Die Chefin ist ein Stuhl. Sie könnte auch ein Kissen sein, ein Bauklotz oder das Bild an der Wand. Heute aber will ich den Job vom schwarz gepolsterten Bürosessel, der in meinem Vorstellungsgespräch die Rolle der Chefin übernommen hat. Und die ist skeptisch, hakt nach, stellt jede meiner Antworten in Frage. Zieht zweifelnd eine Augenbraue hoch, wippt gelangweilt mit dem Fuß und dreht sich auf ihrem Stuhl hin und her.

Zur Demonstration greift Bewerbungstrainerin Anne Maerz-Wevers zur Armlehne und schwenkt den leeren Drehstuhl. Zu mir sagt sie: "Die Chefin schaut immer noch fragend. Wie überzeugen Sie?"

Eine Jobgarantie können die Trainer allerdings nicht geben. "Die Firmen wissen natürlich, daß es Schulungen gibt", so Maerz- Wevers, "und Personalchefs erkennen antrainiertes Verhalten oder rhetorische Floskeln sofort." Ihren Kunden will sie deshalb keine Standardantworten eintrichtern, sondern ein Gefühl dafür vermitteln, wann das persönliche Auftreten authentisch wirkt.

Das kann in Rollenspielen erprobt werden, in denen auf den verbalen Ausdruck und die Körpersprache geachtet wird: Gemeinsam mit ihren Kunden entwirft die Berliner Trainerin Situationen, in denen sich Bewerber besonders unwohl fühlen - und das ist je nach Typ unterschiedlich.

Der Bürostuhl mir gegenüber stellt beispielsweise keine unangenehmen Fragen, ganz im Gegenteil: er wirkt unbeteiligt und desinteressiert. "Wie reagieren Sie, wenn die Chefin jetzt anfängt, während des Gesprächs zu telefonieren?" fragt Maerz-Wevers.

Ganz einfach: Ich werde unruhig. Mein Blick schwirrt an die Decke, sucht den Teppichboden ab, entdeckt meinen nervös wippenden Fuß. "Wer mit dem Fuß wippt, ist arrogant und selbstsicher", schießt es mir durch den Kopf. Das, so habe ich bereits gelernt, vermittelt zumindest meine Körpersprache.

Der Fuß versteinert, mein Bein wird zu Blei, die Starre zieht sich hinauf bis in den Oberkörper. Nie wird mich der Bürostuhl einstellen. Der wiegt sich immer noch selbstsicher hin und her.