Im Hörsaal der Eitelkeiten
Die Jahrestagung der amerikanischen Forscher ist zur Verkaufsveranstaltung geworden
Schon erstaunlich, daß ausgerechnet ein Europäer bei dem großen Jahrestreffen der amerikanischen Wissenschaft die spannendste Rede hielt. Das Publikum im großen Marquis Ballroom des Marriott Hotel im kalifornischen Anaheim schlief schon halb, eingelullt von den langatmigen Statements zweier amerikanischer Forschungspolitiker. Rita Colwell von der National Science Foundation und Neal Lane vom Office of Science and Technology Policy hatten zum Thema Prioritäten für das 21. Jahrhundert vor allem nichtssagende Allgemeinplätze beigesteuert, und im Auditorium waren etliche Köpfe nach vorn oder gar auf die Schultern des Nachbarn gesunken.
Da betrat der Brite Robert May das Podium und riß die abendliche Plenarsitzung aus der Lethargie. Der zum Sir geadelte Physiker und heutige Wissenschaftsberater von Tony Blair korrigierte in scharfem Ton seine Vorredner: Die wichtigste Aufgabe der Wissenschaft im kommenden Jahrhundert sei nicht etwa der Fortschritt auf einzelnen Gebieten, entscheidend sei vielmehr der richtig verstandene Dialog mit der Öffentlichkeit. "Wir müssen die Politik besser beraten, das Publikum mehr einbeziehen und lernen, mit dem Vertrauen der Bürger besser umzugehen", las May den in Anaheim versammelten Wissenschaftlern die Leviten. Die heutigen Probleme seien nur ein Vorgeschmack künftiger Herausforderungen. Um mit ethischen Fragen und politischen Streitfragen umzugehen, reiche es längst nicht mehr, daß "eine Versammlung gutangezogener, älterer Experten dem Publikum sagt: ,So liegen die Dinge, glaubt uns'", donnerte May in den Saal (siehe Interview Seite 28).
Nun sollte man meinen, daß solche Ermahnungen just auf der Jahrestagung der Amerikanischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften (AAAS) eigentlich unnötig seien. Schließlich gilt dieser große Wissenschaftsbazar, der dieses Jahr in nächster Nachbarschaft zu Disneyland, unweit von Los Angeles stattfand, als Paradebeispiel für gelungene Forschungsvermittlung. Nirgendwo sonst treffen mehr Wissenschaftler, Journalisten und Besucher zusammen als auf den fünftägigen Mammutkonferenzen der "Triple A-S". Nirgendwo sonst präsentiert sich Forschung in so buntem Gewand: Von Experimenten zur Überlichtgeschwindigkeit bis zum Gruppensex südamerikanischer Eingeborener, von der Technik der Disney-Filme bis zur Hirnzellentransplantation reicht das Themenspektrum der über 500 Vorträge. Und oft referieren dabei die besten und bekanntesten Vertreter ihres Faches.
In Europa jedenfalls gilt die Jahrestagung der AAAS bislang als unerreichbares Vorbild in Sachen Wissenschaftspopularisierung. Während dort das Motto Science is Fun ausgegeben wird, ist es in Deutschland schon fast anrüchig, wenn sich ein Forscher allgemein verständlich ans größere Publikum wendet. Nun allerdings will man von Amerika lernen. Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft möchte gemeinsam mit Deutschlands führenden Wissenschaftsorganisationen eigene Themen stärker ins öffentliche Bewußtsein rücken. Eine "Art Love Parade der Forscher" nach dem Vorbild der AAAS schwebt etwa Detlev Ganten vor, dem Vorsitzenden der Helmholtz-Gemeinschaft, in der sich die Großforschungseinrichtungen zusammengeschlossen haben. Ernst-Ludwig Winnacker, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, denkt derweil über Medientrainingsseminare für junge Wissenschaftler nach und will künftig jene belohnen, die ihr Fach allgemein verständlich darzustellen vermögen.
"Es geht letztlich um die technologische Leistungsfähigkeit Deutschlands", mahnte Ganten kürzlich in der Wirtschaftswoche. Schlechte Schulnoten in naturwissenschaftlichen Fächern und schwindender Nachwuchs machen den Forschungsmanagern Sorgen. Hinzu kommt, daß Wissenschaftlern bei sensiblen Themen - wenn es etwa um Tierversuche oder gentechnisch veränderte Nahrungsmittel geht - der Wind mitunter gewaltig ins Gesicht bläst. Da rächt sich der jahrelang vernachlässigte Dialog mit der Öffentlichkeit: Denn je weniger das Geschehen hinter verschlossenen Labortüren bekannt ist, um so größer ist naturgemäß das Mißtrauen.
In den USA wird die Kunst der Selbstdarstellung gepflegt
Die Initiative der deutschen Forscher ist daher ein längst überfälliger Schritt in die richtige Richtung. Doch Sir Robert May hat mit seinem energischen Plädoyer den Finger in eine Wunde gelegt, die auch deutsche Forscher schmerzen sollte: Die Auseinandersetzung mit Wissenschaft darf keine Einbahnstraße bleiben. Es reicht nicht, mit fröhlichen Einlagen das Publikum für sich gewinnen zu wollen. Die Forscher müssen auch lernen, Kritik zu akzeptieren und sich mit den Bedenken der Laien auseinanderzusetzen. Und schließlich müssen sie lernen, über ihre nationalen Grenzen hinauszudenken: Der europäische Einigungsprozeß und die damit einhergehenden Auseinandersetzungen - etwa über Bioethik oder die Atompolitik - zwingen sie auch zum europaweiten Dialog.
Der ökonomische Druck ist auch auf der AAAS-Jahrestagung spürbar. Sorgten früher oft kontrovers besetzte Diskussionsrunden für erhellende Spannung, mutiert das Programm von Jahr zu Jahr mehr zur fröhlichen Werbeveranstaltung. Ausgerechnet der Genforscher Craig Venter, der wie kein anderer die kommerzielle Umsetzung des Human Genome Project vorantreibt, organisierte das zweitägige Genom-Seminar der diesjährigen Tagung. Vertreter verschiedener Bio-Tech-Firmen bestimmten den Ton eines Symposiums zur Medizin im 21. Jahrhundert. Und auf der AAAS-Wissenschaftsausstellung sammelte der Raumfahrtkonzern Boeing Unterschriften für die internationale Raumstation. Doch nicht nur Firmen, auch einzelne Forscher beherrschen die nonchalante Verbindung von Erkenntnis- und Verkaufsinteresse: So wurde der Hirnforscher Vilajanur Ramachandran nicht müde, bei jeder sich bietenden Gelegenheit sein neuestes Buch zu preisen. Und der englische Astronom Martin Rees, der selbst nicht kommen konnte, ließ durch einen Kollegen ausrichten, man solle bitte schön seine Thesen in seinem jüngsten Buch nachlesen.
Das mag zwar alles als Popularisierung der Wissenschaft durchgehen, fördert freilich weder die Qualität noch die Glaubwürdigkeit der Forschung. So richtig also die Bemühungen in Deutschland und Europa um einen verstärkten Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit sind - die AAAS kann nur noch bedingt als Vorzeigemodell dienen. Die Europäer stehen vor der Herausforderung, die ihnen zugleich als Chance dienen mag, diesen Dialog mit weniger Werberummel und etwas mehr Tiefgang zu inszenieren. Gelingt ihnen das, könnte es gut sein, daß sich im Jahr 2020 die Amerikaner ein Beispiel an Europa nehmen.
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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