Alfredo Guevara ist Urologe in Nogales, Arizona, direkt an der Grenze zu Mexiko. Zwei Büsten stehen in seinem Büro. Eine vom Komponisten Ludwig van Beethoven, die andere vom 16. amerikanischen Präsidenten, Abraham Lincoln, zusammen mit Porträts der beiden Männer. Guevara, ein herzlicher Endvierziger mit Brille, kommt in blauen Chirurgenhandschuhen herein. Er setzt sich mir gegenüber und schlägt sich auf die Knie, was Ärzte häufig tun, wenn sie signalisieren wollen, daß sie nur ein paar Minuten Zeit haben.

Ich frage den Urologen nach Lincoln.

"Syphilis und Gonorrhöe waren damals weit verbreitet", fährt Guevara fort. "Ein ähnlicher Fall: Wir haben gesicherte Erkenntnisse, daß Beethoven sich mit Prostituierten abgab. Ein befreundeter Cellist hat das aufgeschrieben. Beethoven war ein Romantiker, er wollte geliebt werden, doch er fand keine Partnerin. Als seine Freunde ihn einmal betrunken machten und in den Rotlichtbezirk schleppten, tat er, was er tun mußte. Bedenken Sie, eine Syphilisinfektion äußert sich auf verschiedene Weise. Man kann taub werden. Als Folge einer verschleppten Ohreninfektion."

In der Nacht zuvor hatte ich mit Guevara Scotch getrunken und über jene dunklen Seiten des Menschen gesprochen, über die nur ein Urologe Bescheid wissen kann. Mir wurde klar, was für ein Typ er ist: der belesene Provinzarzt, eine Figur aus der Literatur von Flaubert bis Steinbeck, ein intelligenter, begeisterungsfähiger Mann. In der Beethoven-Forschung spielt sein Name mittlerweile eine bedeutende Rolle. Vor einigen Jahren erwarb Guevara gemeinsam mit der amerikanischen Beethoven-Gesellschaft eine Locke von Beethovens Haar, die man ihm vermutlich nach seinem Tod im März 1827 ausgezupft hatte. Guevara stellte der Wissenschaft ein paar Haare davon zur Verfügung, um ein wenig Licht in Beethovens qualvolles Leben zu bringen.

Die jüngst in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Nature publizierten Erkenntnisse über Thomas Jeffersons Liebesbeziehung zu Sally Hemings (siehe "Black and beautiful", Seite 12) zeigen, daß Forscher und Hobbytüftler zunehmend wissenschaftliche Methoden benutzen, um sehr persönliche Fragen an die Geschichte zu beantworten. Das reicht von der DNA-Analyse bis zu Infrarotuntersuchungen unkenntlich gemachter Schriftstücke. Dabei überrascht es nicht, daß das Interesse eher den abgewandten Seiten des Menschen gilt, Sensationsgeschichten, die Schatten auf ein leuchtendes Leben werfen könnten. Was die Historiker betreiben, spiegelt sich aktuell in gewisser Weise in dem Wahn wieder, den Fleck auf Monica Lewinskys marineblauem Kleid einer DNA-Analyse zu unterziehen. Und wie für Journalisten und Politiker im Fall Lewinsky stellt sich auch für Populärwissenschaftler die Frage nach Grenzen und Zielen biographischer Nachforschungen. Deshalb antwortet der Beethoven-Forscher Mark Evan Bonds auf die Frage, ob der Komponist an Syphilis erkrankt gewesen sei: "Das ist eine Monica-Lewinsky-Frage, finden Sie nicht? Selbst Leute, die so tun, als wollten sie es nicht wissen, sind doch scharf darauf. Als Wissenschaftler darf man so etwas nicht ignorieren. Die Frage ist eher, was wir damit anfangen."

In den vergangenen Jahren ist die traditionelle Biographie - Daten, Orte, Veröffentlichungen - immer mehr verdrängt worden zugunsten einer sensationslüsternen Annäherung. War Schubert homosexuell? (Gesichert ist: Er hatte Syphilis.) Nahm sich die weißgewandete Emily Dickinson die Frau ihres Bruders zur Geliebten, die im Nachbarhaus wohnte? Wurde der Entdecker Meriwether Lewis in Tennessee ermordet, oder beging er, wie die meisten Historiker behaupten, doch Selbstmord?

Konservative Historiker begegnen der um sich greifenden Sucht, persönliche Geheimnisse zu enthüllen, mit Skepsis. "Dadurch wird nur selten etwas erhellt, was wirklich von intellektuellem Interesse ist", sagt Leon Botstein, Musikwissenschaftler und Präsident des Bard College. "Es ist ein Zeichen für den Verfall der Sitten, daß die Leute so versessen sind, etwas vom Privatleben dieser Menschen zu erfahren. Heutzutage brauchen nicht nur Teenager, sondern auch Erwachsene Idole, die sie verehren und gleichzeitig vom Sockel holen können."