Sie stammen aus Weimar, Wildscheuer oder Warendorf und gehören doch alle einer Familie an. Die jüngsten unter ihnen zählen gerade 50000 Jahre, die ältesten lagen mehr als 150000 Jahre unter Höhlenablagerungen und Gestein verborgen. Nun ruhen sie aufgebahrt wie Reliquien im Neanderthal Museum nahe Düsseldorf: Erstmals sind fast alle deutschen Neanderthalerfossilien an einem Ort versammelt - ein Familientreffen der besonderen Art.

Doch während das Knochenpuzzle in der Museumsvitrine fein säuberlich geordnet ist, herrscht im Theoriengebäude der Forscher das Chaos. Neunzig Urgeschichtsexperten aus zwanzig Staaten trafen sich am vergangenen Wochenende in Mettmann, um über Faustkeile und Speerspitzen, Nashornschenkel und Mammutrippen zu streiten: War der Neanderthaler ein geschickter Werkzeugmacher? Wo und wann ist er dem modernen Menschen begegnet? Wie ging das Treffen aus? Und warum mußte der stämmige Urmensch schließlich dem Homo sapiens sapiens weichen?

Für ihre Ausstellung haben Weniger und sein Team Überreste aus zehn verschiedenen Fundstellen zusammengetragen: Aus Salzgitter stammen drei Schädelbruchstücke und die Röhren zweier Oberschenkel. Die Wildscheuerhöhle im Kreis Limburg steuerte zwei Schädelfragmente bei. Weimar kann mit einer fast vollständig zusammengesetzten Schädelkapsel brillieren. Taubach dagegen ist gerade mal mit zwei Zähnen präsent - die stammen gleich von zwei der 17 in Deutschland gefundenen Individuen. Die Überlieferung ist bruchstückhaft.

Der namengebende Fund aus dem Neandertal ist noch immer der vollständigste: Eine Schädelkalotte, ein Schulterblatt, ein Schlüsselbeinfragment, drei Unterarmknochen, zwei Oberarme, ein Beckenbruchstück, zwei Oberschenkel und fünf Rippenstücke hatten Steinbrucharbeiter 1856 aus dem Sediment der Feldhofer Grotte geborgen. Da sie den Fund für das Skelett eines Bären hielten, legten die Männer die Knochen beiseite und gruben weiter. Die Ablagerungen mußten aus der Höhle verschwinden, sie störten beim Kalkabbau. Die steile Kalkterrasse am Düsselufer, die insgesamt neun Höhlen enthielt, wurde gesprengt. Unter den dicken Sprengschuttschichten haben Ralf Schmitz und Jürgen Thissen 1997 die Sedimente entdeckt, die die Arbeiter aus der Höhle geschaufelt hatten - unter einem Schrottplatz. Hier stehen nun europäische und amerikanische Urgeschichtsexperten etwas betreten herum. Verfallene Gebäude säumen einen Schotterweg. In den Hallen türmt sich der Müll. "Schauen Sie mal 20 Meter nach oben", fordert Ralf Schmitz seine Kollegen auf und weist in den grauen Himmel. "Dort war die Feldhofer Grotte. Und vier Meter unter Ihren Füßen liegen die alten Höhlensedimente." Der Blick zu Boden zeigt nur Sand und Schotter, hier und da ein Büschel Gras - Urgeschichtler brauchen Phantasie.

Lange Zeit hatten Forscher vergeblich nach dem historischen Fundort gefahndet. Schmitz und Thissen profitierten davon, daß nicht nur Neanderthaler eine Vorliebe für die Höhlen hatten. Auch die Mitglieder des Düsseldorfer Kunstvereins suchten um die Jahrhundertwende die Feldhofer Grotte auf, um hier ihre Gelage zu feiern. Ihre Zeichnungen des Neandertals brachten die Forscher auf die richtige Spur.

Die Blicke der Umstehenden sind skeptisch, denn von der wissenschaftlichen Grabung, die sich auf immerhin 160 Quadratmeter Fläche erstreckte, ist nichts mehr zu sehen. Die Spuren sind verwischt. Zwei Jahre lang haben Schmitz und Thissen den Schauplatz der spektakulären Aktion geheimgehalten. Seit Anfang 1999 gehört der geschichtsträchtige Boden dem Museum, ist das Gelände durch ein stachelbewehrtes Stahltor geschützt. Erst jetzt geben die Gräber ihr Geheimnis preis. "Lassen Sie morgen Ihre Spaten ruhig zu Hause", rät Bärbel Auffermann vom Neanderthal Museum den Forschern mit dem nun gierig gewordenen Blick. "Das hier übernehmen wir."

Was Schmitz und Thissen vorzuweisen haben, ist tatsächlich geeignet, den Neid der Kollegen zu wecken. Die beiden Bonner förderten neben Steinwerkzeugen und Tierknochen 20 menschliche Knochenfragmente zutage. Wieviel Glück die Forscher hatten, stellte sich jedoch erst am 21. Januar dieses Jahres heraus. Die Forscher versuchten, die neuen Bruchstücke mit den Funden von 1856 zu kombinieren. Ein Fragment paßte exakt in eine Bruchlücke des historischen Oberschenkels - der Beweis, daß die beiden tatsächlich den ursprünglichen Höhleninhalt wiederentdeckt hatten. Und: Ein rechter Oberarmknochen ist seit der Grabung doppelt vorhanden. Der Neanderthaler von der Düssel ist nicht mehr allein.