ZEITmagazin: Sie müssen eine ziemliche Wut auf Kritiker haben. In Ihrem neuen Roman lassen sie kein gutes Haar an dieser Zunft.

John Irving: Ich verabscheue Rezensenten, die sich anmaßen, Autoren unqualifiziert abzukanzeln. Es gäbe viel bessere Kritiken, wenn Schriftsteller sie schreiben würden. Ich gebe zu, daß ich selbst keine Lust dazu habe. Deshalb bewundere ich John Updike, wie er es schafft, so feinfühlig und kompetent Bücher zu rezensieren.

Irving: Ich habe genug zu diesem kulturlosen Arschloch gesagt. Über ihn zu sprechen ist reine Zeitverschwendung.

ZM: Das mag sein. Aber verdankt er seine Macht nicht einer gläubigen Gemeinde?

Irving: Natürlich gehören zwei zu diesem Spiel. Bevor Sie jedoch die deutsche Öffentlichkeit kritisieren, sollten Sie folgendes wissen: Ich habe viele Freunde in der deutschen Literaturszene, und für die ist Reich-Ranicki völlig unbedeutend. Es sind die Medien, mittels derer er sich aufblasen kann.

ZM: Die Journalisten sollen schuld sein? Jeder Fernseher hat doch einen Knopf zum Ausschalten, und niemand ist gezwungen, eine Zeitung zu kaufen, oder?

Irving: Lassen Sie mich den Advocatus Diaboli spielen. Ich bin sicher, daß zur Zeit in Europa die Meinung vorherrscht, wir Amerikaner seien besessen von Bill Clintons Liebesleben. Ich kenne keinen einzigen Amerikaner, der sich dafür interessiert. Keiner meiner Freunde hat mich gefragt, ob ich der Meinung bin, daß Clinton wegen Amtsmißbrauchs angeklagt werden soll. Aber ich bin von jedem großen Sender um eine Stellungnahme zu diesem Thema gebeten worden. Erst heute morgen wieder. Mein Kommentar lautete: "Wir haben einen wundervollen Tag hier in Vermont und drei Zentimeter Schnee vor der Tür."