TIME STORIES

Diese CD beginnt mit den wärmenden und vertrauenerwekkenden Sätzen: "Eine schöne Geige. Wir bemühen uns, eine sehr schöne Geige zu bauen. Den Ton gibt uns der liebe Gott hinein." In verbindlichstem Österreichisch gesamplet, ein lebensvolles Motto für eine Musik, in der nachfolgend natürlich keinerlei Geige ertönt.

David Moss - dies weiß der einschlägig Interessierte - ist ein Garant fürs Unerwartete, fürs Risiko, für Konzepte, die beim nächsten Mal wieder zu ändern sind. Ein schwergewichtiger Amerikaner aus New York City, der singt, wie ihm das Leben mitspielt, der früher Jazzschlagzeuger war, bis er merkte, daß ihm die festgeschraubten Klänge nicht ausreichten, daß er vor lauter Anspannung immer zu atmen vergaß.

Seit seiner ersten Plattenveröffentlichung 1980 hat er Hunderte von Solokonzerten gegeben, ein Schreck war er vielen, als "Anschlag auf die Hörgewohnheit" bezeichnete man sein Stimmchaos, seine Klang-Performance, die Noise-Musik seiner Dense Band. Von akustischem Abfall des Alltags ist die Rede, von Klangreferenzen und Dekodierung, die Musik von Moss regt auch den Theoriekopf an.

Nun blickt der 1949 Geborene zurück, lädt 7 Freunde ein, sich mit ihm in 7 Duos zu erinnern, präsentiert daraus 22 ganz ungewöhnliche Miniaturen, die man als die aufregendsten und herzerfrischendsten seines Musiklebens bezeichnen könnte, würde der statische Superlativ nicht dem Veränderungsdrang widersprechen.

Mit dem Engländer Phil Minton ergeht er sich in zärtlichem Männerkrächzen, oder sie brummen wie turtelnde Schildkröten, mit der Belgierin Catherine Jauniaux singt er japanophile Madrigale, mit dem Japaner Koichi Makigami dröhnt er wie ein amerikanischer Rübezahl zur Maultrommel, in einer Sprache, die keiner kennt und die doch so vertraut klingt, als hörte man sie schon als Embryo.

"Erhöht die Erinnerung die Einzelheiten der Vergangenheit, oder raubt sie ihnen ihre Besonderheit?" fragt David Moss im Begleitheft und überschreibt drei zentrale Titel mit Location Of Memory. Sie sind das Herz dieser CD, pumpen den Saft in alle Verästelungen: Nachtstück mit Heiner Goebbels, Daily Life mit Frank Schulte, Aha, déja vu, wunderbar mit Hans Peter Kuhn. Die Klänge ziehen vorbei wie Treibgut auf einem trägen Fluß. Wohlige Gurgellaute legen sich über Klavierelegien, vibrierendes Schnarren oder Loops grundieren Stimmen aus Nebenräumen, statisch, hochspannend.