Der Fisch, der vom Himmel kam
Garbage, die Band danach, gibt ihr einziges Deutschlandkonzert
Es ist das Zeitalter der Mobilität, in dem sich nichts mehr bewegt. Garbage jedenfalls, "Müll" zu deutsch, kamen in Madison, Wisconsin, zusammen. Am Flughafen, dort, wo sonst eigentlich immer viel los ist. Am Boden warteten drei Männer, buddies seit langem, und vom Himmel kam ein Fisch. Sonst geschah eigentlich nichts: Gründungsversammlung einer der erfolgreichsten Bands der späten, der merkwürdig lauen neunziger Jahre.
Garbage ist ein Projekt, das sich mehr gesucht hat als gefunden, der letzte erfolgreiche Versuch der eigentlich Erfolglosen. Butch Vig, Steve Marker und Duke Erikson, die Männer am Boden, hatten bereits in allzu vielen Bands gespielt und dabei allzu selten die Charts auch nur von unten gesehen. Und Shirley Manson, der Fisch, der vom Himmel kam, war die Leadsängerin einer Mädchenband, die zwar noch niemand kannte, die sich aber trotzdem schon im Zank auflöste. Angelfish hieß sie, "Engelfisch", und Vig und Marker und Erikson hatten sie bei einem ihrer seltenen MTV-Auftritte gesehen und für gut genug befunden. So ist das mitten in den Neunzigern: John Lennon und Paul McCartney trafen sich als Teenager betrunken in Liverpool; U2 rauften sich auf einem Schulhof in Dublin zusammen; Garbage griffen einfach zum Telefon.
Only Happy When It Rains oder einfach Queer , so hießen die Erfolgsbotschaften der ersten CD. Mit Titeln wie Dumb oder I Think I'm Paranoid ging es im letzten Sommer nahtlos und unverändert weiter. Ein Wort, ein Satz sagt alles: alles nicht okay, alles nicht so schlimm. Version 2.0 heißt das neue Garbage-Werk, wie Windows 3.1 oder wie: Nichts passiert, so geht es weiter. Andere Datei, gleiches Dokument. Es ist das Zeitalter der Information, in dem man nichts Neues hört. "Beats und Gitarren und Harmonien", so schlicht beschreibt Shirley Manson das zweite Album. Es bietet Melodien, die man summen kann, und die die Contacter und Juniorpartner nachts in ihrem Seelenkeller pfeifen.
Doch: kein Vorwurf an Garbage. Vielleicht ist es einfach soweit, daß der Pop sich seine eigenen Abgesänge schreibt. Den synthetischen, kalten Engelfisch Shirley Manson jedenfalls haben Vig, Marker und Erikson als Erlösung empfunden, als er vom Himmel kam. Er nahm ihnen den Druck, die nächste große Grunge-Band zu gründen. Dafür wäre zumindest Butch Vig wie geschaffen gewesen. Er nämlich hatte 1992 das legendäre Nirvana-Album Nevermind produziert, die Jam-Session aufgezeichnet, aus der Smells like Teen Spirit wurde. Doch Butch Vig hat den alternativen Rock nicht gerettet. Als Garbage zusammenkam, 1994, schoß sich Kurt Cobain, die Lichtgestalt des Grunge, mit einer Schrotflinte ins Dunkel.
Garbage ist bereits die Band danach. Und wenn sie am 7. Februar im Kölner Palladium ihr einziges Deutschlandkonzert gibt, feiert sie Willkommen und Abschied zugleich. Mit einem ihrer neuen Songs. Er heißt: The Trick Is to Keep Breathing .
- Datum 04.02.1999 - 13:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







