Ankara

Nüchtern besehen hätte Abdullah Öcalan eine bessere Presse verdient. In den hiesigen Medien fällt sein Name selten ohne das unfreundliche Beiwort "der Baby-Mörder und Terror-Chef der separatistischen PKK". Der Leibhaftige, endlich gefaßt. Die Ironie ist freilich, daß seit den Tagen des seligen Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk wohl niemand türkische Politik in so kurzer Zeit dermaßen in Bewegung gebracht hat wie ausgerechnet der Staatsfeind Nummer eins, seit er am Dienstag voriger Woche in die Türkei überstellt wurde.

Doch dann kam Öcalan, und seither ist Ecevit der Mann der Stunde. "Die Türkei durchlebt ein Hochgefühl nationaler Euphorie", meint der Publizist Dog*an Tiliç. "Das Foto, das Abdullah Öcalan vor der türkischen Flagge zeigt, dokumentiert symbolisch den Sieg des türkischen Nationalismus über den kurdischen Separatismus. Staat und Regierung haben ein neues Selbstbewußtsein gewonnen, das noch vor zwei Wochen undenkbar gewesen wäre." Ecevit nutze dieses unverhoffte Geschenk der Geschichte ebenso staatsmännisch wie geschickt. "Nicht auszumalen, wenn Tansu Çiller Regierungschefin wäre", sagt Dog*an Tiliç. "Sie würde sich vermutlich mit Sprüchen profilieren wie: Knüpft den Baby-Mörder auf. Und sie würde die Festnahme Öcalans als ihren persönlichen Sieg verkaufen. Nicht so Ecevit. Er betont, die Verhaftung Öcalans sei ein Sieg des Rechtsstaates über die Gewalt."

Diese bewußte Zurückhaltung, eine intelligente Form von Wahlkampf, kommt in der Öffentlichkeit gut an. Umfragen zufolge dürfte Ecevits Demokratische Linkspartei (DSP), eine für westeuropäische Verhältnisse ungewöhnliche Melange aus Sozialdemokratie und ausgeprägtem Nationalismus, bei den bevorstehenden Wahlen um sechs bis acht Prozent zulegen. Das könnte reichen, um stärkste Partei zu werden. Zugute kommt Ecevit zudem der Ruf als erfahrener Krisenmanager. In den siebziger Jahren war er dreimal Ministerpräsident, im Juli 1974 befahl er den Einmarsch türkischer Truppen auf Zypern. Bei den anschließenden Wahlen erhielt er sein bislang bestes Wahlergebnis. Und, ebenfalls ein Bonus in der korruptionsgeplagten Türkei: Ecevit hat sich nie bestechen lassen, lebt in bescheidenen Verhältnissen und verzichtet auf Luxuslimousinen als Dienstwagen.

Abdullah Öcalan dürfte als tragische Figur in die Geschichte eingehen. Für die kurdische Sache hat er nichts erreicht. Statt dessen hat er die türkische Parteienlandschaft stabilisiert. Optimisten erwarten nach den Wahlen in zwei Monaten eine Zweierkoalition aus Ecevits DSP und der Mutterlandspartei von Mesut Yilmaz. Pessimisten glauben, daß Tansu Çillers Partei des Rechten Weges als dritter Koalitionspartner hinzukommen wird.

Der Präsident drohte Griechenland mit türkischer Selbstverteidigung

So viel Übersichtlichkeit war lange nicht. Die großen Verlierer des Öcalan-Faktors sind die Islamisten, die bislang als potentielle Wahlsieger gehandelt wurden. Das Militär, das hinter den Kulissen türkische Politik gestaltet, dürfte sich die Hände reiben. Mit Hilfe einer offenkundigen Manipulation der Verfassung und eines willfährigen Obersten Gerichtshofes erwirkten die Generäle im Januar vorigen Jahres das Verbot der islamistischen Wohlfahrtspartei von Necmettin Erbakan, nachdem er im Juni 1997 zum Rücktritt als Ministerpräsident gezwungen worden war. Die Tugendpartei, Nachfolgerin der Wohlfahrtspartei, durfte mit einem entsprechenden Sympathiebonus bei den anstehenden Wahlen rechnen. Die Instabilität türkischer Regierungen erklärte sich vor allem aus dem Versuch, Mehrheiten ohne Beteiligung der Islamisten zu finden - was angesichts der persönlichen Feindschaft zwischen den beiden konservativen Parteiführern Yilmaz und Çiller nicht dauerhaft gelingen konnte.