Zu ihrem hundertsten Geburtstag haben die toten Dichter einen Wunsch frei. So bittet Erich Kästner beim Geschäftsführer des Dichterhimmels um eine Bahnfahrkarte nach Neustadt. So heißt der Ort, von dem aus der kleine Emil Tischbein in einem bekannten Kinderbuch zur gefährlichen Reise nach Berlin aufbricht. Neustadt ist keine Erfindung Erich Kästners. Er ist dort geboren und aufgewachsen, in einem ärmlichen Viertel des Dresdner Nordens, abseits der barocken Schauseite der Stadt. Vom Bahnhof Dresden-Neustadt kann er die Wohnungen und Spielplätze seiner Kindheit zu Fuß erreichen.

Die Bahnhofshalle ist schwarz wie zu Zeiten der Dampflokomotiven. Niemand erwartet Herrn Kästner auf dem Bahnsteig, wo ihn die Mutter so oft unter Tränen verabschiedete.

Herr Kästner geht die Antonstraße entlang zum Albertplatz. Die Villa von Onkel Franz, dem Pferdemillionär, ist eingerüstet und bekommt einen ganz neuen Dachstuhl. Als kleiner Junge hat Herr Kästner dicke Geldtaschen für den Onkel zur Bank geschleppt. Jetzt sucht er seinen alten Lieblingsplatz auf der Gartenmauer. Aus der Loge zwischen Jasmin und Kirschbäumen hat er stundenlang die Straßenbahnen, Lastwagen, Soldaten und Passanten auf dem Albertplatz beobachtet. Noch immer ist der kreisförmige Platz eine Verkehrsdrehscheibe, rundum dröhnen jetzt die Autos.

An der Einmündung der Alaunstraße findet Herr Kästner das Denkmal. Es ist genauso groß oder vielmehr klein wie er selbst. Es trägt auch einen Hut. Aber Kopf und Rumpf werden durch einen Bücherstapel vertreten, die Beine ersetzt ein Kaffeehaustisch. Alles aus Bronze. Auf der Tischplatte liegen die Werkzeuge des Berufsschriftstellers: Stift und Schreibblock, eine zusammengerollte Zeitung, stehen Kaffeetasse und Whiskyglas. Trotz der Kälte bleibt ab und zu jemand stehen, um die Statue zu mustern. Herr Kästner ist sehr zufrieden.

Das Café Kästner im Plattenbau hinter dem Denkmal nennt sich jetzt neumodisch Kästner's. Es hat sich schwarze Barhocker zugelegt, öffnet früh und schließt erst im Morgengrauen. Aufschwung Ost, denkt Herr Kästner, aber der Kaffee schmeckt noch immer nicht. Er bestellt einen Whisky. Auf der Getränkekarte liest er, daß er in der Nachbarschaft geboren sei und mit seiner Mutter halb Deutschland durchwandert habe. 1974 sei er in München "als Junggeselle" gestorben. Ob das die Besucher der freitäglichen "Singlepartys" interessiert?

Nach dem dritten Whisky wandert er auf der lauten Königsbrücker Straße stadtauswärts, an Villen vorbei und den vertrauten Mietskasernen entgegen. Ecke Louisenstraße steigt ihm der Duft der Kuchenbäckerei Rißmann in die Nase. Mit den vormaligen Besitzern, der Familie Wirth, hatte er noch in der Nachkriegszeit Briefkontakt gehalten. Unwillkürlich biegt er in die schmale Louisenstraße ein, um bei Stammnitzens Blumen zu kaufen. Erst vor dem Laden im Haus Nummer 21, über dessen Schaufenster noch der alte Name zu lesen ist, fällt ihm ein, daß es niemanden mehr zu besuchen gibt.

Ein Fernsehteam drängelt sich in dem hübschen kleinen Laden und interviewt zwei junge Blumenhändlerinnen. Ja, sie hätten den Laden vor sieben Jahren von einem Nachfahren der Familie Stammnitz übernommen, berichten sie. Aus diesem Laden stamme der Blumenstrauß, den der kleine Emil für die Oma mit nach Berlin genommen habe. Es kämen häufig Leute in den Laden, um sich danach zu erkundigen. Herr Kästner, den niemand erkennt, lauscht vergnügt. Als die Fernsehleute einpacken, kauft er eine Rose, die er draußen auf der Straße ins Knopfloch seines blauen Maßanzugs steckt und unter seinem Mantel verbirgt.