Warum können die Menschen einander nicht einfach bei den Händen halten und glücklich sein? Juha liebt Marja. Marja liebt Juha. Als sie noch ein Kind war, hat er sie großgezogen. Jetzt ist Juha ein alternder Bauer mit einem steifen Bein. Und seine junge Frau ist fast eine Schönheit, für Dorfverhältnisse. Die Woche über arbeiten sie hart, fahren am Samstag mit dem Motorrad zum Markt, um ihren Kohl zu verkaufen. Dann trinken sie. Juha und Marja sind einander genug. Sie sind glücklich wie die Kinder. So soll es bleiben.

Drei Jahre hat Aki Kaurismäki, der traurige finnische Trinker, geschwiegen, um einen Film zu machen, in dem nicht geredet wird. Eine Liebesgeschichte, schwarzweiß auf Zelluloid geschrieben, stummes Kino in Tonfilmzeiten. Die wenigen Dialoge werden eingeblendet. Das ist konsequent so, denn viel zu sagen hatten Kaurismäkis Figuren nie, weil ihnen die Welt immer den Atem nahm. Das Überschäumende aber, das Absurde und Groteske aus Kaurismäkis früheren Filmen wie den Leningrad Cowboys ist nun verschwunden. Geblieben ist die Melancholie. Aki Kaurismäki ist ganz bei sich angekommen.

Jetzt ist die Sehnsucht nach einem besseren Leben in Marjas Herzen. Sie liest auf einmal Modejournale, beginnt, sich unbeholfen zu schminken. Als sie anfängt zu rauchen, wird Juha wütend, zum ersten Mal. Da verweist sie ihn aus dem Schlafzimmer. Auf dem Feld zupft sie Blätter von einem Kohlkopf und denkt an Shemeikka. Er liebt sie. Er liebt sie nicht. Und plötzlich ist der Kohlkopf ein Gesicht, das man küssen kann. Liebt er sie? Es ist egal. Sie muß mit ihm gehen, den sie liebt.

Shemeikka und Marja machen Juha betrunken. Als er seinen Rausch ausschläft, verschwinden sie. Shemeikka fährt mit ihr zum See, es ist ein schöner Tag. Da fällt sie, und auf dem See schwimmt eine Sonnenblume. Sie macht ihm eine Kette aus Beeren, doch statt sie zu bewundern, ißt er sie. Marja versteht nicht. Und als Juha daheim endlich aufwacht, ist sie weg, nur der Schmerz ist da.

Er liebt sie nicht. Shemeikka schenkt Marja nur eine Nacht, mit Champagner und Kerzen, im schönen Hotel. Dann bringt er sie in ein Bordell. Als Männer sie betatschen, will sie sich an Sheimekkas Brust flüchten, doch er schlägt sie. Da endlich versteht sie. Das schöne Leben hat seinen Preis. Warum bleibt man nie bei dem, der gut ist zu einem?

Vielleicht liebt kein Regisseur seine Figuren so sehr wie Aki Kaurismäki. Jede ihrer Gefühlsregungen beobachtet er ganz genau, aber nicht wie ein Voyeur, sondern wie ein mitfühlender Freund. Manchmal nämlich dringen Geräusche, das Schlagen von Türen oder Gesang, als Reales in die Stille des Films ein. Und das Reale, das ist in Juha der Schmerz, der sich in die Gesichter der Figuren gräbt. Sie ist alt geworden, die Kaurismäki-Familie. Es ist wie ein Treffen mit guten alten Bekannten: Kati Outinen, das Mädchen aus der Streichholzfabrik , zerreibt sich zwischen Gram und Hoffnung, André Wilms aus Das Leben der Bohème ist der schmierig-charmante Shemeikka, und Sakari Kuosmanen, der wie Outinen schon 1986 in Schatten im Paradies mit dabei war, gibt den gutmütigen Bären Juha. Und auch ein schwarzer Hund ist wieder zu sehen, ab und an, das Emblem der Melancholiker.

Es ist ein großer kleiner Film, den Kaurismäki gedreht hat. Ein stiller Protest gegen das Bunte, Laute, Hektische, eine Rückkehr zu den Wurzeln des Kinos. Man muß an Chaplin denken, der 1931 - auch schon zu Tonfilmzeiten - einen Stummfilm drehte, City Lights , der die Träume und Ängste seiner Zeit in der zauberhaften Liebesgeschichte von Tramp und Bumenmädchen in Bilder bannte. Drei Gesichter, große Gefühle und eine kleine Geschichte, mehr braucht auch Kaurismäki nicht, um die ganze Magie des Kinos wiederzubeleben: "Heutzutage reden die Menschen unentwegt (und ohne Grund) - da schadet etwas Stille nicht. So laßt uns heute - und warum eigentlich nicht (schließlich ist es ein herrlicher Tag) - das Wesen des Kinos erfahren."