Der Garten: Lieblingsorte sind Orte des Glücks. Deshalb ist unser Garten mitten in Kreuzberg für mich der schönste Platz in ganz Berlin. Da kann ich mich körperlich betätigen. Rasen mähen, graben, pflanzen und kompostieren. Richtig guter Kompost riecht wie frischer Waldboden.

Das genießen selbst die Wühlmäuse und der Igel. Auch ein Elsternpaar besucht uns regelmäßig. Meistens im Sommer, am Vormittag. Wie Platzhirsche stolzieren sie umher. Manchmal sitzen sie im Baum und beobachten das Geschehen von oben. Zum Beispiel, wenn wir sonntags im Garten Zeitung lesen. Manchmal kommen auch die Kinder von dem benachbarten Abenteuerspielplatz über den Zaun gestiegen und stibitzen Obst. Wir haben Obstbäume und Ziersträucher, Rhabarber, Haselnüsse und eine Scheinakazie. Auf dem Spielplatz nebenan ist ein kleiner Teich. Es gibt Momente, da hört man nur das Gequake der Frösche mit den dunkel brummenden Geräuschen der Stadt. Rechts vom Garten steht eine Brandmauer. Sie ist bis zur Oberkante mit Wein zugerankt. Im Herbst leuchtet sie dunkelrot.

Das sieht wirklich toll aus. Gleichzeitig ist es ein Zeichen dafür, daß die Saison an meinem Lieblingsort zu Ende geht. Aber das ist das Schöne am Glück: Es kommt immer wieder.

Walter Momper

Tempelhof: Ein Ort der Paradoxien. Daß hier überhaupt ein Flughafen ist, liegt an Leonhard Adler, dem geschmeidigen jüdischen Dickkopf in der Stadtregierung der ersten deutschen Republik. Die Nazis wollten ein Protzprojekt draus machen, fertig haben sie es nicht gekriegt. Die Rote Armee bekam seine Katakomben nicht in Griff, die U.S. Army ab Sommer 1945 die Oberhoheit über Tempelhof Central Airport. Der Flugbetrieb war nicht der Rede wert, bis - tja, Stalin sein größtes Eigentor schoß und ausgerechnet eine Luftbrücke provozierte. Berliner sind notorische Luftmenschen: Etwas Moralfestigenderes als Demokratie, die aus der Luft kommt und Leib und Wohnung wärmt, kann man ihnen nicht auf den Hals schicken. Und ausgerechnet die Nazis hatten dafür vorgebaut.

Auch daß TCA/THF zeitweise ein wahrer Zoo war, gehört zu den schönen twists des Alltags. Die Schafe, die früher das Gras gemäht haben und jährlich zum Ramadan verkauft wurden, verschwanden mit der U.S. Army, auch die Pferde eines der base commander und die Katzen, die statt einer Ratte eines Tages ein höherrangiges Hündchen erwischt hatten. Der Ara Paulchen, das Maskottchen einer Flugzeugwerkstatt, flog selbsttätig davon, zwecks Familiengründung. Ein paar anderswo ausgestorbene Raubvögel sind noch da und natürlich die metallenen Vögel. Die werden auch bleiben, allem Schließungsgerede zum Trotz.

Man nimmt den Menschen ihre "verzauberten Orte" nicht ungestraft weg. Und so einer ist THF. Wer hier einfliegt, landet immer noch (wie die Rosinenbomber) "in der Suppenschüssel". Und wer in der Halle dem unaufgeregten Treiben eines Provinzflughafens zusieht, hört plötzlich - paradox? - das hinterhältig-beruhigende Dauerröhren der Dakotas und Skymasters von vor 50 Jahren, schmeckt Schokolade und riecht die guten alten Luckys. Noch ein Paradox.