Das Dorf heißt Ngcingwana, es liegt mitten in der Transkei, dem zwischen 1976 und 1994 von der Apartheidregierung für unabhängig erklärten "Homeland" des Xhosa-Volkes. So wie in Ngcingwana sind Tausende der insgesamt 14500 südafrikanischen Wahllokale in Dorfschulen untergebracht - ohne Strom, und Wasser gibt es nur im nächsten Fluß. "Wir wollen keine Dritte-Welt-Wahlen, unser Maßstab ist der Standard der Ersten Welt", hatte Wahlleiter Johann Kriegler trotzdem vollmundig angekündigt und dafür eine Technik angeschafft, mit der die südafrikanische Wahl zur modernsten der Welt werden soll.

Zu den sechs jungen Wahlhelferinnen hinter den Schulpulten in Ngcingwana hatte sich am Morgen auch Nomaka Mbeki gesellt. Sie ist die Mutter des designierten Präsidenten Thabo Mbeki, der hier 1942 geboren wurde. Nach einem Raubüberfall hat sie hier vor zwei Jahren ihren Dorfladen aufgegeben, doch zur Ruhe hat sie sich deshalb noch nicht gesetzt. Kein öffentliches Ereignis in der Gegend findet ohne die engagierte alte Dame statt. Heute ist sie gekommen, um bei der Aufstellung der Wählerlisten zu helfen. Mehr noch als die Wahl selber, die erst im Mai stattfindet, ist diese Registrierung ein gewaltiges logistisches Problem, dem jetzt mit High-Tech zu Leibe gerückt wird.

Das wichtigste Gerät dafür steht in der Mitte des improvisierten Tresens. Es ist ein akkubetriebener Minicomputer mit einem kleinen Display und einem eingebauten Scanner. So wie an modernen Supermarktkassen erkennt er die Codestreifen in den Ausweisen der Dorfbewohner, die zur Wahlregistrierung gekommen sind. Außerdem speichert er den Codestreifen auf dem Meßtischblatt, das die Grenzen des Dorfes Ngcingwana zeigt. Nur wer innerhalb dieses Gebietes wohnt, darf sich hier registrieren. Als Quittung druckt der Minicomputer zwei Strichcodes aus. Einen davon klebt Nomatemba Xolisani in den Ausweis, den anderen auf das Formular, in das die Schülerinnen alle Angaben zur Sicherheit auch noch einmal per Hand eingetragen haben. Erstmals wird so jeder Südafrikaner einem Wahlkreis zugeordnet. Bei der ersten demokratischen Wahl vor fast fünf Jahren war das noch nicht möglich. Jeder konnte überall abstimmen und bekam zur Verhinderung von Wahlbetrug lediglich einen Tintenklecks auf die Finger.

Gegen sechs zwingt die Dämmerung zur Schließung des Wahllokals von Ngcingwana. Nomatemba Xolisani packt den Minicomputer in eine Tasche und macht sich auf den Weg nach Idutywa, der nächstgelegenen Kleinstadt. Hier sollen sich die Helferinnen von rund 200 Wahllokalen der Umgebung treffen. Die meisten haben es tatsächlich geschafft, denn diesmal spielt das Wetter mit. Am ersten Registrierungswochenende im vergangenen Dezember blieben Dutzende Wahllokale geschlossen, weil die Wege überschwemmt waren. In Tsolo wurden die Minicomputer von einem Kleintransporter auf Ochsenwagen umgeladen, um einige der eingeregneten Wahllokale zu beliefern. Und in Ntabankulu hatte ein Tornado Hunderte von Ausweisen einfach weggeweht.

Im Rathaus von Idutywa werden die Minicomputer kurz an einen PC gestöpselt. Mit zwei Mausklicks werden die gesammelten Daten des Tages übertragen, die 52 Registrierungen aus Ngcingwana sind in weniger als fünf Sekunden eingespeist. Ohne weiteres Zutun gehen die Daten dann auf die Reise in den Zentralcomputer der Wahlkommission in der tausend Kilometer entfernten Hauptstadt Pretoria.

Auch für diese elektronische Verbindung sorgt die Wahlkommission mit modernster Technik. Auf die in den ländlichen Gegenden unzuverlässigen Telefonverbindungen wollte sie sich gar nicht erst verlassen. Alle 510 lokalen Sammelstellen für die Wahllokale sind per Satellit miteinander verbunden. VSAT (Very Small Aperture Terminal) heißt die Technik, die die südafrikanische Telekom dafür in den USA eingekauft und im Rekordtempo von drei Monaten installiert hat. Jede der 510 Bodenstationen ist mit einer Satellitenschüssel ausgestattet, die für eine ununterbrochene Verbindung zum Netzwerk der Wahlkommission sorgt. Dieses "Intranet" funktioniert intern wie ein kleines Internet.

Per E-Mail fließen die Registrierungsdaten aus allen Außenstellen in der Zentrale zusammen, wichtige Informationen für ihre lokalen Büros verbreitet die Wahlkommission ebenfalls über das Intranet. Schon wenige Minuten, nachdem die Daten aus Ngcingwana ins System eingespeist worden sind, taucht eine aktualisierte Liste auf dem Bildschirm im Rathaus von Idutywa auf. Darauf kann Nomatemba Xolisani den Erfolg ihrer Arbeit ablesen: Von 1212 auf 1264 ist die Zahl der registrierten Wähler in Ngcingwana heute gestiegen. Damit sind bereits 67,2 Prozent aller Wahlberechtigten erfaßt. Gegenüber dem Landesdurchschnitt von rund 56 Prozent ein Erfolg, zu dem sicher auch die Beliebtheit und unermüdliche Aufklärungsarbeit von Nomaka Mbeki beigetragen hat.