Auf Westkurs
Der jordanische König Abdallah verspricht Demokratie. Damit wird er zur Hoffnung der arabischen Jugend
Lang hieß es im Nahen Osten: König Hussein ist Jordanien und Jordanien ist König Hussein. Arm an Rohstoffen, ohne heilige Stätten und dünn besiedelt, gewann der Wüstenstaat allein durch die großen Manöver und kleinen Winkelzüge dieses Mannes an Gewicht. Und jetzt? Im Augenblick seines Todes lassen sich die Zweifel im Volk, das ein halbes Jahrhundert immer nur diesen einen Herrscher gekannt und zunehmend bewundert hat, nicht leicht besänftigen. Hussein lag auf dem Sterbebett, als sich sein Informationsminister Nasser Judeh vor den aus aller Welt herbeigeströmten Journalisten zum Dementi gezwungen sah: All die Gerüchte, daß Jordanien diesen König nicht überleben würde, seien Unsinn. Dies sei schließlich ein Land mit Institutionen, mit Kontinuität.
Dem gläubigen "Vater der Beduinen" und Liebling des Westens war es gelungen, sein kleines Land zum Puffer zwischen dem Irak und dessen Erzfeind Israel zu machen. König Hussein vermittelte auch zwischen Palästinensern und Israelis. "Der Einfluß des Königs hatte Jordaniens Stellung überhöht", schrieb die kuwaitische Tageszeitung al-Qabas nach seinem Tod und prophezeite das Ende einer Ära. "Dieses Land wird nun auf seine normale Größe zurückgestutzt - trotz seiner geostrategischen Schlüsselposition."
Die Thronfolge in Amman wird zum Testfall für Nahost
Die Geschichte seines Landes dürfe "nicht mit mir zu Ende gehen", hatte der sterbende Monarch erklärt und in den letzten Stunden seines Lebens das Erbe neu geordnet. Anstelle des 51jährigen Bruders und langjährigen Kronprinzen Hassan bestellte er seinen 37jährigen Sohn Abdallah zum Nachfolger. Hussein verknüpfte diesen Machtwechsel mit einem Generationswechsel. Die Thronfolge in Amman wird so zum ersten Testfall in dieser unruhigen Weltgegend.
Zwischen Nil und Euphrat, zwischen Golf und Mittelmeer führt gleich eine ganze Reihe von betagten, mitunter auch kranken Herrschern die Geschäfte. Immerhin ist es siebzehn Jahre her, daß mit König Fahd in Saudi-Arabien das letzte Mal ein wichtiges arabisches Land seine Führung wechselte. Für die Dynastien und Diktaturen des Nahen Ostens gilt die Faustregel: Wer hier die Macht einmal in Händen hält, läßt sie ein Leben lang nicht mehr los. Was danach geschieht, ist Schicksal.
Darum wird in den wenigsten Hauptstädten der Region die Nachfolge klar geregelt. In Ägypten weigert sich der bald 71jährige Präsident Hosni Mubarak beharrlich, auch nur einen Stellvertreter zu berufen. In Syrien hat sich der kranke 70jährige Hafez al-Assad gerade erst wieder zum Staatschef "wählen" lassen; zwar gibt es dort einen Vizepräsidenten, doch soll al-Assad insgeheim seinen Sohn Bashir auf die Macht vorbereiten. In Saudi-Arabien stellt man sich trotz eines designierten Kronprinzen auf Diadochenkämpfe im Palast ein, sollte der angeschlagene 76jährige König Fahd seinem Herzleiden erliegen. Auch der bald 70jährige Vorsitzende der PLO und der Palästinenserbehörde, dessen Hände und Lippen zittern, hat keinen offiziellen Nachfolger: Jassir Arafat kann nicht sicher sein, daß PLO-Stellvertreter Abu Masen als sein Nachfolger akzeptiert werden würde. Muammar al-Ghaddafi, 56, der sich vor zwanzig Jahren in Libyen an die Macht putschte, hat keinen designierten Nachfolger. Und sollte der irakische Diktator Saddam Hussein mit amerikanischer Hilfe doch noch zur Strecke gebracht werden, würde er ein gefährliches Machtvakuum hinterlassen.
Das hohe Durchschnittsalter dieser Herrscher steht im Gegensatz zu ihren sehr jungen Bevölkerungen - ein Generationenkonflikt ganz eigener Art. Andere strukturelle Probleme kommen dazu und lassen sich nur flexibel und kreativ lösen, was nicht eben eine Stärke der greisen Potentaten ist. So sind in Jordanien mehr als 60 Prozent der Staatsbürger palästinensischer Herkunft. Bis heute finden sich aber nur wenige von ihnen in Schlüsselpositionen der Regierung wieder. Höchste Zeit, diese Bevölkerungsschicht, die in ihrer Mehrheit zudem erst nach dem Sechstagekrieg 1967 geboren wurde und sich dem jordanischen Staat gegenüber loyal verhält, besser zu integrieren. Im Alltag teilen junge Jordanier, egal welcher Herkunft, nicht mehr jene Werte, die das System in ihrem Land so lange aufrechterhalten haben. Sie fordern politischen Dialog, konstitutionelle Gewaltenteilung, die Abschaffung von Korruption und Privilegien.
König Hussein habe längst nicht mehr "unsere Sprache" gesprochen, sagt der 36jährige Salameh Ne'mat von der in London erscheinenden arabischen Tageszeitung Al Hayat : Eine Bevölkerung, die zu 70 Prozent jünger als dreißig Jahre ist, könne nicht von über Sechzigjährigen regiert werden. Ne'mat setzt deshalb wie viele junge Araber seine Hoffnungen auf den neuen Monarchen, den er als Prototyp jener jungen Führungsgarde sieht, die morgen überall im Nahen Osten regieren könnte: Absolventen westlicher Universitäten, die sich mehr für das globale Internet als für panarabische Ideologien interessieren. König Abdallah hat auch nicht - wie sein Vater - den Verlust des Westjordanlands und Ostjerusalems zu verantworten. Ins Zentrum der Politik könnten darum andere Werte rücken, nicht mehr der Kampf um Land (oder die Rache für verlorene Gebiete), sondern individuelle Freiheiten oder auch der Respekt vor Menschenrechten.
Ein solcher Wertewandel würde einer Befriedung der Region eher dienen. Denn die nächste Führungsgeneration im Nahen Osten, so betonte König Abdallah in einem seiner ersten Interviews, werde mehr Gemeinsamkeiten haben als ihre Vorgänger. So könne er sich schon jetzt mit Assads Sohn Bashir besser verständigen, als es seinem Vater mit dem syrischen Präsidenten je gelang.
In gewisser Weise gehört selbst der demokratisch gewählte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in diese Reihe. Schließlich hat ausgerechnet er, dessen leiblicher Vater ideologisch weit rechts steht, den offiziellen Verzicht auf "historische Gebiete" unterzeichnet - ein Schritt, den sein politischer Ziehvater Jitzhak Schamir niemals vollzogen hätte. Auch in Israel hat - wenn auch nicht immer klar erkennbar - ein Generationswechsel stattgefunden. Wie König Abdallah hat im übrigen auch Netanjahu in den Vereinigten Staaten studiert. Dieser Israeli ist stolz darauf, daß er sein Land in fast jeder Hinsicht amerikanisiert.
Der Blick über den Atlantik ist allerdings nicht nur eine Vorliebe der Führungsschichten. Schon bei der Berichterstattung war dies spürbar. Wer in Jordanien mit den spärlichen Nachrichten des staatlichen Fernsehens über das Sterben des Königs unzufrieden war oder ihnen gar nicht glaubte, wechselte auf CNN, um dort die bestürzenden Nachrichten aus dem Krankenhaus zu erfahren. In die Trauer um den Monarchen mischte sich der Zorn auf die offizielle Informationspolitik. Das Volk fühlte sich für dumm verkauft. Ähnliches geschah in Israel während des Golfkriegs 1991. Auch dort gilt CNN seither als Quelle für die "wahren" Nachrichten: Denn die Schere der Militärzensur, direkte Einmischung der Regierung und oftmals auch schlichte Unprofessionalität haben das Vertrauen der Zuschauer in die einheimischen Medien zumindest schrumpfen lassen.
In Syrien wird man bald im Internet surfen dürfen. Manche Entwicklung läßt sich eben nicht aufhalten, auch nicht von Diktatoren, die sich schon vor Fotokopierern und Faxgeräten fürchten. In der arabischen Welt stört dabei der zur Schau getragene Haß auf die Politik der Vereinigten Staaten nicht die Liebe zum amerikanischen Lebensstil. So tragen Demonstranten gegen eine US-Intervention im Irak T-Shirts mit dem Aufdruck "Go West"...
Vom Geschick der Amerikaner hängt Abdallahs Erfolg ab
Der Frust des Volks über die eigene Misere und seine Wut auf die herrschenden Eliten können überall in Unruhen umschlagen, die dann mit Gewalt eingedämmt werden. Im Nahen Osten ist dieses Verfahren leider oft die Regel. Es gibt aber auch Wege, Krisen frühzeitig durch eine bessere Politik zu entschärfen: Diesen Weg will König Abdallah gehen. Ob das gelingt, hängt nicht nur von ihm ab, sondern auch vom Wohlwollen der Vereinigten Staaten und Israels. Mehr als alle Finanzhilfen zur Hebung des jordanischen Lebensstandards könnte eine kluge amerikanische Politik in der arabischen Welt jene Westorientierung stützen, die der junge Souverän anstrebt.
Ähnlich verhält es sich mit der blockierten israelischen Friedenspolitik. Eine aufgeschlossenere Haltung gegenüber den Palästinensern in den Autonomiegebieten würde König Abdallah und seiner palästinensischen Bevölkerungsmehrheit dabei helfen, Westkurs zu halten.
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




