Gut vier Jahrzehnte lang sah Hans Hugo Wrede die Welt der Medizin aus der Sicht des Arztes. So lange führte er zusammen mit seiner Frau eine Landarztpraxis in Simmertal zwischen Hunsrück und Nahe. Als sie ihre Praxis einem jungen Kollegen übergaben, war Wrede 76, Frau Wrede 73 Jahre alt. "Wir waren glücklich, so lange fit zu sein, daß wir ohne Schwierigkeiten arbeiten konnten", sagt Wrede. "Die Praxis war unser Lebensinhalt."

Als Wrede anfing, war für ihn die "Welt der Medizin" noch in Ordnung. Neben dem Lehrer und dem Pfarrer war der Hausarzt die dritte Instanz, die den Menschen sagte, wie sie zu leben hatten, getreu dem Leitsatz des Hippokrates: "Wohlgetan ist es, die Gesunden zu führen."

Hans Hugo Wrede war ein Hausarzt wie aus dem Struwwelpeter. Vormittags hielt er Sprechstunde, nachmittags rumpelte er mit seinem Käfer zu Hausbesuchen über die Dörfer. Unverzichtbares Instrument in seiner Arzttasche: das Stethoskop, mit dem er an der Lunge horchte. Mit den Fingern tastete er die Brust ab und fühlte den Puls. Viel Aufschluß über Erkrankungen ließ sich so nicht gewinnen, aber das war auch nicht so entscheidend. Wichtiger war, daß er als Generalist der Medizin das Ernste vom Harmlosen zu unterscheiden vermochte, daß er also wußte, wo Wickel und Umschläge genügen und wo die Einweisung ins Krankenhaus not tut. Auf dieses Wissen verließen sich seine Patienten. Wrede gehörte quasi zur Familie, für die Kinder war er der "Onkel Doktor". Und so kannte er nicht nur Wehwehchen und finale Leiden seiner Patienten, sondern auch ihre Verhältnisse und intimsten Geheimnisse, wie das jener alten Jungfer und Betschwester, bei der er überraschend einen Tripper diagnostizierte.

Mittlerweile ist der Landarzt Wrede 83 Jahre und sieht die Welt der Medizin "aus der Sicht des Wartezimmers". Nun muß er erleben, daß der einstige "König der Medizin" ein Herrscher ohne Reich ist. "Das, worüber ich früher den Kopf schüttelte, das Doktor-Hopping, mache ich heute den ganzen Tag. Ich hoppe von Spezialist zu Spezialist quer durch das Kreisgebiet", sagt Wrede mürrisch. Vom Internisten, wegen dem Diabetes, zum Kardiologen wegen des Herzens, zum Urologen der Prostata halber, zum Radiologen auf die Metastasensuche und von da zum Neurologen wegen beginnender zerebraler Insuffizienz, was heißt: der Kopf läßt langsam nach.

König Wrede hat sein Leben und Wohlergehen heute fünf Fachärzten zu verdanken. Selber heilen kann er sich nicht mehr. Wenigstens ist er in der Lage, sein eigener Lotse zu sein durch die Vielfalt seiner Spezialisten und Anwendungen. Er kann die Menge der Diagnosen, Medikamente und Therapien seiner Fachärzte koordinieren und dokumentieren. Otto Normalpatient kann das nicht - und viele Hausärzte offenbar auch nicht mehr. Das merkt Wrede, wenn er in den Wartezimmern der Spezialisten sitzen muß, wo die Klagen der Mitpatienten über ihm zusammenschlagen, die sich von ihrem Hausarzt im Stich gelassen fühlen. Von schauerlichen Fehldiagnosen muß er da hören oder davon, daß der Hausarzt immer öfter ratlos zum Facharzt durchwinke und der Facharzt sich nur für das spezielle Organ, mit dem er sich auskennt, interessiere, nicht aber für den Menschen, der da vor ihm sitzt und der ihm völlig fremd ist.

Familien zerfallen, die Welt wird mobil. Wozu nun ein Hausarzt?

Nun besinnt man sich in kalten und professionellen Zeiten wie diesen gern auf alte Werte. Und so wie Gebrauchsgüter - zum Beispiel Wredes VW-Käfer - jetzt moderner gestylt wieder auf den Markt kommen, aber im Prinzip aussehen wie früher, so erfährt auch der Hausarzt sein Retrodesign und damit neue Wertschätzung. Die Süddeutsche Zeitung weinte kürzlich dem "verblaßten Mythos" nach: "Der Hausarzt war ein Synonym der Verläßlichkeit, Diskretion, Treue, Hilfsbereitschaft und erschien selbst bei Nacht und Nebel, wenn man ihn rief."