"In Cambridge", sagt Dagmar C. in dem gleichbleibend hohen, ruhigen Tonfall, mit dem sie auch die unerhörtesten Wunderlichkeiten berichtet, "in Cambridge begann sich mein schamanisches Bewußtsein zu entwickeln." Praktischerweise in Form von inneren Stimmen, die ihr lernwichtige Bücher und genaue Prüfungsfragen im voraus verrieten. Bestnote im Examen! Promotionsstipendium für Harvard! 1993 ab nach USA.

Dort ging es ihr schlecht. Ihre neue "schamanische Sensibilität" machte sie unglücklich und krank, trotz akademischer Erfolge. Als Patientin kam sie zu einer weißen Schamanin, "die mein Talent erkannte" und ihre Lehrerin wurde. Ein tibetanischer Lama in Harvard lehrte sie tantrische Meditation, ein zum Schamanen gewandelter Anthropologieprofessor war ihr dritter Wegweiser. Und dann hatte Dagmar C. ihr Erweckungserlebnis. "Ich saß auf einem Felsen an der Küste Neuenglands. Meine schamanische Stimme sagte mir, ich solle das Meer fragen: Bin ich jemand, der Regenbogen machen kann? Eine Welle zerschellte, und in der Gischt war ein Regenbogen."

Zwei Monate und zahlreiche Regenbogen später sagte ihr die Stimme, sie vergeude mit vergleichender Politikwissenschaft ihre Begabung. Doktorandin Dagmar C. brach Harvard ab und ging Anfang 1996 zurück nach Deutschland. Knapp zwei Jahre lang war sie fast täglich im Wald bei Erding auf Trancereisen, fastete viel und bekam die Kraft von Tieren und Pflanzen übertragen. Trancereisen? Jaja, man geht dabei durch ein Loch in die Erde, durch einen Tunnel in die untere Welt, trifft dort seine Helfertiere und -pflanzen, kann aber auch sein, daß man sieht, wie man stirbt, wie der Körper auseinandergenommen und jeder Knochen gereinigt wird. Dagmar fühlte große Angst dabei und danach noch größeren Frieden.

Sie behandelt - von "Heilung" darf sie nicht sprechen

"Seit einem Jahr habe ich jetzt meine volle Heilkraft", sagt die Schamanin. Sie hält viele Vorträge und Seminare über indianisches Naturverständnis und "schamanische Arbeit am Körper", und viele Menschen kommen zu der 31jährigen, Patienten, deren Behandlung sie "Heilung" aus juristischen Gründen nicht nennen darf. "Die Stimme eines Sioux-Schamanen oder eines Kelten sagt mir meistens eine Viertelstunde vorher, was die Probleme des Patienten sind und was ich machen muß", erläutert sie gleichmütig. Sie legt dann ihre Hand auf eine Stelle an dessen unterer Wirbelsäule, ein Tier, eine Pflanze erscheint ihr, über den Arm der Schamanin fließt animalische oder vegetabile Heilkraft in den kranken Körper oder die verletzte Psyche.

So geht das. Man fragt herum und erfährt: Dagmar C.s Klientel fühlt sich gut behandelt von dieser mädchenhaften, charismatisch-selbstgewissen, dabei ganz unaufdringlichen Frau. Man liest herum und lernt: In seriösen wissenschaftlichen Studien wurde auch die Wirksamkeit von Gebeten für Schwerkranke schon nachgewiesen.

Zeit zum Aufbruch. Am S-Bahnhof wartet Kundschaft auf die schamanische Waldführung. Neun Frauen, fünf Männer, sechs Kinder. Alter: sieben bis siebzig. "Zen Attitude" steht auf den Anoraks zweier kleiner Mädchen. Die Sache verläuft unspektakulär. Am Waldrand drei Gebete (auch das Vaterunser): Respektbezeugung und Bitte um Aufnahme "bei den Waldwesen". In den nächsten zwei Stunden läßt die Schamanin einen nach dem anderen zu seinem/ihrem bestimmten "Totenbaum" treten, die Hand an die Rinde legen oder den Rücken dagegenlehnen. Dünn bekleidet, aber mit warmen Händen - "Die Eiche gab mir, daß ich nicht mehr friere" -, erzählt Dagmar C. von der Achtung vor der Erde und Natur, wie wir von Tieren lernen, mehr Licht in unsere Körper lassen können, und immer wieder führt sie Dialoge nach dem Schema: "Ich sehe, daß sich Ihr Chakra am Kopf öffnet, spüren Sie etwas? - "Ja, irgendwie wird es heller." - "Bei Ihnen spüre ich, daß Sie jetzt besser geerdet sind." - Ja, meine Füße sind irgendwie viel schwerer."