"Sorry, very sorry"

Pol Pots oberste Menschenschlächter entschuldigen sich für 1,6 Millionen ermordete Kambodschaner und wollen ein ruhiges Leben als Rentner. Die Völkergemeinschaft besteht auf einem Tribunal. Eine Reise zu den Tätern

Him Huy gehört zu den Ärmsten im Dorf. Sein Besitz besteht aus Tonkrügen voll Wasser, einem Fischernetz, einer Hängematte und einer Feuerstelle, in deren kalter Asche ein Topf mit Essensresten steht. Jeden Morgen radelt er zehn Kilometer zur Arbeit im Reisfeld. "Er ist demütig, bescheiden und im ganzen Dorf beliebt und hilft allen, so gut er kann", sagen die Nachbarn. "Bevor die Leute vom Fernsehen kamen, hatten wir keine Ahnung, wer Him Huy war."

Niemandem, nicht einmal seiner Frau, hat er von seinem früheren Leben erzählt. Sie hält ein weinendes Kind auf dem Arm. "Him Huy ist ein guter Ehemann. Aber hätte ich damals von den Vorwürfen gewußt, hätte ich ihn nicht geheiratet. Jetzt ist es zu spät, denn ich habe acht Kinder von ihm, die ich nicht ernähren kann, wenn er noch einmal ins Gefängnis muß."

Im Taxi läßt Him Huy mich die Schrapnells befühlen, die seit Jahren durch seinen Körper wandern und höllische Schmerzen verursachen, Stahlsplitter in den Waden und eine Gewehrkugel, die unter der Kopfhaut sitzt. Him Huy ist Kriegsinvalide, aber er läßt sich nicht ärztlich behandeln, aus Angst, von Angehörigen seiner Opfer erkannt und an die Behörden denunziert zu werden.

Sein Lebenslauf ist exemplarisch: 1973, mit 19, von den Roten Khmer zwangsrekrutiert, gedrillt und in Mak-Lenin ausgebildet - so hieß in der Khmer-Sprache die marxistisch-leninistische Ideologie -, die Ideen Maos hat er erst später studiert. Im Kampf um Phnom Penh verletzt; nach seiner Genesung zum Wachdienst abkommandiert und als Wärter nach S-21 versetzt. Dort Aufstieg bis zum Stellvertreter des Sicherheitschefs.S-21 war der Codename für Tuol Sleng.

Und Tuol Sleng ist heute ein Inbegriff für den Genozid der Roten Khmer in Kambodscha. 1,6 Millionen Menschen starben in diesem Experiment des "agrarischen Kommunismus". Sie kamen bei der Zwangsarbeit in den Reisfeldern um, verhungerten oder wurden auf den Killing Fields des Regimes ermordet. "Behalten wir sie, schaden sie uns. Töten wir sie, werden wir sie nicht vermissen." So sprach Pol Pot, Führer und "Bruder Nummer eins" der Roten Khmer. Allein in Tuol Sleng, einer ehemaligen Oberschule, wurden zwischen 1976 und 1979 über 15000 Menschen zu Tode gequält: Männer, Frauen und Kinder aus allen Altersgruppen und aus allen Bevölkerungsschichten des Landes. Aus dem Ausland zurückkehrende Diplomaten und Studenten, die direkt vom Flughafen nach S-21 verfrachtet wurden; Beamte und Offiziere des alten Regimes; Ausländer wie die Besatzung einer vor der Küste aufgebrachten Segelyacht; Intellektuelle und als Abweichler verdächtigte Kader der Roten Khmer mitsamt ihren Familien.

Sie alle wurden in den Klassenzimmern am Fußboden angekettet und so lange gefoltert, bis sie zugaben, vietnamesische Agenten oder Spione der CIA oder des KGB zu sein, von dem die meisten von ihnen noch nie gehört hatten. Später wurden sie auf chinesischen Lastwagen zu den Killing Fields außerhalb der Stadt gekarrt und gefesselt mit verbundenen Augen am Rand einer Grube aufgestellt, wo man sie mit Spaten erschlug. Kugeln waren zu wertvoll. Dann verscharrte man sie in Massengräbern oder als Dünger auf Kokosnußplantagen.

"Damals war es viel schmutziger hier", sagt Him Huy, als er die Gedenkstätte in Tuol Sleng betritt. "Es roch nach Exkrementen und Blut." Als Mahnung an den Völkermord hängt eine aus Totenschädeln zusammengesetzte Landkarte von Kambodscha an der Wand. Daneben Fotos der Ermordeten und Gemälde, auf denen das Grauen von Tuol Sleng in düsteren Farben festgehalten ist. Alles sei richtig dargestellt, bestätigt Him Huy, nur die Tötung der Babys nicht. "Die sind nicht auf Bajonette gespießt, sondern gegen Baumstämme geschleudert worden."

Wir stehen vor einem Schaukasten, in dem das Arsenal der Folter- und Mordwerkzeuge ausgestellt ist: Hacke, Spaten, Hammer, Axt, Säge, Zange, Gartenschere und Schlauch - der Inhalt eines Gartenschuppens. Ich frage Him Huy, welches Gerät am besten zum Töten geeignet war. Ohne zu zögern, deutet er auf ein Armiereisen und schnippt wie ein Angler, der einen zappelnden Fisch erschlägt, mit gestrecktem Zeigefinger durch die Luft. "Im nachhinein sehe ich vieles anders", sagt er im Hinausgehen, "vor allem beim Gedanken, wie leicht ich selbst im Massengrab hätte enden können. Auch die Wachmannschaften wurden nach einiger Zeit liquidiert." Glaubt man ihm, dann hat er nie getötet, immer nur zugesehen. Glaubt man den Unterlagen des Cambodian Genocide Program, das seit Jahren unter Anleitung der amerikanischen Yale-Universität den Völkermord zu dokumentieren versucht, war Him Huy der Henker von Tuol Sleng. Mindestens 2000 Häftlinge soll er eigenhändig umgebracht haben.

Von den Hauptverantwortlichen dieses Blutbads am eigenen Volk sind inzwischen viele tot. Viele von Pol Pots ehemaligen Genossen sind inzwischen übergelaufen zur Regierung. Pol Pot selbst starb im April vergangenen Jahres in einem Unterschlupf der Roten Khmer an der thailändischen Grenze - kurz nachdem die Uno, aber auch die USA die Forderung nach einem internationalen Tribunal gegen die Schuldigen des Völkermordes erhoben hatten.

Die internationalen Gerichtshöfe in Den Haag und Arusha sollen Vorbild sein. Premierminister Hun Sen, Kambodschas derzeitiger Machthaber, sagte seine Unterstützung zu. Doch Ende Dezember 1998 ließ er in einer bizarren Prozession Pol Pots "Brüder Nummer zwei und drei", Nuon Chea und Khieu Samphan, in Phnom Penh auftreten, empfing sie mit Blumengirlanden und quartierte sie im komfortabelsten Hotel der Stadt ein, wo die beiden auf einer Pressekonferenz ihre Reue bekundeten. "Sorry, very sorry", murmelte Khieu Samphan, und Nuon Chea erklärte sein Mitgefühl auch für die Tiere, die unter der Herrschaft der Roten Khmer gelitten hätten. Dann durften sich beide wieder unbehelligt in ihre Hochburgen an der thailändischen Grenze zurückziehen. Die internationale Presse rätselte: War das nun die Geste eines Siegers, der dem Unterlegenen Versöhnung anbietet? Oder der Kurswechsel eines Herrschers, der ein internationales Tribunal fürchtet, weil er einst selbst auf seiten der Roten Khmer gestanden hatte? Oder war es das Manöver eines Taktikers, der genau weiß, daß alle - auch die Uno und die USA - die Roten Khmer lange Zeit unterstützt haben und ihre Legitimation als Ankläger deshalb auf tönernen Füßen steht?

Genau sieben Menschen sind aus dem Folterzentrum von Tuol Sleng lebend herausgekommen. Him Huy hat hier einem seiner Opfer ins Gesicht sehen müssen, jenem Maler, dessen Bilder heute in der Gedenkstätte hängen. "Ich hätte ihn am liebsten auf der Stelle erwürgt", sagt Vann Nath. "Er ist ein Lügner, und die Zahl seiner Opfer dürfte weit höher liegen, als man weiß. Das habe ich ihm auf den Kopf zugesagt, als er mir im Gefängnis gegenübertrat. Aber jetzt empfinde ich nicht mal Verachtung, nur Mitleid mit ihm."

Ein ehemaliges Café hat man dem heute 52jährigen als Haftentschädigung zuerkannt. Darüber hat er sein Atelier eingerichtet, in dem er heute Wasserbüffel und Hirten malt und nachts mit den Alpträumen ringt: Die Handschellen, mit denen er an ein eisernes Bettgestell gefesselt ist, werden unter Strom gesetzt. Posttraumatisches Syndrom nennt man das in der Fachsprache, doch ein Land wie Kambodscha bietet keine Therapie für die Opfer. Vann Nath hat ein Buch über seine Erfahrungen geschrieben, über jenen Tag, an dem er, ein junger Kunststudent, in Tuol Sleng eingeliefert wurde. "Dieser 7. Januar 1978 war der schwärzeste Tag in meinem Leben. An diesem Tag wurde mein Haar weiß." In einem zur Massenzelle umgebauten Klassenzimmer wurde er mit 30 Mitgefangenen auf dem Kachelboden angekettet. Reden war verboten, sich zu bewegen ebenfalls, und wenn sie austreten wollten, mußten die Häftlinge den Wachposten um Erlaubnis bitten. Das Essen bestand aus Wassersuppe, und die Gefangenen waren so ausgehungert, daß sie, trotz des Verbots, Spinnen und Kakerlaken verzehrten.

Vann Nath hatte schon mit dem Leben abgeschlossen, als ihn der Kommandant von S-21, Deuch, in sein Büro führen ließ. "Du bist also Maler", sagte er. "Weißt du, wer das ist?" Er deutete auf ein Foto von Pol Pot, das über seinem Schreibtisch hing. "Ich kenne den Mann nicht", sagte Vann Nath wahrheitsgemäß, denn die Identität von "Bruder Nummer eins" unterlag damals der Geheimhaltung. "Ist es Khieu Samphan?" Deuch lachte. "Hör mir gut zu. Du sollst eine realistische, saubere, korrekte und würdige Kopie dieses Fotos anfertigen. Schaffst du es, lassen wir dich am Leben, wenn nicht, kommst du als Dünger aufs Feld. Ordne dich den Volksmassen unter, und befolge jeden Befehl, den die Partei dir gibt."

Vann Nath erhielt eine Einzelzelle, bessere Kleidung und besseres Essen. Zwölf Monate lang - bis zum Einmarsch der vietnamesischen Armee in Phnom Penh - malte er von früh morgens bis spät abends Porträts von Pol Pot, während die Schreie der Gefolterten aus dem Verhörraum drangen. Seine Bilder von "Bruder Nummer eins" schmückten die Parteibüros, Versammlungshallen und Kantinen des "Demokratischen Kampuchea". Später kamen Zementbüsten hinzu. Ein Soldat wurde ihm als Lehrling zugeteilt, dem er sowenig wie möglich beibrachte, eingedenk der Parole von Pol Pot, daß ein guter Schüler den Lehrer überflüssig macht. Bei der Evakuierung des Gefängnisses kurz vor der Ankunft der vietnamesischen Soldaten konnte der Maler schließlich fliehen. Die anderen Häftlinge ließ Deuch, der Kommandant, liquidieren, bevor er sich selbst in den Dschungel an der Grenze zu Thailand absetzte. Aber er hatte nicht mehr genug Zeit, das Archiv des Gefängnisses zu vernichten. Unter anderem aus diesen Quellen hat das Cambodia Genocide Program der Yale-Universität Tausende von Dokumenten über den Völkermord zusammengetragen: Verhörprotokolle, Anordnungen der Parteiführung, Listen von Namen.

Ein Jahr nach der Befreiung kehrte Vann Nath an den Ort seines Leidens zurück und malte eine Serie von Ölbildern, in denen er das Foltern und Morden in Tuol Sleng für die Nachwelt dokumentierte. Vann Nath hat drei Kinder verloren, aber seine Frau lebend wiedergefunden, einen Sohn und zwei Töchter mit ihr gezeugt. Auf meine Frage, was die Nachricht vom Tode Pol Pots bei ihm ausgelöst hat, schüttelt er müde den Kopf. Nur Enttäuschung, daß Pol Pot eines natürlichen Todes starb und seine Schuld mit ins Grab genommen hat.

Heute sammeln Touristen die Knochen der Toten als Souvenirs

Auf die Strafe in einem anderen Leben wollen die Uno-Vertreter vor Ort nicht warten. Thomas Hammarberg, der UN-Menschenrechtsbeauftragte in Kambodscha, soll das Tribunal vorbereiten. Ihm geht es nicht nur um die Ahndung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Uno sieht darin auch einen Schritt gegen die verheerende "Kultur der Straflosigkeit", die in Kambodscha einen an Recht und Gesetz orientierten Alltag unmöglich macht. Hammarberg will nicht die "kleinen Befehlsempfänger" vor Gericht zerren, nicht einmal Gefängnisschergen wie Him Huy, sondern allein "die Führer der Roten Khmer". Doch welche Form das Tribunal annehmen wird, kann auch Hammarberg noch nicht sagen. Nach wie vor droht Pol Pots ehemaliger Protektor China, dessen Kulturrevolution die Roten Khmer für ihr grausames Gesellschaftsexperiment zum Vorbild genommen hatten, mit einem Veto, falls der UN-Sicherheitsrat über ein Tribunal abstimmen möchte.

Ob Kambodschas Premierminister Hun Sen kooperieren wird, ist ebenso ungewiß. "Der hat sich schriftlich verpflichtet, die Verantwortlichen des Völkermordes zu bestrafen", mahnt Thomas Hammarberg. Doch solange Hun Sen nicht garantiert wird, daß seine eigene Rolle als Roter Khmer vor seiner Flucht 1977 nicht Thema eines Tribunals werden wird, könnte er seinen Zickzackkurs fortsetzen. Zumindest einer seiner Einwände ist schwer zu entkräften: Die westlichen Staaten trugen politische und militärische Mitverantwortung an der kambodschanischen Katastrophe. Folglich hat Hun Sen gefordert, nicht nur den Völkermord, sondern seine Vor- und Nachgeschichte in den Prozeß einzubeziehen. Vom amerikanischen Bombardement Kambodschas 1969 bis zur Unterstützung der Roten Khmer durch China, Thailand und die USA in den achtziger Jahren. Wie auch immer das Tribunal aussehen könnte - zuerst müßten die Angeklagten festgenommen werden.

Die Dschungelpiste im Nordwesten Kambodschas schlängelt sich auf die thailändische Grenze zu. Links und rechts der Straße sind Lichtungen in den moskitoverseuchten Urwald geschlagen. Vor den auf Stelzen stehenden Hütten sind mit Uniformfetzen ausstaffierte Popanze aufgebaut zur Abwehr böser Geister. Vielleicht weisen die Vogelscheuchen auch auf Minen hin, die im Krieg hier gelegt worden sind und Anwohnern Arme oder Beine abreißen. Die meisten Veteranen der Roten Khmer gehen auf Krücken.

In Pailin, der Hochburg der ehemaligen Roten Khmer im wilden Westen Kambodschas, geht der Übergang vom Steinzeit-Maoismus zum Manchester-Kapitalismus atemberaubend vonstatten. Um den Hauptplatz reihen sich Bordelle an Massagesalons und Karaoke-Bars. "Joint-ventures zwischen Roten Khmer und thailändischen Generälen", erklärt eine Animierdame im hochgeschlitzten Kleid. Im Duty-free-Shop werden falsche Rolex-Uhren und zollfreier Whiskey verkauft. Die Häuser sind von Einschußlöchern gekerbt, Luftabwehrgeschütze und rostige Panzer ragen aus einem Meer von Unkraut, und demobilisierte Soldaten schürfen im Abraum der Baumaschinen nach Halbedelsteinen. Die Asienkrise fordert auch hier ihren Preis, die thailändischen Aufkäufer von Rubinen und Saphiren haben wenig zu tun, und auf Urwaldlichtungen verfault das illegal gefällte Tropenholz, mit dessen Export die Roten Khmer den Krieg gegen die Regierung finanzierten. Die Waffen schweigen, seit Pol Pots Außenminister Ieng Sary vor 18 Monaten zum Premier Hun Sen überlief, aber die Kommandostruktur der Rebellenarmee ist nach wie vor intakt. Obwohl Pailin die Oberhoheit Phnom Penhs anerkennt, ist es ein autonomes Gebiet.

"Weiterfahrt verboten" steht an dem geschlossenen Schlagbaum, den Rote-Khmer-Soldaten mit umgehängten Kalaschnikows bewachen. "Autos werden nach Waffen durchsucht". Als ich auf die Absperrung zugehe, rufen sie über Funk Verstärkung herbei. Ich will wissen, was sich auf dem Gelände befindet. "Eine Arbeitsstätte, ein Sägewerk. Warum interessiert Sie das? Wer sind Sie überhaupt?" Ich lege den Soldaten meinen Ausweis vor. Durch die Wipfel der Bäume sind Ziegeldächer zu sehen, es scheint eine luxuriöse Wohnanlage zu sein. Hier, in Phsar Prom, nur einen Katzensprung von der Grenze entfernt, halten sich dem Vernehmen nach die "Brüder zwei und drei" Nuon Chea und Khieu Samphan versteckt, um bei Gefahr nach Thailand abtauchen zu können. Ihre Kämpfer tragen inzwischen die Uniformen der kambodschanischen Regierungsarmee. Doch für den Fall, daß man ihre alten Führer festzunehmen versucht, haben sie bewaffneten Widerstand angedroht.

In der Nähe lebt auch ein anderer unbeirrbarer Getreuer Pol Pots. "Früher haben wir von einem chinesischen Lastwagen aus gesendet", sagt Kong Dourn, der die auf einem Hügel gelegene Radiostation der Roten Khmer leitet. "Alle Texte mußten von Pol Pot persönlich oder seinem Chefpropagandisten genehmigt werden. Auf Wahrheit kam es nicht an, nur auf die Parteilinie. Dabei schreckten wir auch vor Falschmeldungen nicht zurück; militärische Erfolge der Roten Khmer wurden maßlos übertrieben." Kong Dourn ist Sprecher, Autor und Programmgestalter in Personalunion, an Stelle von Propaganda sendet er heute Schlagermusik und Tips für die Gesundheit. Der 42jährige sehnt sich nach den alten Zeiten zurück, als es noch kein Privateigentum, keinen Diebstahl und keinen Ehebruch gab. Damals seien die Menschen glücklicher als heute gewesen, meint er, obwohl sie weder Rechte noch Freiheiten besessen hätten. Pol Pot habe ihn wegen seiner schönen Stimme zum Reporter ausbilden lassen. Kong Dourn läßt heute noch auf "Bruder Nummer eins" nichts kommen: "Natürlich, Pol Pot hat Fehler gemacht, aber er hat demütig und anspruchslos gelebt und alles in seiner Kraft Stehende für sein Volk getan. Er war und ist Kambodschas größter Patriot."

So habe ich mir den letzten Getreuen von Pol Pot nicht vorgestellt: Er trägt Sandalen, gestreifte Hosen, kariertes Hemd, ist fröhlich, unrasiert und heiser wie ein Marktschreier, der Räucheraal oder Bananen verkauft. Zum Abschied singt er ein Lied, mit dem er beim Karaoke-Wettbewerb ein T-Shirt gewonnen hat. Das Lied heißt Bye-bye Red Light und handelt vom Anbruch der neuen Zeit: "Ich zog durch Wälder und Berge, bedroht von Raketen und Krieg. Ich ernährte mich von Würmern und Käfern, hatte nie genug Reis. Dann sah ich ein rotes Licht, und schöne Frauen schenkten mir Whisky ein. Jetzt sitze ich weinend am Feuer, habe Haus und Familie verloren und vertreibe die Mücken mit Rauch..."

"Die Roten Khmer gibt es nicht mehr, wir treten für Frieden und nationale Versöhnung ein", sagt Long Sorin, Berater und rechte Hand des ehemaligen Außenministers von Pol Pot, Ieng Sary. Er sitzt mir gegenüber vor einer mit Blutstropfen gesprenkelten Wand, an der Dutzende von Moskitos ihr Leben ließen. "Im Pariser Friedensvertrag ist nirgendwo von einem Prozeß die Rede", fährt er fort. "Deshalb sind wir gegen ein Tribunal. Trotzdem ist Ieng Sary bereit, vor einer Historikerkommission auszusagen, sofern man ihm Straffreiheit zusichert. Aber er garantiert für nichts, wenn man einen unserer Führer gewaltsam festzunehmen versucht. Das wäre eine sehr, sehr ernste Situation."

Als ich am nächsten Morgen vor Ieng Sarys Villa aus dem Auto steige, steht ein kahlköpfiger Herr auf der Veranda und schneidet mit der Gartenschere blühende Büsche zurück. Er sieht aus wie Erich Honecker, nur gedrungener: Hornbrille, heller Sommeranzug. Die grünen Berge, über die dunkle Wolkenschatten wandern, geben die Kulisse zum perfekten Rentneridyll. Vielleicht geht dem alten Mann nun, während er überflüssige Triebe kappt, der Spruch durch den Kopf, mit dem Pol Pot seine Säuberungen anzuordnen pflegte: "Tok min chomnenh, dah chenh ka, min khat" ("Behalten wir dich - kein Gewinn; merzen wir dich aus - kein Verlust").

Ich spreche ihn über den Zaun hinweg auf französisch an. Aber Pol Pots früherer Außenminister ist nicht zum Gespräch aufgelegt: "Wenn man die Tür aufmacht, kommen Fliegen herein", ruft er mir zu und zieht sich ins Hausinnere zurück, während ein grimmig blickender Wachmann mich aus dem Vorgarten jagt.

"Das ständige Gerede über Prozesse macht ihn nervös", entschuldigt Ieng Sarys ältester Sohn Ieng Vuth, der in China Ökonomie studiert hat, seinen Vater. "Ich habe nichts gegen ein Tribunal, aber wir müssen erst unsere Wirtschaftsprobleme lösen, bevor wir die Geschichte aufarbeiten können." Sein Job im Bürgermeisteramt von Pailin ist unbezahlt, nur Soldaten und Polizisten bekommen ihren Sold. Die öffentlichen Kassen sind leer, und von Ausländern betriebene Rotlichtbars ziehen den Einheimischen obendrein das Geld aus der Tasche.

Mein letzter Besuch führt mich zurück nach Phnom Penh, in eine Kirche. Pater François Ponchaud hat den Einmarsch der Roten Khmer als Augenzeuge erlebt und als erster über den Völkermord geschrieben. Schon 1978 erschien sein Buch Cambodge - année zéro, doch niemand wollte den Schreckensberichten des Priesters glauben. Im Gegenteil: Der amerikanische Linke Noam Chomsky schrieb eine Polemik gegen ihn, und der belgische Menschenrechtsexperte François Rigaux fand, das Pol-Pot-Regime habe die Menschenrechte wirksamer geschützt als die westliche Welt.

Das bischöfliche Ordinariat liegt hinter einer Brücke am Ufer des Tonle Sap. Pater Ponchaud hält gerade einen Vortrag über die Märtyrer der Kirche unter der Herrschaft Pol Pots. Er trägt Turnschuhe, seine Zuhörer sitzen auf Matten und schreiben seine in Khmer-Sprache gehaltene Rede mit. "Nach der Veröffentlichung meines Buches hatte ich eine religiöse Krise", sagt Ponchaud später zu mir. "Ich glaubte mich von Gott verlassen. Nicht nur wegen der Greuel, die ich in Kambodscha erlebt hatte, sondern weil man alles anzweifelte, was ich gehört und gesehen hatte. Dabei habe ich eher unter- als übertrieben."

Nach der Einnahme Phnom Penhs durch die Roten Khmer am 17. April 1975 suchten alle Ausländer Zuflucht im französischen Konsulat. Pater Ponchaud diente als Dolmetscher. Die Roten Khmer erkannten die Immunität der verschanzten Ausländer nicht an. Pater Ponchaud freundete sich mit seinen Bewachern an und unternahm Erkundungsfahrten mit ihnen durch die menschenleere Stadt. Sie requirierten Reis und jagten auf den Straßen herumstreunende Schweine, die ein im Konsulat internierter Chefarzt schlachtete. Zum Essen wurde Champagner getrunken, weil es kein sauberes Wasser gab. Erst nach zähen Verhandlungen stimmten die Roten Khmer der Evakuierung zu. Vorher nahmen sie alle mit Europäerinnen verheirateten Kambodschaner fest, sie galten als Verräter. Eine Französin folgte ihrem Ehemann freiwillig in den Tod. Dann wurden die übrigen Ausländer auf Lkw geladen und zur thailändischen Grenze gebracht. Die Lastwagenfahrer waren Kindersoldaten der Roten Khmer. Sie konnten nur stehend steuern, da ihre Füße sonst Bremse und Gaspedal nicht erreichten.

"Um der irdischen Gerechtigkeit Genüge zu tun, müssen die Täter vor Gericht", sagt Pater Ponchaud abschließend, "aber wenn deswegen wieder ein Bürgerkrieg ausbricht, ist der Preis zu hoch. Das Volk hat schon genug gelitten, und das geplante Tribunal wäre doch nur ein Medienspektakel zur Beruhigung der Gewissens der Weltöffentlichkeit, die den Genozid nicht verhindert hat." Im Gegenteil: Die politische Anerkennung durch die USA und Europa hätte die Roten Khmer erst diplomatisch salonfähig gemacht. Im Grunde sei niemand am Schicksal dieses geschundenen Landes ehrlich interessiert, weil Kambodscha, seit der Kalte Krieg zu Ende ist, keine strategische Bedeutung mehr hat.

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