf Dauer von selbst erledigen: "Windows funktioniert im Prinzip wie eine Planwirtschaft. An deren Komplexität ist schon der Kommunismus zugrunde gegangen."

 
Service