Mit dem Sturm auf die Bastille, so steht es in den Schulbüchern, begann in Europa das Zeitalter der Demokratie. Doch weder setzte das neue Denken erst am 14. Juli 1789 ein, noch war die Revolution mit der Hinrichtung Ludwigs XVI. beendet. Auch der Sturz Robespierres am 9. Thermidor markiert nur eine Etappe in einem langen, komplizierten Prozeß des sozialen und mentalen Umbruchs, der bis ins 19. Jahrhundert reicht. Ganze Bibliotheken sind darüber geschrieben worden. Ganze Forschergenerationen haben sich - vor allem in Frankreich, aber auch in Amerika - diesem spannenden Thema gewidmet. Und je genauer sie hinsahen, desto komplizierter wurde es. Am Ende waren sich manche gar nicht mehr sicher, ob es diese Revolution überhaupt gegeben hatte. Vor allem in den siebziger Jahren tobte der Streit zwischen "Marxisten" und "Bürgerlichen": Die einen betonten den Einschnitt, die anderen die Kontinuität, die sich hinter einer kurzfristigen Radikalisierung verborgen habe.

Rolf Reichardt, seit Jahren der beste deutsche Kenner der Revolution, gehört in keines dieser beiden Lager. Ihn interessieren nicht die großen Schemata, sondern unkonventionelle Lesarten und neue methodische Zugänge. Als Initiator eines mehrbändigen Handbuchs politisch-sozialer Grundbegriffe in Frankreich 1680-1820 hat er sich der historischen Semantik zugewandt und nach den sprachlichen und mentalen Verschiebungen im Übergang vom Ancien régime zur Moderne gefragt. Seine gemeinsam mit Hans-Jürgen Lüsebrink verfaßte Studie über die Stilisierung der Bastille zum Kollektivsymbol des Despotismus gehört zu den "Modellbüchern" neuerer Kulturgeschichte. Vor allem aber ist Reichardt ein unermüdlicher Leser, der wie kein anderer die internationale Forschungslandschaft überblickt. Die Herausgeber der Taschenbuchreihe Europäische Geschichte konnten daher keinen besseren Autor finden, um einem breiten Publikum eine wirklich neuartige Darstellung der Französischen Revolution zu präsentieren: anschaulich, doch ohne Klischees, allgemein verständlich und trotzdem auf dem allerneuesten Stand.

Mit Bedacht hat Reichardt eine ungewohnte Gliederung gewählt. Er beginnt nicht in Paris, sondern in den "Provinzen", weit ab von jenen Haupt- und Staatsaktionen, die in den traditionellen Darstellungen im Mittelpunkt stehen. Er setzt ein mit den Bauernrevolten in der Corrèze und im Limousin, in der Picardie und in der Gascogne, in der Beauce und - gegen die Republik gerichtet - in der Vendée. In lauter kleinen Skizzen werden die Bedingungen geschildert, unter denen das ländliche Frankreich, eigensinnig und unberechenbar, in die große Politik eintrat, bis es schließlich einer der wichtigsten Faktoren der Revolution wurde. So kreisten die Dörfer gleichsam die Städte ein, denen Reichardt ebenfalls eine Reihe von Fallstudien widmet. Die übliche Paris-Zentrierung soll damit vermieden und durch "dichte Beschreibung" die ungeheure Vielfalt der sozialen und politischen Konstellationen sichtbar werden, die unterhalb der großen Ereignisse die Dynamik, aber auch Ungleichzeitigkeiten und Gegenläufigkeiten im Revolutionsprozeß erklären.

Erst nach einer langen Reise durch die "France profonde" und über hundert Seiten Text ist der Weg in die Hauptstadt zurückgelegt. Mit mehr als 600 000 Einwohnern war Paris damals die größte Stadt Europas. Von überall her zog es die Menschen in die Metropole. Bald kamen die revolutionsbegeisterten "Freiheitspilger" hinzu. Das Schauspiel, das sich ihnen bot, ist immer wieder beschrieben worden: der Marsch nach Versailles, der Sturm auf die Bastille, die Besetzung der Tuilerien, das Spektakel der öffentlichen Enthauptungen. Auch Reichardt schildert in einem zentralen Kapitel das Auf und Ab dieser grandes journées. Doch auch hier gelingt es ihm, die ausgetretenen Pfade zu verlassen und neue Akzente zu setzen. Auf knapp sechzig Seiten bietet er eines der besten Resümees, das sich derzeit denken läßt.

Auf diesem breiten Hintergrund entfaltet er schließlich sein eigentliches Thema: die Revolution als soziokultureller Umbruch, als Durchsetzung einer - im weitesten Sinne - demokratischen Kultur. Zugespitzt formuliert: Hier geht es nicht nur um die kulturelle Dimension einer "an sich" politischen oder sozioökonomischen Umwälzung, sondern die Revolution selbst wird als Kulturrevolution interpretiert. Bald die Hälfte des Buches ist dieser Zeitenwende und ihren Auswirkungen in Europa gewidmet.

"Wir stehen in den Vorhallen einer neuen Zeit"

Worin bestand diese große Kulturrevolution? Reichardt zählt auf: "Religion und Erziehung, Sprache und Literatur, Wissenschaft und Bibliothekswesen, Oper und Theater, Malerei und Architektur, Kleidermode und Fayencen - alles beanspruchten ihre Protagonisten zu politisieren, zu demokratisieren und massendidaktisch einzusetzen." Doch die eigentliche Brisanz dieser Innovationen lag in ihrer alltagspraktischen Verknüpfung. Der mentale Horizont des Ancien régime verschwand nicht einfach wie Nebel im Sonnenlicht, sondern wurde so lange durchlöchert und in Frage gestellt, bis keine alte Selbstverständlichkeit mehr "evident" war. Das gilt für die Akzeptanz der Monarchie ebenso wie für die ständische Kleiderordnung, für den Kalender ebenso wie für Maße und Gewichte.