Mein Jahrhundertbuch (6)
Siegfried Lenz: "Buddenbrooks" von Thomas Mann
Abwärts sollte der Roman ursprünglich heißen, und die Erzählabsicht seines Autors bestand denn auch darin, zu zeigen, warum es mit dem Buddenbrookschen Imperium abwärtsging.
Erzählt wird also die Geschichte der Getreidefirma Johann Buddenbrook zu Lübeck, und zwar von dem Augenblick ihrer größten Blüte bis zum Erlöschen. Solange - in der Zeit glücklicher Kaufmannschaft - ein umsichtiger und lebensfroher Patriarch wie Johann senior die Geschicke lenkt, ist Krisenstimmung unbekannt, der Traum von Dauer scheint erfüllbar. Doch schon des alten Johann Sohn, der Konsul, zeigt eine aufschlußreiche, eine signalhafte Empfindsamkeit, als er an die Vorbesitzer des Hauses erinnert, die, ehemals nicht weniger reputierlich und selbstgewiß als die Buddenbrooks, eines Tages verarmten, davonzogen, starben. Noch ist das Bibelwort "Alles hat seine Zeit" nicht gefallen, doch das Unabwendbare ist bereits angekündigt; die religiösen Neigungen des Konsuls, seine Ämterlast, seine Art zu denken lassen schon Gefährdung ahnen.
Immer hat mich dies "Stück Seelengeschichte des europäischen Bürgertums" bewegt; immer empfand ich Mitleid mit denen, die sich am Ende die Gesetzmäßigkeit des Verfalls eingestehen mußten, immer hinterließ die Erbarmungslosigkeit in den Konventionen einer bürgerlichen Welt eine schmerzhafte Ratlosigkeit. Auch bei wiederholter Lektüre ist man beteiligt: Man ist ergriffen und amüsiert und wehmütig, ganz so, als gehe man mit Personen von höchster Gegenwärtigkeit um. Obwohl der detailsüchtige Autor immer wieder Jahreszahlen nennt, längst Vergangenes beschwört: Die Geschichte, die so gelassen erzählt wird, kommt mir nicht als historisches Geschehen vor. Im Gegenteil: Ich habe das Gefühl, an einem überzeitlichen Ereignis teilzuhaben. Die Unerschöpflichkeit, aber auch die Übertragbarkeit eines Gleichnisses werden deutlich. Hier hat - und daran besteht für mich kein Zweifel - der Verfall einer Familie einen endgültigen Ausdruck gefunden.
Schon aber merke ich, daß dieses welthaltige Erzählwerk bei weitem noch nicht ausgemessen ist: kein Wort bisher über das Wesen der Parodie und die Funktion des Leitmotivs, nichts über die Mythologie des Hauses und die Bedeutung der Musik, dieser "außerordentlich ernsten, wichtigen und tiefsinnigen Sache". Den ganzen Reichtum von Thomas Manns Buddenbrooks zu benennen, bedarf es wohl epischer Beweisführung. Aber vielleicht ist dieser Roman wirklich unausschöpfbar?
· Thomas Mann: Buddenbrooks. Verfall einer Familie. S. Fischer, Frankfurt am Main 1996; 762 S., 34,- DM
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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