Was wirkt? Wirkt hier was?Seite 2/2

Auf ihr Erstlingswerk, einen Wildschütz in Stralsund 1990, folgten Dramaturginnenjahre in Darmstadt (mit Regieverpflichtung) und bis heute insgesamt fünfzehn eigene Inszenierungen. Leichter sei ihr die Arbeit mit der Zeit allerdings nicht geworden. Wünsche, ja, die gebe es: Verdis Traviata möchte sie bald einmal inszenieren - und eine Wagner-Oper. Daß sie sich die Handschrift, die Pranke fürs große Repertoire inzwischen erarbeitet hat, zeigt auch ihre neueste Einstudierung, die wild-trotzig die Flucht nach vorn antretende Deutung von Othmar Schoecks Penthesilea (nach Kleist) in Hannover. Ein Stück, eine Partitur wie aus Sahne und Erz geschmiedet - und eine Aufführung, die systematisch alles zerwirkt. Dabei zeigt Feuchters Raum (ist's Methode?) erneut ein Abbild: Der Marschner-Saal des hannoverschen Opernhauses höchstselbst gähnt hier von der großen Bühne herab: jenes Pausenbuffet, wo man soeben noch sein Selters nahm. Dieselben schicken Farben (Braun und Weiß), dasselbe Grünzeug, dieselben acht klassizistischen Säulen, die vollkommen unmotiviert in der Raumesmitte prangen - zur Ausschmückung unserer kahlen, katakombenhaften Identität und als achtfaches Ausrufezeichen: Achtung, Kunst!

Barbara Beyer treibt an diesem Ort ein gewagtes Spiel: Das Heroenpaar, Penthesilea und Achill, seien zwei Opernsänger in Frack und Abendkleid, behauptet sie. Menschen, die etwas darstellen. Der Chor hingegen, für den Schoeck fast ausschließlich Vokalisen komponierte, mimt die namenlose Masse all derer, die sich an den Kitsch in der Kunst verschwenden - und selbst dem schäbigsten Abklatsch, der Plastikversion von Antike noch Glauben schenken. Und die anderen Kleistschen Figuren? Sie sind die Zuschauer, versprengte Parvenüs wie weiland von Botho Strauß ersonnen, die für sich nur eines wollen: teilhaben am Rausch der hehren Gefühle, Tuchfühlung aufnehmen, selber wichtig sein. Und so produzieren sie sich aufs hemmungsloseste, traurigste, unbeholfenste: allesamt Helden des Hintergrunds. Die Profis aber - spätestens hier platzt der Konzeptknoten - verweigern sich jeder profanen Begehrlichkeit: Sie schlüpfen kurzerhand ins nächste Kostüm, sind am Ende nicht mehr nur die Darsteller des Achill und der Penthesilea, sondern zwei Vampire, die Bisse wie Küsse miteinander tauschen. Filmreif wallen die Fledermausgewänder auf, und es blitzen die Gebisse. In der Oper stirbt man nicht, witzelt die Aufführung, da gerät man schlimmstenfalls unter die Untoten, die Wiedergänger. Abend für Abend bei Sonnenuntergang hören wir das Knarren ihrer Sargdeckel. Ein schauriges, ein tröstliches Geräusch.

 
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