Problemfall Zappelkind
Wo die Schulmedizin bei Verhaltensstörungen nicht hilft, suchen Eltern immer öfter das Heil in Bachblütentropfen und anderen alternativen Methoden
Robin war die Unruhe selbst. Es gab Zeiten, da brachte er keinen Satz heraus, ohne zwischen den Wörtern zu zischen oder merkwürdige Pfeiflaute auszustoßen. War es mit dem Zischen vorbei, fing er plötzlich an, mit den Augen zu zwinkern oder mit den Armen zu fuchteln. Robin war wie diese Blechspielzeuge, die man aufdreht und die dann durchs Zimmer rappeln. Er zischte, zwinkerte und zappelte den ganzen Tag. Und wenn er eine Schleife binden sollte oder eine ähnliche Geduldsprobe zu bestehen hatte, rastete er regelmäßig aus.
Die Kinderärztin schickte Robins Mutter zur "Entwicklungsneurologie" der Uniklinik. Nach zwei Stunden im Wartezimmer waren die Symptome bei Robin so deutlich, daß der Neurologe schnell zu seinem Befund kam: hyperkinetisches Syndrom. Gegen dieses nach nur einer Sitzung über ihr Kind gefällte Urteil ging die Mutter in Berufung. Ergotherapie, mehrere Termine bei Kinderpsychiatern, schließlich ein Platz in einem Sprachheilkindergarten.
Zu den vielen Wartezimmern, die der Junge schon kennengelernt hatte, kam noch ein weiteres hinzu. Die Mutter wurde mit ihm bei einem Kinesiologen vorstellig. Kinesiologen sind Heilpraktiker - inzwischen auch immer mehr Ärzte mit einer Fortbildung -, die daran glauben, daß man von der Spannung bestimmter Muskeln auf den Zustand der Organe schließen könne. Also weg mit der Ziegenmilch! Die Muskeltests hatten zur Folge, daß Robin geheimnisvolle Kügelchen schlucken mußte. Zusätzlich waren bestimmte Stellen an seinem Körper mit einer Bachblütensalbe einzureiben.
Wie Robins Mutter ergeht es heute vielen Eltern. Weil ihre Kinder zappelig sind oder aggressiv, in der Schule Probleme haben, schlecht schlafen oder immer wieder nachts ins Bett machen, brauchen sie dringend Hilfe. Der Kinderarzt ist meist die erste Anlaufstelle. Aber ein intensives Gespräch, das Eltern und Kinder in solchen Fällen am nötigsten brauchten, kann sich ein Kinderarzt heute nicht mehr leisten. Im Bereich der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg zum Beispiel bekommt er zur Zeit für eine Beratung knapp 30 Mark - allerdings nur, wenn sie mindestens 30 Minuten dauert. Kein Wunder, daß die meisten Ärzte den Eltern die Adresse eines Spezialisten, eines Kinderpsychologen oder -psychotherapeuten, in die Hand drücken. Das Kind malt in einem neuen Wartezimmer neue Malbücher aus. Dann soll es jede Woche zum Therapeuten kommen, Fragen beantworten, seine Ängste töpfern oder seine Aggressionen in Knetgummi drücken.
Der Erfolg läßt - naturgemäß - auf sich warten. Eine seriöse Psychotherapie dauert Monate. Vielleicht muß die ganze Familie mit auf die Couch. Aber das bedeutet Mühe und unbequeme Fragen an sich selbst. Wie verlockend ist da die Aussicht, daß vielleicht der Heilpraktiker, von dem in der Turngruppe alle schwärmen, noch ein sanftes Mittel wüßte.
Adelheid Henke, Vizepräsidentin des Fachverbandes deutscher Heilpraktiker in Bonn, bestätigt, daß immer mehr Kinder in der Praxis eines Heilpraktikers landen. "In den vergangenen zwei Jahren haben wir bis zu dreißig Prozent mehr Kinder behandelt als vorher." Und immer häufiger kämen Jungen und Mädchen mit Wahrnehmungsstörungen, Konzentrationsproblemen, Lese-Rechtschreib-Schwäche, völlig überreizte und überforderte Kinder.
Auf der Suche nach alternativem Rat ist längst nicht mehr nur der Homöopath gefragt, der eine "Konstitutionsbehandlung" verordnet, um das Selbstvertrauen des Kindes zu stärken. Zunehmend beliebt sind Behandlungen mit Bachblütentropfen, die Energieblockaden im Körper aufheben sollen. Eltern hängen ihren Kindern Edelsteine um den Hals, damit beim Diktat die "Störfelder" ausgeschaltet werden. Andere räumen das Kinderzimmer um, weil sie Erdstrahlen als Ursache für das auffällige Verhalten ihres Kindes entlarvt haben. Es wird gependelt, Stutenmilch getrunken, in Urin gebadet. In speziellen Instituten kann man Sorgenkinder für teures Entgelt per Kopfhörer mit Mozart beschallen lassen - die leicht verfremdete Musik soll an die Geräusche im Mutterleib erinnern und von der Rechtschreibschwäche bis zum Stottern alles kurieren können.
- Datum 11.02.1999 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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