Neben vielem anderen gab Bert Brecht uns auch mal zu bedenken, ob Julius Cäsar auf seinen Wegen zum Weltruhm nicht wenigstens von einem Koch begleitet worden wäre. Große Männer, so wollte uns der Dichter sagen, sind bei großen Taten auch auf eine Menge Fußvolk angewiesen, das bei Kranzverleihungen nie bedacht, sondern stillschweigend vorausgesetzt wird. Zwar beruft sich die tonangebende Frauenpolitik heute beileibe nicht auf Brecht, schon weil der so viele liebende und kreative Frauen skrupellos ausgebeutet hat, sein idealistischer Materialismus ist aber dennoch auch der ihre. Wenden wir den auf Katharina von Bora an, lautet das Ergebnis ungefähr so: Große Männer gäbe es nicht, wenn nicht brave, kleingehaltene Frauen die Drecksarbeit getan hätten. Kochen, waschen, putzen; bewundern, pflegen, trösten - und, nicht zuletzt, für Lust und Nachwuchs sorgen. Frau, dein Schicksal heißt Entfremdung! Selbstverwirklichung und Karriere waren und sind Männersache. Und niemand würde nach den weiblicherseits entrichteten Zuzahlungen in Geschichte und Gegenwart fragen, wenn uns die einschlägige Frauenforschung nicht immer wieder mit gewissen peinlichen Tatsachen konfrontierte.

Den Chef der Reformation, Dr. Martin Luther, kennt ja wohl jeder. Was aber wissen wir von seiner Ehefrau Katharina, geborene von Bora? Es ist bezeichnend, daß das Wenige, das wir wissen, von Zweiten und Dritten stammt, oft von eifersüchtigen Luther-Fans, die bei Tisch jedes Wort des großen Mannes zu protokollieren suchten, der Ehe- und Hausfrau, die das leckere Mahl bereitet hatte, aber keinen Stich gönnen mochten.

Kartharinas erste Liebe erwies sich bald als Lusche

Dabei waren die Voraussetzungen für eine ordentliche Hauswirtschaft im Schwarzen Kloster zu Wittenberg, das der Familie Luther samt einem halben Dutzend Nichten und Neffen, Tanten, Gästen und Dienstboten zur Wohnung diente, am Anfang miserabel und wurden von der rastlos tätigen Hausfrau erst peu à peu den Bedürfnissen angepaßt. Ein Herd und ein Brunnen mußten her. Um die Speisekammer zu füllen, bewirtschaftete Frau Lutherin zeitweise einen Garten beim Haus, einen anderen mit Bach (wegen der Fische) etwas weiter weg und ein Gut, zwei Tagereisen von Wittenberg entfernt. Dazu kam so viel Viehzeug - Hühner, Gänse, Enten, Schweine und Kühe -, wie zur gemütlichen Versorgung so vieler Menschen nötig war, ehe die Tiefkühltruhe im Supermarkt erfunden wurde.

Wo die ehemalige Nonne ihre beeindrukkenden Kenntnisse der Haushaltungswissenschaft herhatte und wo sie das Management gelernt hatte, weiß man nicht. Teils war sie vielleicht ein Naturtalent, teils hatte sie wohl in langen, kontemplativ mit Beten, Fasten, Singen verbrachten Klosterjahren so viel Energie angesammelt, daß sie froh darüber war, sie nach allen Seiten und möglichst effektiv zu versprühen. Möglich aber auch, daß ihr ausgedehnter Eifer etwas mit dem Mangel an Bargeld im Hause Luther zu tun hatte. Eine autarke Hauswirtschaft machte Frau Luther von ihrem berühmten Gatten unabhängig, dessen Desinteresse an den Finanzen notorisch war.

Sollen wir nun, auf den Tag 500 Jahre nach dem 29. Januar 1499, da sie im sächsischen Lippendorf geboren wurde, der Großen Hausfrau des Reformationsgeschehens gedenken, weil sie anders als Ursula von Münsterberg, Argula von Grumbach und Katherine Zell aus Straßburg durch intellektuelle Anteilnahme an den Ereignissen nun wirklich nicht aufgefallen ist?

Die frauenpolitisch korrekte Antwort lautet: Jein. Es ist auf die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung hinzuweisen, die Katharina in Haus und Hof hat wirbeln lassen, damit ihr Martin wohl versorgt und unbehelligt in seinem berühmten Studierstübchen arbeiten und in die Geschichte eingehen konnte. Hat Luther abgewaschen oder Kinder gewickelt, oder ist er nicht vielmehr dafür berüchtigt, den Verschleiß der Frauen bei niedrigen Arbeiten und ununterbrochenem Kinderkriegen als gottgewollt zu rechtfertigen? Da ist es doch kein Wunder, daß Katharina von Bora keine Werke hinterlassen konnte. Niemand, gerade auch nicht ihr Ehemann, hat es für nötig gehalten, ihre zahlreichen Briefe an ihn aufzubewahren, während von ihm noch das lächerlichste Zettelchen archiviert wurde.