Der Heinze-Touch

Doris J. Heinze leitet die Fernsehspielabteilung des NDR. Ihre Projekte betreibt sie mit Lust und Leidenschaft - und großem Erfolg

Für Außenstehende scheinen Dreharbeiten keinem System zu folgen. Gelassene Geschäftigkeit, wartende Menschen in Fluren und Nebenzimmern - wer hat hier eigentlich das Sagen? In Hamburg-Bahrenfeld wurden Räume eines ehemaligen Polizeireviers von einer Fernsehproduktion übernommen und umgebaut - zu einem Polizeirevier. Hier entstehen gerade Szenen für einen neuen NDR -Tatort.

Manfred Krug und Charles Brauer proben mit Regisseur Ulrich Stark in der Bürokulisse, vom Nebenraum aus von weiteren Mitgliedern des Teams durch eine Glasscheibe beäugt, unter ihnen auch Doris J. Heinze, die zuständige NDR-Redakteurin. Sie hält sich im Hintergrund, wird vom Team kaum wahrgenommen. Manfred Krug aber hat sie trotzdem erspäht. In einer Probenpause kommt er herüber und begrüßt sie.

Seit acht Jahren ist Doris Heinze Leiterin der Fernsehfilmabteilung des Norddeutschen Rundfunks. Beim NDR unterstehen ihr neben den Tatort- Kommissaren auch die Mecklenburger Ermittler des Polizeiruf 110. Außerdem steuert das Ressort pro Jahr 17 Fernsehfilme zum Programm der ARD bei und betreut einzelne Produktionen für N3. Die Redaktion der Fernsehfilmabteilung ist klein, da ist kreative Arbeit von administrativer nicht zu trennen. Und zu tun ist eine Menge.

Doris Heinzes Kalender strotzt vor Terminen. Dennoch findet sie die Muße, eigene Drehbücher zu Papier zu bringen. Ihre jüngste Arbeit, die romantische Komödie Holstein Lovers, ist am 24. März, am kommenden Mittwoch, in der ARD zu sehen.

Eine eigene Handschrift hat Doris Heinze sowohl als Autorin als auch als Redakteurin gezeigt. Professionelle Programmbeobachter sprechen bei ihren Filmen mitunter gar vom "Heinze-Touch" - was sie belustigt quittiert, weil "letztendlich zu vielfältig ist, was da so entsteht".

Das Publikum ist ihr wichtiger als jeder Fernsehpreis

Ein gemeinsamer Nenner immerhin läßt sich bei all ihren Arbeiten ausmachen: die Qualität. Die regelmäßige Zuteilung renommierter Fernsehpreise spricht für sich. Allein für das TV-Spiel Das Urteil erhielt der NDR im vergangenen Jahr unter anderem: den Grimme Preis, den Goldenen Löwen, den Bayerischen Fernsehpreis und eine Nominierung für den internationalen Emmy. In diesem Jahr war die Abteilung Fernsehfilm mit insgesamt acht Nominierungen in den gesonderten Kategorien Fiktion & Unterhaltung und Spezial des Grimme Preises vertreten - und ist damit Spitzenreiter im Bereich des erzählenden Fernsehfilms.

Das hauptsächlich von zwei Personen getragene Kammerspiel Das Urteil - mit den fernab ihrer üblichen Rollenklischees agierenden Hauptdarstellern Klaus Löwitsch und Matthias Habich - entstand in dem Bewußtsein, daß der Film mit Sicherheit keine Traumquoten erreichen werde. "Er hat zwar einen größeren Erfolg gehabt, als wir erwartet hatten", sagt Doris Heinze, "aber es gibt eben einfach Stoffe, bei denen man denkt, die sind so wichtig, daß diese Filme einfach gemacht werden müssen."

Da ist es nicht weiter überraschend, daß Doris Heinze einer Tätigkeit beim Privatfernsehen skeptisch gegenübersteht. "Ich glaube, daß ich mit dem, was ich machen möchte, eher zu den Öffentlich-Rechtlichen gehöre. Den privaten Rundfunkanstalten sind doch einfach andere Grenzen gesetzt." Es gab eine Zeit, da hatte sie generell für das Medium Fernsehen nicht besonders viel übrig. Es schien ihr als beinahe anrüchiges Medium, "allein schon das Wort kam nicht gut an".

Damals war ihr Metier der Kinofilm. Die Tätigkeit als Volkswirtin, die sie nach dem Studium zunächst aufgenommen hatte, hatte sie aufgegeben, um sich dem Schreiben zuzuwenden - vor allem dem Schreiben über Filme. Sie habe, sagt sie rückschauend, "über die Liebe zum Film den Weg gefunden".

Fünf Jahre leitete sie das nordrhein-westfälische Filmbüro, war zeitweilig auch als Produzentin tätig. In dieser Zeit erhielt sie, zu ihrer eigenen großen Überraschung, das Angebot, beim Norddeutschen Rundfunk den Bereich Fernsehfilm zu übernehmen. "Sie war ausgewiesen als begabte Dramaturgin", erinnert sich der damalige Hauptabteilungsleiter Matthias Esche. Esche, heute Produzent, ist überzeugt, daß Doris Heinzes Arbeit Auswirkungen auf das gesamte Fernsehfilmschaffen gehabt hat, vor allem aber auf die ARD-Reihe Wilde Herzen, die sie um neue Stoffe bereichert habe.

Ein Händchen für schwierige Themen

Die Reihe Wilde Herzen wird von mehreren ARD-Anstalten beliefert und soll vor allem jüngere Zuschauer ansprechen. In dieser Reihe entstanden innovative Filme wie Ausgerechnet Zoé, Kommt Mausi raus?!, Trickser, die sich, in ungewöhnlicher Sprache und in ungewöhnlichen Bildern, mit schwierigen Themen wie Aids, lesbischer Liebe und Jugendkriminalität beschäftigen.

Nicht zufällig heißt die Redakteurin dieser Titel Doris J. Heinze. "Mir werden häufig solche Produktionen von Stoffen angeboten, die zunächst einmal etwas abseitiger erscheinen. Zum Glück sind sie nicht immer erfolglos. Autoren haben anscheinend ein bestimmtes Vertrauen zu unserer Redaktion."

Ohne Zweifel spielt bei der Auswahl eines Stoffes auch das Gespür der Redakteure eine gewisse Rolle, zwingend aber ist, daß die Geschichten gewisse formale Voraussetzungen erfüllen. "Sie müssen in sich stimmig sein, müssen verständlich sein, eine einleuchtende Erzählstruktur haben und handelnde Figuren, die die Leute interessant finden."

Unerläßlich ist es für Doris Heinze auch, daß die Geschichten in Norddeutschland spielen. Notfalls läßt sie ein Skript, das ihr gefällt, entsprechend umschreiben. "Ich möchte, daß die Landschaft, die der NDR als Sender vertritt, im Fernsehen auch zu sehen ist." Die Vielfalt der norddeutschen Landschaft hat sie, die gebürtige Ruhrgebietlerin, bei Ausflügen in die nähere und weitere Umgebung erst einmal erkundet, als sie nach Hamburg zog.

"Es macht mir viel Freude, Drehbücher zu schreiben", sagt Doris Heinze. "Ich tauche ganz in die Welt der von mir erfundenen Figuren ein. Das beste daran ist, daß ich im Drehbuch mit diesen Figuren anstellen kann, was ich will. Wenn ich also jemanden nicht mehr leiden kann, dann ereilt ihn oft ein böses Schicksal."

Auf die Idee zu dem Drehbuch für Holstein Lovers kam sie, als ihr auffiel, daß der sogenannte Latin Lover, ein männlicher Verführungskünstler mit Stil und Charme, sich wieder großer Beliebtheit erfreut. Doris Heinze hält diesen Typ allerdings für eine Phantasiegestalt wie die Märchenfee; eine Phantasiegestalt freilich, die eine hervorragende Projektionsfläche für Wunschvorstellungen bilde.

In ihrem Film stößt sie den Latin Lover auf sanfte, charmante Weise von seinem hohen Podest und hebt ihn auf ein niedrigeres. Dezent bekommt der Zuschauer schließlich noch eine Botschaft mit in den Abspann: daß wilde Herzen keine Altersfrage sind.

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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