Der libertäre Rausch ist vorbei, der Glaube an freie Weltmärkte vergangen, die Ideologie des Grenzenlosen gescheitert. Der Staat ist wieder wer, er soll den Menschen schützen: gegen Ungleichheit und Arbeitslosigkeit, gegen neue Risiken und alte Ausbeutung. Die diskursive Stimmung schlägt um, wie immer, nachdem sie stark ausgeschlagen ist.

Hin und her - und doch kommen wir nicht dorthin zurück, wo wir standen. Denn das ökonomische Prinzip ist auf dem Durchmarsch. Nationale und regionale Nischen gehen verloren, wenn technische Zeichner in Deutschland und Argentinien per Computer miteinander konkurrieren, wenn ein Kaufinteressent im Internet die Angebote miteinander vergleichen kann, wenn der Telekommunikationsmarkt entregelt wird, weil er sonst im internationalen Maßstab verkümmern würde. Märkte entstehen, wo bislang keine möglich waren; auch kleinste Dienste wie ein Aktientip lassen sich verkaufen, weil man sie - fast kostenlos - digital transportieren kann.

Weil die Wirtschaft effizienter, schneller, differenzierter wird, drängt sie andere Lebenswelten an den Rand. Millionen Bundesbürger verbringen heute ungleich mehr Zeit mit der Aktienbörse als vor zehn Jahren. Und weil Arbeiten zum Abenteuer wird, muß der einzelne auf der Hut sein und unausgesetzt neu kalkulieren, was er wo leistet. Früher waren die meisten Karrieren vorgezeichnet. Pausenlos die eigenen Optionen zu überprüfen - das war nicht geboten. Auch nicht als Konsument: Wer heute telefonieren will, kann viel sparen, wenn er die schnell wandelbaren Angebote vergleicht. Und zwar immer wieder aufs neue. Früher hatte man nur die Wahl, vor oder nach 18 Uhr zum Hörer zu greifen.

Noch ist es nicht soweit wie in den Vereinigten Staaten, wo Anwälte über lokale Fernsehwerbung um Klienten konkurrieren oder Starärzte ihre Honorare über alle Maßen gesteigert haben. Aber die Freiberufler haben auch hierzulande das ökonomische Kalkül verinnerlicht; oft genug versuchen sie schon, sich unprofitable Klientel vom Hals zu halten oder Kunden die teuerste Variante ihrer Dienstleistung aufzuschwatzen.

Die neue Wirtschaft fordert, daß wir ohne Unterlaß abwägen. Folgen wir dem ökonomischen Imperativ nicht, schadet es uns. Denn, und das gehört zum Wesen dieses Wandels, der Markt verschafft den Menschen nicht nur immer wieder neue Optionen, sondern er schafft auch die alten ab. Das gilt für uns als Geldausgeber wie als Geldverdiener. Selbst Kommunalbeamte, die sich bisher vor allem selbst genug waren, bekommen allmählich den Druck der Marktratio zu spüren: Sie sollen gefälligst auf die Wünsche der Bürger reagieren.

Man kann die extreme Flexibilität tadeln wie der amerikanische Soziologe Richard Sennett, der den Menschen schutzlos hin- und herwanken sieht; man kann sie feiern wie sein Landsmann Don Tapscott, der die Generation der "Net Kids" hochleben läßt, die mit all den Optionen leicht und locker umgehen kann. Man kann den Verlust alter Stabilität bedauern oder das neue Selbstbestimmungspotential preisen. Wie man es auch wendet: So ganz menschlich wirkt der hastige und allgegenwärtige Markt nicht. Oder andersherum: Der Mensch, nie ganz Homo oeconomicus, ist für die Turboökonomie nicht geschaffen - weder als einzelner noch als Kollektiv.

Einerseits überfordern ihn die Märkte, andererseits reduzieren sie ihn auf einen Ausschnitt seiner Persönlichkeit.