Eine Episode vorweg, weil sie die ganze Ambivalenz dieses Buches, die fast taumelnde Unentschiedenheit seines Autors enthält: Der 25jährige Ernst Krenek, als frühradikaler Komponist schon mehr als eine Hoffnung, lernt Mitte der zwanziger Jahre Rainer Maria Rilke kennen. Er begibt sich schlechten Gewissens zu dem Rendezvous, denn er ist seit Jahren glühender Verehrer von Karl Kraus, dem Antipoden Rilkes. Der junge Krenek bringt dennoch tapfer das Gespräch auf den Wiener Apokalyptiker. Er will von Rilkes Reaktion abhängig machen, wie er sich künftig zu ihm, dem Dichter, verhält und ob er möglicherweise etwas von ihm vertont. Rilke aber "sagte nur, daß er die Einstellung eines Mannes nicht teile, der einseitig die Eigenschaften einer Rasierklinge entwickelt habe und nichts anderes könne als schneiden, wo auch immer er zu Taten herausgefordert werde". Und Krenek? Widerspricht er, steht er auf? Mitnichten. "Das schien mir nur recht und billig, und ich war froh, daß ich meine Verbindung zu Rilke unter diesen Voraussetzungen aufrechterhalten konnte." Man kann sich offenbar auch eine "Rasierklinge" als Äußerung gesellschaftlichen Schliffs einreden.

Von solchen Labilitäten sind die tausend Seiten der Memoiren Ernst Kreneks durchzogen, die jetzt unter dem fetzigen Titel Im Atem der Zeit erschienen sind als ein merkwürdig anachronistisches Buch. Es kommt am Ende des Jahrhunderts heraus und enthält die Aufzeichnungen Kreneks über die erste Hälfte, die er, der gebürtige Wiener, zwischen 1942 und 1952 in der amerikanischen Emigration mit Hand notiert, selbst abgetippt, dann wohl nie wieder angeschaut - und um fast vier Jahrzehnte überlebt hat.

Auch der Anspruch, den der Autor mit seinem Dekaden-Werk verbindet, oszilliert zwischen Epochendokument und Selbsterkundung. Begonnen in dem Bewußtsein eines Zeitzeugen, "daß das Vergangene selbst in Gefahr ist, verloren zu gehen, denn es existiert ausschließlich in unserer Erinnerung", begonnen also mit dem Wunsch, eine untergegangene europäische Epoche heraufzubeschwören, enden die Mammut-Notizen zehn Jahre später mit dem Bekenntnis, eigentlich sei ja "so etwas wie ,Ein Porträt des Künstlers als junger Mann'" nach Art von Joyce geplant gewesen.

Greifen wir dem Kolossalgemälde mit ein paar Daten vor. Ernst Krenek, 1900 geboren, war einer der produktivsten Komponisten des Jahrhunderts, einer, der vielerlei Moderne nicht nur miterlebt, sondern auch befördert und im eigenen Werk verarbeitet hat, ein Proteus der Stille, ein Sisyphus des Experimentierens, ein "Sucher". Mit seiner Jazzoper Johnny spielt auf errang er 1927 Welterfolg und (vorübergehende) Wohlhabenheit und sicherte sich frühzeitig den Haß der Nazis, die ihn, den Nichtjuden, zur Flucht aus Österreich zwangen, als sie 1938 dort einmarschierten. In Amerika wurde er Musikprofessor am Vassar College, dann Leiter der Musikabteilung am Hamline College in St. Paul (Minnesota), verlegte sich auf Gastprofessuren und Vortragsreisen und lebte schließlich, als Liebhaber südlicher Landschaft, in Kalifornien. Nach dem Krieg - etwa um die Zeit, da die Aufzeichnungen mehr abgebrochen als abgeschlossen sind - wird die Emigration zum Einleben in die Neue Welt und zur partiellen Rückkehr in die Alte: Österreich war ihm viele Male willkommener Sommeraufenthalt. Vor allem aber: Seine Werke, seine Opern werden wieder viel gespielt, und zu den Ehrungen, die er nun empfängt, gehört auch der Hamburger Bachpreis (1966). Von Palm Springs, wo er 1991 stirbt, wird er nach Wien gebracht und in einem Ehrengrab beigesetzt.

Krenek selbst hat sich immer auch als einen Mann der Feder, als einen Intellektuellen betrachtet. Er hat nicht nur viel und leicht komponiert (so daß der Musikkritiker H. H. Stuckenschmidt ihn sogar mit Mozart vergleichen konnte), sondern auch gern und reichlich geschrieben, war um 1930 Mitarbeiter der Frankfurter Zeitung, später der Wiener Zeitung und oft gedruckter Essayist in Zeitschriften. Er war ein Workaholic, als es diesen Begriff noch nicht gab. Und es hat ihn in dem Refugium seiner amerikanischen Professuren, das er zugleich als Verbannung von der öffentlichen Bühne empfand, immer wieder gedrängt, über sich selbst nachzudenken und Auskunft zu geben. Schon 1948 hatte er eine "Selbstdarstellung" veröffentlicht mit der Absicht, "darzutun, warum ich glaube, daß mein Werk kommenden Generationen wichtiger sein mag, als es meinen Zeitgenosssen im allgemeinen vorzukommen scheint". Dieser Lebensabriß besticht durch Nüchternheit, konzise Werkberichte und politische Wachheit. Da verstand einer mehr als die meisten seiner komponierenden Mitstreiter von der Welt, in der er lebte.

Und nun lernen wir diesen beispielhaften Ernst Krenek, diesen von Karl Kraus geprägten Wortgetreuen von einer ganz anderen Seite kennen, eben von den tausend Seiten seiner memoirs. Das ist ein Opus von so unbarmherziger Weitschweifigkeit, ein solches Sammelsurium frühen Partytalks, daß man Mühe hat, den Autor der Selbstbetrachtung oder der Essays Zur Sprache gebracht darin wiederzuerkennnen. Es ist, als habe da jemand gegen das Bewußtsein des Abgeschriebenseins angeschrieben, ohne Rücksicht auf Proportionen, Zeitgenossen und auf sich selbst. Vorsichtshalber hatte Krenek aber verfügt, das Manuskript "nicht vor Ablauf einer gewissen Zeit dem Publikum zugänglich zu machen, da, wie gewöhnlich in solchen Fällen, das Dokument viele Details enthalten wird, die nicht für die Veröffentlichung bestimmt sind".

Peinlichkeiten, Invektiven und Entblößungen