Psychopille für den Hund
Auf dem Weg zum menschengerechten Partner: Tiere werden mit Chemie und Verhaltenstherapie gefügig gemacht
Hundebesitzer kennen die Szene: Kaum hört der Vierbeiner die Schlüssel klirren und Herrchen oder Frauchen will die Wohnung verlassen, da bricht ein Riesentheater los. Bellend, springend, wedelnd signalisiert der Hund in höchster Aufregung: Ich will mit.
Doch er darf nicht mit. Zur Arbeit oder zum Arzt. Ins Kino oder ins Hallenbad. Zur Sauna oder zum Solarium. Zurück bleibt ein herzzerreißend heulender Hund. Bello allein zu Haus.
"Solche Szenen sind typisch für Hunde mit Trennungsangst, da können wir helfen", sagt Peter Burckardt, Geschäftsführer der deutschen Abteilung für Tiergesundheit des Pharmakonzerns Novartis in Eschborn. Seit Mai vergangenen Jahres bietet Novartis das Medikament Clomicalm an, für die Therapie von Trennungsängsten bei Hunden. "Die Zahl der Hunde steigt, die unter Verhaltensproblemen leiden", konstatiert Burckardt. "Zirka 15 Prozent aller Hunde leiden an Trennungsangst. Sie geraten beim Abschied leicht in Panik. Clomicalm verhindert das. Es macht Hunde wieder lernfähig und besser zugänglich für die notwendige Verhaltenstherapie. Der Tierarzt erklärt dem Besitzer, wie er sein eigenes Verhalten und das des Hundes verbessern kann."
Novartis erschließt mit dem verschreibungspflichtigen Psychopharmakon für Tiere einen wachsenden Markt und hat seit Januar auch die Zulassung der US-Arzneimittelbehörde FDA. In Australien erschien im vergangenen Jahr ein Beitrag im Australian Veterinary Journal über den Einsatz von Clomipramin zur Behandlung verhaltensgestörter Katzen. Clomipramin ist identisch mit dem Wirkstoff im Hundemittel und wird in der Humanmedizin seit langem gegen Depressionen eingesetzt. So dürfte bald der Traum vom Universalmittel für Stadtneurotiker in Erfüllung gehen: gleichermaßen einsetzbar für Mensch, Hund und Katze.
Solch artübergreifende Therapie ist eigentlich kein Wunder. Menschen und Säugetiere haben ähnliche Nervensysteme. Clomipramin verstärkt vorwiegend die Rolle des Botenstoffs Serotonin an den Schaltstellen der Nerven. Beim Menschen wirkt es stimmungsaufhellend beziehungsweise antidepressiv und spielt etwa bei der Behandlung von Zwangserkrankungen eine Rolle. Längst haben jedoch andere Serotoninverstärker wie die Modedroge Fluctin (in den USA Prozac genannt) dem ähnlich wirkenden Clomipramin den Rang abgelaufen.
Clomipramin wurde bereits 1963 als Antidepressivum patentiert, sein Patentschutz ist entfallen. Nun folgt die Zweitkarriere in der Tiermedizin. Allerdings wächst auch hier die Konkurrenz: Die französische Firma Sanofi bietet seit Oktober in Deutschland eine weitere Psychopille (Selgian) gegen Trennungsangst bei Hunden an. Deren Wirkstoff Selegilin ist altbekannt, er hilft zitternden Parkinsonpatienten. Aus der Parkinsontherapie stammt auch der Wirkstoff für das jüngst in den USA zugelassene Hundemittel Anipryl der Firma Pfizer. US-Veterinäre sind mit Prozac ebenfalls längst auf den Hund gekommen.
Das Wirtschaftsblatt The Economist schätzt, daß allein der US-Psychopillenmarkt für Heimtiere bald einen Umsatz von jährlich rund einer Milliarde Dollar erreichen wird. Der wachsende Psychopillenbedarf für "Partnertiere" beruht auf den sich vertiefenden Bindungen zwischen Mensch und Haustier - verbunden mit unnatürlichen Haltungsbedingungen. Vierbeiner werden in Wohnung, Bett und Familie integriert, das bringt vielen Freude, aber auch viele Probleme. Die Tiere mutieren zunehmend zum Spiegelbild des Menschen. Längst gibt es künstliche Hüftgelenke für den Hund oder die Nierentransplantation für die Katz. Milliarden fließen allein für die Chemotherapie von Krebs. Und neben High-Tech-Medizinern bieten viele andere Zeitgeister ihre Dienste am Tier an: Naturheiler und Homöopathen, Akupunkteure, Aroma-, Bachblüten-, Bäder- und Psychotherapeuten.
Und was sagen Verhaltensforscher dazu?
Eine der wenigen, die Grundlagenforschung über das Verhalten von Hunden in Deutschland betreiben, ist Dorit Feddersen-Petersen am Institut für Haustierkunde der Universität Kiel. "Ich habe prinzipiell nichts gegen den Einsatz von Psychopharmaka, befürchte jedoch, daß Hunde damit zunehmend angepaßt werden an völlig inadäquate, nicht artgerechte Haltungsbedingungen. Dadurch schreitet die ohnehin schon starke Instrumentalisierung von Heimtieren durch den Menschen weiter fort", befürchtet sie. Ohnehin existiere bereits ein großes Arsenal an technischen und chemischen Mitteln, um Haustiere gefügig zu machen. Beispielsweise mit Bändern, die den Hundehals umspannen und bei starkem Bellen Zitronensäure und Melisse versprühen, damit der Kläffer die Schnauze hält - sonst brennt ihm Zitronensäure in den Augen. Oder Elektroschocks abgebende Halsbänder, passend zur Joystick-Gesellschaft bequem per Knopfdruck zu bedienen. Problemkatzen, die urinspritzend die Wohnung markieren oder beim Transport im Körbchen Zicken machen, soll ein Duftspray zu angepaßtem Verhalten verhelfen (Feliway von Sanofi). Artspezifische Duftstoffe, Pheromone, sollen die Katzen umstimmen. Beim Transport benötige man dann keine Beruhigungspillen mehr.
Dorit Feddersen-Petersen moniert, daß "in den Köpfen der Tierhalter oft völlig unzutreffende Bilder vom Wesen ihrer Heim- und Hobbytiere vorherrschen". Viele Tiere lebten unter mangelhaften Bedingungen in Menschenobhut, doch statt diese zu beseitigen, werde den Konflikten mit "zunehmender Tendenz verhaltenskorrigierend begegnet". Die Kieler Wissenschaftlerin warnt davor, die Psychologie des Menschen einfach dem Hund überzustülpen. "Hunde werden anthropozentrisch, also auf den Menschen ausgerichtet, behandelt oder eingesetzt. Stören sie dabei durch ihr arteigenes, angeborenes Verhalten, dann werden sie abgegeben oder zurechtgestutzt." Falls die psychopharmakologische Anpassung des Hundes gelinge, werde das bald zur gängigen Praxis.
Peter Burckardt von Novartis widerspricht. Auch der Besitzer müsse sein Verhalten ändern und mehr auf die Bedürfnisse des Vierbeiners eingehen. "Wer meint, er könne allein schon mit dem Verfüttern der Pillen den Hund ruhig oder glücklich machen, der wird damit scheitern. Der Besitzer muß beispielsweise das Abschiedsritual ändern. Er darf den Hund nicht mehr bestrafen wegen Zerstörens oder Verunreinigung der Wohnung. Und er muß künftig seine Führungsrolle gegenüber dem Hund klarer ausüben."
Aber braucht man dazu überhaupt Psychopharmaka? "Eventuell geht es auch ohne Medikament, dann aber nur extrem langsam. Man muß schrittweise die Trennungszeit erhöhen, um dem Tier allmählich die Angst zu nehmen. Desensibilisierung heißt dieses Verfahren. Es kann Jahre dauern, und Rückfälle sind möglich. Mit medikamentöser Unterstützung ist man in drei Monaten am Ziel, denn angstfreie Hunde sind empfänglicher für die Desensibilisierung."
Jürgen Unshelm von der Universität München sieht das etwas anders. Er hat in Deutschland die verhaltenstherapeutische Sprechstunde für Veterinäre eingeführt. Die meisten Fachtierärzte für Verhaltenskunde stammen aus seinem Institut, bisher gibt es in Deutschland erst ein rundes Dutzend. "Die meisten sogenannten Verhaltensstörungen sind gar keine, sondern ein normales, aber unerwünschtes Verhalten. In etwa 80 Prozent der Fälle hängen die Probleme vom Halter ab, der mit dem Tier nicht adäquat umgehen kann." Nur in wenigen Ausnahmefällen sei der Einsatz von Psychopharmaka sinnvoll, sagt Unshelm. "Etwa bei ungewöhnlich großer Trennungsangst oder zur Desensibilisierung bei krankhafter Angst vor Gewitter oder Geräuschen. Nur wenn das Tier so empfindlich ist, daß man es beim Desensibilisieren sogar an ein Geräusch in der Minimalversion nicht gewöhnen kann, dann empfehlen wir Beruhigungsmittel für einige Tage."
Manchmal scheitert die Chemie, und der angstbefreite Hund beißt zu
Mit großer Skepsis beobachtet er das Zusammenspiel der Interessen von Tierhaltern, praktischen Veterinären und der Industrie: Alle drei möchten möglichst rasch und einfach ein Problem lösen, die beiden letzteren verkaufen gern Pillen. Tierärzte sind in Personalunion auch Apotheker, beziehen die Medikamente vom Hersteller und verdienen am Verkauf. Da es kaum Verhaltenstherapeuten unter den Veterinären gibt, bietet Unshelm seit Jahren Fortbildungskurse an, die vom Tierdoktor zu bezahlen sind. Inzwischen hat er Konkurrenz: Die Industrie sponsert ähnliche, aber kostenlose Kurse, verbunden mit Werbung.
Häufig verschrieben werden auch Beruhigungsmittel, damit Hund oder Katze auf langen Urlaubsreisen brav bleiben und nicht das Auto versauen. Unshelm empfiehlt eine tiergerechtere Methode, nämlich den Vierbeiner schrittweise an Autofahrten zu gewöhnen in einer Atmosphäre, die das Tier als angenehm empfindet. Doch das erfordert Geduld. Gegen zusätzlichen Einsatz des Duftsprays für Katzen bei Transportproblemen hat er kaum Einwände. Dessen Wirkungsweise erklärt er so: "Sie beruht auf nachgemachten Pheromonen aus den Wangendrüsen von Katzen. Mit diesen Duftstoffen markieren die Tiere Schlafplätze oder ihre Halter. ,Köpfchengeben' wird dies genannt. An solchen Orten fühlt sich die Katze wohl und unterläßt das Markieren durch Krallenschärfen oder Verspritzen von Urin."
Sie kritisiert, viele Tierärzte würden Psychopillen ohne adäquate Beratung verkaufen. Manchmal endet dies dramatisch: Der vormals angstgeplagte Hund frißt die Pille und reagiert plötzlich aggressiv. "Das Ergebnis war dann eine heftig zerbissene Hand. Und der Hund wurde eingeschläfert." Dabei verschreibt sie die angstlösenden Pillen durchaus gelegentlich selbst: "Beispielsweise wenn der Hundehalter mit der dritten Abmahnung des Hausbesitzers kommt und eine rasche Verhaltenstherapie dringlich ist. Sonst besteht die Gefahr, daß das Tier getötet wird, auch wenn dies illegal ist."
Obwohl die Fachleute für Psychopharmaka bei Heimtieren nur einen kleinen Einsatzbereich sehen, dürften die Mittel dennoch rasche Verbreitung finden. Denn das Bedürfnis nach angepaßten Traumpartnern ist groß. Dies gilt nicht nur für Hunde und Katzen, sondern auch für kleinere Tiere. Die Bundestierärztekammer warnt, Heimtiere seien allzu oft "Spielgefährte, Partner, rezeptfreies Medikament. Ihr größter Feind ist der Besitzer, der ihre Bedürfnisse nicht erfüllt."
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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