Von einem, der auszog ...Seite 4/4
Fenichel stellte den Versand ein. Ein halbes Jahr später, am 22. Januar 1946, stirbt er - im Alter von 48 Jahren - mitten in der Arbeit, die der als Hospitant in einer US-Klinik verrichten mußte, um endlich die Anerkennung seines in Europa absolvierten Medizinstudiums zu erhalten. Und damit senkte sich - fürs erste - der Schleier des Vergessens über diesen Polyhistor der Psychoanalyse.
Es vergingen Jahrzehnte, bevor man sich in Deutschland - im Kontext der 68er-Bewegung - an Otto Fenichel und an dessen langjährigen Kampfgefährten Wilhelm Reich wieder erinnerte. 1972 erschien in Deutschland eine Aufsatzsammlung, die teils ältere, teils neu aus dem Amerikanischen übersetzte Arbeiten Fenichels enthielt - herausgegeben von "Christian Rot", Pseudonym eines der Psychoanalyse kritisch verbundenen "Laien", des Soziologen Helmut Dahmer. Sie stand unter einem programmatischen, Fenichels Lebenswerk charakterisierenden Titel: Psychoanalyse und Gesellschaft. Dennoch mußten noch einmal fünfundzwanzig Jahre ins Land gehen, bevor nun auch Fenichels Rundbriefe erscheinen konnten. Damit aber haben sich jene prophetischen Worte erfüllt, die Fenichel anläßlich seines Abschieds aus Europa formulierte: "Doch weil sich wahre Redlichkeit niemals besiegen läßt, ... kann sie warten. Wo sie die Wahrheit hat, da wird sie sie bewahren ..."
Die Vielschichtigkeit der Rundbriefe sowie die Tatsache, daß sie für einen Kreis von Eingeweihten geschrieben wurden, erschweren die Lektüre für heutige Leser. Sie können nicht mehr ohne weiteres verstehen, was Fenichel beispielsweise meinte, als er Franz Alexander als "psychoanalytic Vansittard" charakterisierte. Leider lassen die Herausgeber diese Äußerung sowie unzählige andere Bemerkungen Fenichels unkommentiert - und unterschreiten damit Standards, die durch die vorzüglichen Editionen der Freud-Fließ-, Freud-Binswanger- oder Freud-Ferenczi-Briefe erarbeitet worden sind.
Dennoch wurde den Herausgebern der Rundbriefe von einigen Rezensenten eine Meisterleistung attestiert. Dieses Urteil wird sich kaum halten lassen - und ich kann mir auch keine fremdsprachige Ausgabe der Rundbriefe vorstellen, die die deutsche Editionsprinzipien übernehmen würde. Die Herausgeber rechtfertigen ihre Unterlassungen, die sie als "sparsame Kommentierung" umschreiben, mit der angeblich "guten Verständlichkeit" der Rundbriefe, von denen immerhin knapp die Hälfte auf englisch verfaßt worden ist. Gerade wenn es um Freud geht, versagen ihre Kenntnisse. Sie belegen Freud-Zitate durch pauschale Hinweise auf entsprechende Arbeiten - so etwa auf die Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, in denen der Leser auf etwa 200 Druckseiten nach den (von Fenichel englisch zitierten) Freud-Sätzen auf die Suche gehen muß. Auch die Suche nach Auskünften über erwähnte Personen gleicht einem Lotteriespiel. Erwähnt Fenichel beispielsweise die Psychoanalytiker Silberer und Wälder, so wird der eine in den "biographischen Anmerkungen" ignoriert, der andere vorgestellt.
Schlimmer wird es, wenn die Herausgeber ihr Nichtwissen als Auskunft anbieten. So bezieht sich Fenichel einmal auf Freuds Äußerungen über Kriegsneurosen. In einer Anmerkung weisen die Herausgeber dazu auf Freuds Arbeit Zeitgenössisches über Krieg und Tod (1915) hin, in der Freud das fragliche Thema gar nicht abgehandelt hat. Immerhin: Das Wort "Krieg" kommt hier wie dort vor. An einer anderen wichtigen Stelle erläutert Fenichel ein Buch von Karl Teschitz, hinter dessen Namen er "Mo(t)te" anfügte. Die Herausgeber nutzen die Gelegenheit, um in einer Fußnote auszuführen: "Ob es sich bei dem Wort ,Motte' um ein Pseudonym oder um einen Decknamen handelt, konnte nicht in Erfahrung gebracht werden." Die Herausgeber irren sich - doppelt: Denn der Name "Karl Teschitz" ist bereits ein Pseudonym. Und "Motte" - wie es nun in der gedruckten Version der Rundbriefe heißt (steht im Original vielleicht doch: "Mote"?) - ist der Spitzname eines langjährigen Mitstreiters Wilhelm Reichs, den Fenichel und die Rundbriefe-Empfänger natürlich kannten: Er hieß Karl von Motesiczky, war der Enkel einer berühmten Patientin Freuds ("Cäcilie M." = Anna von Lieben) und kam 1943 in Auschwitz um (Christiane Rothländer hat sein Leben und Sterben im Werkblatt - Zeitschrift für Psychoanalyse und Gesellschaftskr itik, Salzburg 1998, Nr. 41, soeben beschrieben).
Und dennoch: Das Erscheinen der Rundbriefe ist ein Meilenstein, handelt es sich doch um einzigartige Dokumente, die unser Wissen über die Geschichte der Psychoanalyse unter Hitler und unsere Kenntnisse über das Schicksal der Linksfreudianer in der Emigration umfangreich erweitern.
Otto Fenichel: 119 Rundbriefe (1934-1945). Band I: Europa (1934-1938). Band II: Amerika (1938-1945); herausgegeben von Elke Mühlleitner und Johannes Reichmayr; Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main 1998; 2137 S., 298,- DM bis zum 31. März 1999, danach 398,- DM
- Datum 18.03.1999 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12/1999
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