Zeugnis für die Schule
Ein bildungspolitisches Tabu wird gebrochen: Über Leistung darf wieder geredet werden - auch über die der Schulen selbst. Bahnt das den Weg zu einer besseren Bildung? Start einer ZEIT-Serie
Wer herausfinden will, wie gut die Schulen in Deutschland sind, braucht vor allem eines: viel Geduld. Fünf Monate lang lagerte in der Beschaffungsstelle der Hamburger Schulbehörde - zwischen Putzmitteln und Zeugnisvordrucken - das Rohmaterial einer wissenschaftlichen Studie. Die Untersuchung sollte den Leistungsstand von Hamburgs Siebtkläßlern prüfen. Doch die Personalräte der Hamburger Lehrer hatten die Auswertung der Tests und Fragebögen mit Hilfe einer einstweiligen Verfügung gestoppt.
Der Grund für die juristische Notbremse: In der Hamburger Untersuchung sollten die Schüler unter anderem über heikle schulische Interna Auskunft geben. So wollten die Bildungsforscher wissen, ob der Unterricht abwechslungsreich sei und ob sie sich von den Lehrern gerecht bewertet fühlten. Fragen offenbar, die den Lehrerfunktionären sauer aufstießen. Anstatt darin eine Chance zu sehen, Einsichten über den Unterricht zu gewinnen, witterten sie eine bedrohliche Datenerhebung, die ohne ihr Einverständnis vorgenommen wurde.
Vor einer Woche konnten Bildungsforscher der Humboldt-Universität in Berlin schließlich doch noch mit der Auswertung der Hamburger Tests und Fragebögen beginnen. Allerdings, darauf haben sich die Schulbehörde als Auftraggeberin der Studie und die betroffenen Lehrer in einem Vergleich geeinigt, muß jetzt ein Gericht entscheiden, ob auch die inkriminierten Fragen zum Lehrerverhalten in die Auswertung einfließen dürfen.
Wenn das Hamburger Verfahren Schule macht, werden Richter in den kommenden Jahren wohl noch öfter darüber urteilen müssen, ob und wie die Qualität von Schulen bewertet werden darf. Denn derzeit werden die deutschen Lehranstalten von einer beispiellosen Welle von Tests und Leistungsvergleichen überrollt: Das CSU-regierte Bayern prüfte kürzlich die Mathematikkenntnisse seiner Realschüler und Gymnasiasten, das rot-grüne Nordrhein-Westfalen ließ Tausende von Abiturarbeiten zweitkorrigieren; das sozialliberal regierte Rheinland-Pfalz bittet 40 000, das SPD-regierte Brandenburg 12 000 Schüler zum landesweiten Mathematiktest. Eine Runde von Bildungsexperten, über die der Bundespräsident seinen Schirm hält, ruft gar nach einer Stiftung Bildungstest.
Der Auslöser dieses Bruchs mit alter deutscher Bildungstradition war eine internationale Studie. Mitte der neunziger Jahre wurden die Schülerleistungen in Mathematik und Naturwissenschaften weltweit verglichen. Die Ergebnisse der Third International Mathematics and Science Study (Timss), 1997 veröffentlicht, lösten hierzulande einen Schock aus: Deutschlands Achtkläßler landeten auf einem enttäuschenden Mittelplatz. Der ein Jahr später veröffentlichte Bericht über die Leistungen der Oberstufenschüler und Berufsschüler bestätigte das erste Ergebnis (ZEIT Nr. 11/98). Für die Bildungspolitiker des Landes hagelte es Schelte: "Das Bildungssystem in Deutschland droht zu erodieren", klagte die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Die "Spaßschule" gefährde die Exportnation, befand der nordrhein-westfälische CDU-Bildungssprecher Herbert Reul.
Dabei hatten die Kultusminister der Länder sich und anderen immer wieder anerkennend bestätigt, wie gut ihre Schulen seien. Die staatlich geregelte Lehrerausbildung, die Lehrpläne und die Schulbücher - so die sorgsam gepflegte Überzeugung - sorgten schon für eine gute Schule. Und zur Kontrolle gebe es ja immer noch die Beamten der Schulaufsicht. Diese sogenannte Input-Steuerung, so glaubten die Bildungsbürokraten, würde die Schulqualität auf hohem Niveau halten. Internationale Experten hatten die Deutschen sogar in diesem Irrglauben bestärkt. Noch 1994 stellte die OECD in einem Bericht fest, daß das deutsche System der Qualitätssicherung gut funktioniere, obwohl es praktisch keine Evaluation gab. Die Tims- Studie traf die deutsche Bildungspolitik und Bildungsforschung genau in ihrem blinden Fleck.
Seither sind die Kultusminister aufgeschreckt. Plötzlich sind Leistungsvergleiche in deutschen Schulen nicht mehr tabu. Nun dringen selbst Methoden wie Benchmarking und Total Quality Management, mit denen Volkswagen und die Deutsche Bank die Qualität ihrer Produkte zu sichern versuchen, in die Welt der Bildung und Erziehung vor.
Doch das Hauptereignis der kommenden Testival-Saison ist ohne Zweifel ein neuer internationaler Schulvergleich. In diesem Jahr beginnen die Vortests einer OECD-Studie namens Pisa: Programme for International Student Assessment. Im Jahr 2001 sollen die ersten Ergebnisse vorliegen. In 30 Ländern der Erde müssen Zehntausende 15jährige Schüler beweisen, wie gut sie lesen und rechnen können, was sie von den Naturwissenschaften verstehen, ob sie vielschichtige Probleme lösen können und wie effektiv sie in einer Gruppe arbeiten. Auch der gesellschaftliche, wirtschaftliche und schulische Rahmen, in dem sie lernen, soll ausgeleuchtet werden. So hoffen die Bildungsforscher, wertvolle Hinweise auf die Ursachen guter oder schlechter Ergebnisse zu erlangen.
Wie stark der Timss- Schock den deutschen Kultusministern aufs Gemüt geschlagen ist, läßt sich daran ablesen, daß sie in Verbindung mit Pisa erstmals unisono einem ernstzunehmenden Vergleich der Schülerleistungen zwischen den einzelnen Bundesländern zugestimmt haben. Dazu werden im Jahre 2000 rund 40 000 deutsche Schüler getestet und befragt, um so für jedes Bundesland aussagekräftige Zahlen zu erhalten. Zusätzlich zur internationalen Vorgabe wollen die deutschen Kultusminister auch untersuchen lassen, wie gut sich die Schüler in ihrer deutschen Muttersprache ausdrücken können und wie sicher sie Fremdsprachen beherrschen.
Prüfungen, wohin man blickt. Doch wer in der grassierenden Testeritis nur eine ministerielle Panikreaktion auf schlechte Noten für die Schule sieht, unterschätzt sie gewaltig. Vielmehr bahnt sich eine stille Revolution an: Die "empirische Wende in der Bildungspolitik" hat sie der Hamburger Schulstaatsrat Hermann Lange getauft. Dabei darf (und muß) im Zusammenhang mit Schulen auch wieder über Leistung gesprochen werden.
In den Reformdebatten der vergangenen Jahrezehnte tauchte der Begriff Leistung nur als Präfix des Schmähwortes Leistungsdruck auf, vor dem die Kinder geschützt werden mußten. Die reformorientierte Schulforschung habe um das Kriterium der Fachleistung "meist einen großen Bogen gemacht", stellt Klaus-Jürgen Tillmann, wissenschaftlicher Leiter der Laborschule Bielefeld, selbstkritisch fest. Von der öffentlichen Diskussion um die Leistungsvergleichsstudien seien auch die Reformpädagogen "kalt erwischt" worden.
Doch kann die Qualität von Schulen überhaupt gemessen werden? Und wenn ja, wozu? Einerseits muß, wer Qualität verbessern will, sie auch überprüfen können. Doch andererseits ist das Messen von Qualität nur dann sinnvoll, wenn sie in der Folge auch gesteigert werden kann. Diese Verbesserung findet aber nicht in den Amtsstuben der Kultusminister statt, sondern in den Schulen selbst. Dazu müssen sich Schüler, Eltern und Lehrer auf gemeinsame Ziele verständigen und Rechenschaft über das Erreichte ablegen. Wenn die Schulen autonomer werden sollen und wollen, wenn mehr Vielfalt zugelassen wird, dann muß allerdings auch hier die Selbstvergewisserung immer durch eine externe Bewertung ergänzt und korrigiert werden. Sonst landet die Schule leicht wieder in der Falle, in der sie von Timss erwischt wurde.
Wer sich für die Verbesserung der Schulqualität interessiert, dem liefern die vorhandenen Schulstudien schon jetzt die anregendsten Erkenntnisse. So hat die Hamburger Studie zur Lernausgangslage beispielsweise ergeben, daß auch Grundschulen, die in vergleichbaren Wohngegenden liegen und deren Schüler von zu Hause die gleichen Voraussetzungen mitbringen, ihre Eleven zu unterschiedlichen Leistungen führen. Was macht die bessere Schule anders? Die Antwort darauf steht noch aus. Aber alles deutet darauf hin, daß der Schlüssel für den Schulerfolg im Klassenzimmer zu suchen ist. Dazu ist eine verstärkte Unterrichtsforschung nötig.
Die neuen Schulstudien fördern noch weitere Erkenntnisse zutage, die Bildungspolitiker aller Richtungen zum Umdenken zwingen: Das Abschaffen der Ziffernzeugnisse führt nicht - so das Ergebnis der Hamburger Grundschulstudie - zu schlechteren Leistungen. Gleichzeitig widerlegt die Studie das Vorurteil, Mädchen und Kinder von Einwanderern würden in der Schule benachteiligt - das Gegenteil ist der Fall. Andere Studien zeigen, daß auch die Klassengröße oder das Alter der Lehrer längst nicht den großen Einfluß auf die Leistung der Schüler hat, wie es die öffentliche Debatte vermuten läßt.
Damit ist freilich die Gretchenfrage noch nicht beantwortet. Wer Qualität messen und vergleichen will, muß wissen, was Qualität ist. Also: Was ist eine gute Schule?
Schon der Versuch, den Begriff "Bildungsqualität" zu definieren, sei nicht nur nutzlos, sondern beinahe unmöglich, urteilt der Niederländer Theo Liket, einer der führenden Bildungsexperten Europas. Mit dem Begriff einer hohen Bildungsqualität verhalte es sich wie mit dem eines schönen Sommers. "Was darunter verstanden wird, variiert aus der Sicht eines Touristen und aus der Sicht eines Bauern sehr stark."
So simpel das klingt: Lesen, rechnen und schreiben sollen die Kinder in der Schule lernen. Sie sollen harte Nüsse knacken können, für die das Wissen eines Fachs nicht ausreicht, und sie sollen sich Methoden aneignen, die sie auf lebenslanges Lernen vorbereiten. Dafür kann die Schule von der Gesellschaft in Haftung genommen werden.
Zwar erschöpft sich die Qualität der Schule nicht in meßbarer Leistung, aber ohne sie funktioniert sie nicht. Wer beim Fußball über das schöne Spiel das Toreschießen vergißt, hat den Sinn des Spiels nicht begriffen.
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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