Es steht nicht im Regal, es liegt herum. Irgendwo zipfelt ständig ein gelber Umschlag ins Auge. Wenn Kniffeliges mich umtreibt, hol ich mir seine Streuung durch ein anderes Sieb (anders als im Wahrig, Dornseiff, Duden oder Kluges Etymologie) und finde meinen Kanon dann zum Beispiel im Umfeld von Geschlechtshormon und Libanon vor Krebskanon und Tympanon; ganz in der Nähe grasen Xenon und Kompagnon Champignon (Feld, Schlaf, Karbol, Wiesen, Garten, Acker, Stadt und Gift), und in der Ferne winkt Tampon Pompon. Ich kann es solcher Kanonbildung wegen nur empfehlen.

Ich fürchte, es ist längst vergriffen. Seine intrinseke Poesie noch lange nicht. Allein durch konsequente Rückläufigkeit stellt es Zusammenhänge mir plausibler her als jede gewohnte Vorläufigkeit, die auf der Straße liegt. Es prüft die Selbstgerechtigkeit des arbiträren "Alphabets von vorne", indem es sie umgekehrt durchsausen läßt - mitsamt den eingefahrenen sachzwanghaften Denkgewohnheiten (A vor B, Primordiales hat Vorrang, Zebra ist das Letzte). Na ja, und auch mitsamt den Aversionen gegen alle Anlaut-Stabreim-Runen-Teleologie der jüngeren Geschichte. Man könnte sagen, hier verifiziert das Alphabet sich einmal selber auf eine läppisch simple, aber widerspäuzige Art, einfach durch den Umkehrschub.

Im Gegensatz zu einfachen Endreim-Lexika erfaßt es auch Realbereiche, die nicht im Verdacht der Poesie stehen, und bleibt schön stur gegenüber silbischen Kriterien. Gewisse Lücken hat es ebenfalls. Als ich die Verneinungsvorsilbe "UN" auf die Wirksamkeit am Wortende hin in einem Listengedicht mutieren ließ, fand ich zwar eine Menge Alaunverbindungen (Kalialaun, Chromalaun, Aluminiumalaun, Ammoniumalaun, Eisenalaun), bei den Arten von Braun aber, da fehlte (zwischen Gelbbraun und Goldbraun) auf einmal das Cognacbraun, das ich von Gottfried Benn aus einem frühen Gedicht noch im Kopf hatte - ich habe es der Liste einverleibt.

Auch die Klärung des Heimatbegriffs durchs "rückläufige heimataggregat" wäre ohne das Wörterbuch undenkbar gewesen. Weil Heim ja ziemlich klar war, das "AT" dafür recht mysteriös, ging ich nachschlagend auch nur bis ins erste Glied zurück (also A vor T) - ein Wahnsinns-angebot von Maat bis Reservat, aus dem ich dann, die Rückläufigkeit strikt wahrend, das Aggregat nach meinen Präferenzen und Bedürftigkeiten rhythmisch auseinander- und zusammenmontieren konnte.

So ist das Wörterbuch mir eine höchst persönliche Angelegenheit. Was will man mehr.

Ein Adjektiv, das ihm entspräche? Es müßte gleichsam eines auf "SAM" sein (weil es quasi selbsttätig und spendabel ist). Auf Seite 322/323, wo M beginnt, d.h. die Wörter auf M enden, finde ich von labsam bis grausam 219 solche Wörter aufgeführt. Daraus picke ich ein rezensorisch hüpfsames Urteil zusammen.

Dies Buch ist also: beredsam, empfindsam, Sesam. Es ist einpräg, bieg, schmieg, reg, ver-gnügsam. Sowohl Bisam als auch Balsam (u.a. Leber, Wasser, Peru), mit anderen Worten mitteil, wunder, ungehor bis unterhalt und ziemlich seltsam. Darüber hinaus Tamtam sowie Diptam - welche Perspektive!