Fein säuberlich mit Bleistift durchnumeriert, stehen die in hellblauen Karton gebundenen Werke auf dem schwarzen Holzregal. Nummer 1 beschreibt Thermisches Verhalten von Drehmaschinen, Nummer 296 beschäftigt sich mit der Verkürzung von Produktentwicklungszeiten. Knapp 300 Doktorarbeiten hat Günter Spur, 70, emeritierter Professor der Technischen Universität (TU) Berlin, in gut 30 Jahren als Hochschullehrer und Forscher betreut.

Heute ist Spur Chef des Berliner Instituts für Werkzeugmaschinen und Fabrikbetrieb und arbeitet mit Hunderten von Wissenschaftlern "an der Fabrik von morgen". Jedes Jahr stellt er zusammen mit dem benachbarten Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik zehn bis zwanzig junge Ingenieure als Assistenten ein. Ziel des Nachwuchses ist die Promotion zum Dr.-Ing., die in der Regel vier bis fünf Jahre dauert.

Als der 26jährige Robert Hahn im Sommer vergangenen Jahres sein TU-Diplom in der Hand hatte, griff er erst mal zum Taschenrechner: Fünf Jahre Gehaltseinbußen standen gegen die Option, mit dem Dr.-Ing. in der Tasche später noch bessere Berufsaussichten zu haben. "Rosige Zeiten für Ingenieure" konnte der 26jährige unter anderem an seinen Jobangeboten erkennen: Renommierte Auto- und Maschinenbaufirmen boten ihm, dem Berufsanfänger, bis zu 6000 Mark monatlich als Einstiegsgehalt. Dennoch nahm er eine Assistentenstelle an Professor Spurs Institut an, Gehalt: BATIIa, knapp 5000 Mark brutto.

Jahrelang wird er sich jetzt am Projekt "Impulsmagnetische Umformung elektrisch leitfähiger Werkstoffe" beteiligen - irgendwann wird die Autoindustrie mit seinen Ergebnissen vielleicht Kardanwellen aus Aluminium produzieren können. Die Entscheidung für die Experimentier-Werkhalle des Instituts und gegen das Büro bei BMW oder Opel bereut Hahn nicht: "Ich werde vermutlich später mein ganzes Arbeitsleben in der Industrie tätig sein, da kann ich auch noch mal fünf Jahre als Wissenschaftler arbeiten." Außerdem hat er nachgerechnet: "Das Gehalt, das mir in den fünf Jahren entgeht, kriege ich später mit dem Doktor schon im ersten Jahr locker wieder rein. Man darf nicht nur auf den Scheck gucken, sondern muß überlegen: Was habe ich davon?"

Daß einem wie Robert Hahn überhaupt so viel Entscheidungsspielraum zur Verfügung steht, ist ein Privileg der Ingenieure. Während Juristen oder Geisteswissenschaftler ohne Job dastehen, sind Elektrotechniker oder Anlagenbauer gefragt wie nie zuvor. Der Markt ist leer gefegt, die deutschen Firmen suchen händeringend nach geeigneten Hochschulabsolventen. Von den knapp 40000 Ingenieuren, die 1998 ihr Studium beendet haben, konnten so gut wie alle eine mehr als ordentlich dotierte Stelle finden. "Zur Zeit werden allein 70000 bis 80000 Informationstechniker gesucht", schätzt Günter Spur, "wenn man über arbeitslose Ingenieure spricht, kommen eigentlich nur Architekten in Frage."

Im Computerbereich werden inzwischen sogar Kopfgelder gezahlt, viele Informatiker brechen ihr Studium vorzeitig ab, um früher in den Beruf zu gehen. Ein Softwarehaus aus München bot Anfang dieses Jahres per E-Mail Studenten der Fachhochschule Flensburg 5000 Mark Einstiegsprämie. Wer ein paar Jahre warten kann, für den lohnt sich die Promotion aber auf jeden Fall. Eine unbezahlte Doktorarbeit - in anderen Wissenschaften gang und gäbe - ist bei den Ingenieuren so gut wie unbekannt. Der übliche Weg führt über eine voll dotierte Assistentenstelle wie die von Robert Hahn.

"Wenn man an ein Institut geht, erhöht man auf jeden Fall seine Arbeitsmarktchancen", sagt Professor Hans-Jörg Bullinger vom Institut für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement der Universität Stuttgart, "wir machen fast nur Projekte mit der Wirtschaft. Nur wenn dabei keine Promotion herausspringen sollte, sagt die Industrie später vielleicht: Der kann das gar nicht." Die Werbung für die Assistenten-Laufbahn tut allerdings auch not: Schon jetzt beklagt Bullingers Institut - wie die Industrie - einen Mangel an Ingenieur-Nachwuchs: "Früher hat die Universität Stuttgart bis zu 600 Assistenten eingestellt, jetzt bekommen wir gerade noch mal 200 zusammen. Und die Katastrophe fängt erst an."