Eines schönen Tages war auf einmal ein Fußball da und Spieler, und schon gab es zwei Teams. Und schon schlug Österreich das obendrein von zwei wuchtigen Saarländern verstärkte Deutschland 6 : 0! Wie einst in Wien, im Prater, im Stadion, im Jahre 1931." Diesmal wurde im Pariser Stade Buffalo gespielt. Und obwohl der Sieg der österreichischen Mannschaft auch in dieser Höhe voll in Ordnung ging, stellte er den historischen Spielverlauf auf den Kopf. Denn erstens schrieb man das Kriegsjahr 1940, zweitens fungierte die Pariser Fußballarena - in Erwartung eines deutschen Durchmarschs - inzwischen als Konzentrationslager, so daß hier drittens keine Profikicker, sondern internierte Ausländer dem Ball nachjagten. Auf das Verbot des Fußballspiels im Lager reagierten die Insassen mit einem bösen Witz: "Der Kommandant befürchte, es würde sich herumsprechen, daß die Österreicher etwas können, was die Franzosen nicht können: die Deutschen schlagen".

Der sich da so anekdotisch wie spöttisch an die ersten Tage seines Lagerlebens erinnert, ist der ukrainische Schriftsteller Petrykowsky, das Alter ego von Soma Morgenstern. Mit diesem halbliterarischen Text schrieb sich der deutschsprachige Ostjude seine Odyssee durch Frankreich von der gequälten Emigrantenseele. Der vermutlich schon in den frühen Vierzigern - also noch auf der Flucht von Marseille nach Casablanca - verfaßte Romanbericht stammt aus dem Nachlaßkoffer des 1976 im Alter von 85 Jahren in New York verstorbenen Autors. Zu Lebzeiten ist von dem umfänglichen OEuvre Morgensterns nur weniges zur Drucklegung gelangt. 1935 - als Jude hatte er seine Wiener Korrespondentenstelle bei der Frankfurter Zeitung bereits verloren - konnte in Berlin noch der erste Band der Romantrilogie Funken im Abgrund erscheinen. Nach der Annexion Österreichs, die ihn 1938 zur Flucht aus dem Nazireich trieb, ist er seiner Leserschaft abhanden gekommen.

Mit einer sorgfältig edierten und von ihrem Herausgeber Ingolf Schulte klug kommentierten Werkausgabe betreibt der kleine Lüneburger Verlag zu Klampen seit einigen Jahren die literarische Wiedereinbürgerung Soma Morgensterns. Damit rückt auch die Herkunftslandschaft des Sprachwerkers wieder ins Blickfeld: jene versunkene Dorfwelt des ostgalizischen Judentums, die seine Feuilletons, Porträts und vor allem Romane so schnörkellos-realistisch beschwören. Diese Liebe zum Erinnerungsland teilte er mit Joseph Roth, dem Freund seit Wiener Tagen und Zimmernachbar im Pariser Exilantenhotel.

Was Roth indes, der sich kurz vor Kriegsausbruch aus der Welt getrunken hatte, nicht mehr mitmachen mußte, das hat Morgenstern schmerzhaft erlebt: wie im "geliebten Frankreich" Hitler-Flüchtlinge als "Fünfte Kolonne" denunziert, von der Polizei verfolgt und in Sammellagern als "Schwerverbrecher" behandelt wurden. Es war "eine Treibjad kolossal deutschen Stils", wie der Autor durch seinen sprachtüchtigen Stellvertreter Petrykowsky ausrichten läßt. Daß die "Humanität Frankreichs" nur "eine Latinisierung des deutsch gewordenen Worts ,Bestialität' war" - an derlei unbequemen Wahrheiten kommt der Romanbericht-Leser sowenig vorbei wie der Ich-Erzähler an den traumatischen Erlebnissen seiner Gefängniszeit unter freiem Himmel.

Nach der Internierung im Pariser Sportstadion wurde Morgenstern im Juni 1940 vor den anrückenden Hitler-Truppen ins Lager von Audierne an der bretonischen Küste deportiert. Eine ehemalige Konservenfabrik, in der es "einen Wasserhahn" gab. "Einen. Für sechshundert Mann." Die Hitze und der Hunger, Dreck, Schweiß und Tränen, der Gestank in den Baracken und die nächtens umherirrenden "Prostatiker" - wenn der Berichterzähler Innenansichten des Lageralltags liefert, belichtet er sie mit jenem ironisch gezügelten Sarkasmus, der dem Motto folgt: Wenn einem das Wasser bis zum Halse steht, darf man den Kopf nicht hängen lassen! Folglich darf gelacht werden. Etwa über "das Pandämonium der Geräusche", das "einige Hundert erwachender Raucher, Huster, Stöhner, Gurgeler, Grunzer und Spucker männlichen Geschlechts am frühen Morgen zu erzeugen imstande sind". Denn, nicht wahr: "wo viel Menschfleisch zusammengeworfen wird, da bleibt auch der Humor in seiner reinigenden Funktion."

Sobald sich in die gallige Geräuschkulisse freilich das Gedröhn der heranziehenden Bombengeschwader mischt und die Angst vor den mörderischen Boches im Massengefängnis zu rasen beginnt, wechselt die Intensität der Schilderungen ins Beklemmend-Horrible. Wie sich die "Furien des Blitzkriegs" erst gerüchteweise, dann wirklich der Bretagne nähern und wie Petrykowsky aus dem bereits von den Deutschen eroberten Lager entkommen und sich auf abenteuerlichen Wegen über die Demarkationslinie in den unbesetzten Süden retten kann, gehört zu den eindrucksvollsten Passagen des Buches.

Dabei verfügt Morgenstern nicht nur über die Gabe einer lebendigen und detailscharfen Schilderung seiner Flüchtlingsexistenz, sondern auch über einen analytischen Kopf. Indem er die Fülle seiner Erfahrungen stets in Beziehung setzt zu ihren politisch-historischen Begleitumständen, betreibt er beides - und beides zugleich: narrative Innenschau der "Alpdruckwelt" (Anna Seghers) und klarsichtige Zeitdiagnostik. Mithin verbindet sich das nuancierte Porträt der zwischen Todesdrohung und Freiheitsdrang zerrissenen Emigranten mit der Suche nach den tieferen Ursachen ihres Schicksals: "Nicht Hitler - Chamberlain hat Frankreich in die Niederlage geführt", und zwar in München. Später, nach buchstäblich ungezählten Verhaftungen in der zone libre, konstatiert er: "Pétain und seine Polizei" haben Südfrankreich "zur letzten Falle im europäischen Jagdrevier Hitlers gemacht."