Leo Kirch setzt wieder einmal auf die Zukunft: Gleich an drei Fronten will der 72jährige Münchner Filmhändler in diesem Jahr sein weit verzweigtes Imperium fit fürs nächste Jahrtausend machen. Soeben verkündete der gebürtige Franke eine "strategische Allianz für Europa" - eine enge Kooperation der Holding KirchMedia mit dem italienischen Medienunternehmer Silvio Berlusconi und dessen Finanzpartner Al-Walid, einem saudischen Prinzen (siehe Seite 31). Im zweiten Schritt könnte Kirch diese Dachgesellschaft (Fernsehsender, Rechtehandel, Produktion und Filmvertrieb) schon Ende des Jahres an die Börse bringen - und müßte damit erstmals Bücher und Bilanzen vor der Öffentlichkeit ausbreiten.

Und schließlich übernimmt der Medienmogul wohl schon innerhalb der nächsten zwei Wochen nahezu komplett den Hamburger Pay-TV-Sender Premiere, den Kirch bisher gemeinsam mit dem Medienkonzern Bertelsmann und dem französischen Pay-Giganten Canal Plus (je 37,5 Prozent) hält.

Der dritte Schritt, die Neuordnung des Pay-TV-Marktes, führt dagegen auf absehbare Zeit in eine unsichere Zukunft. Daß es hierzulande künftig nur noch einen Anbieter gibt, nämlich Kirch, ändert nichts daran. Nach Kartellentscheidungen in Brüssel und Berlin sowie heftigen Querelen mit Kirch hatte Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff beschlossen, sich aus dem Bezahlfernsehen weitgehend zurückzuziehen. Dem gibt er keine großen Chancen. Er setzt aufs Internet als Vertriebsweg auch für Nachrichten, Shows und Filme.

Demnächst dürfte Kirch Premiere mit seinem 1996 gestarteten Digitalsender DF1 unter dem Dach der KirchPayTV zusammenführen - und hoffen, daß sich der Markt für digitales Fernsehen künftig besser entwickelt. Ihm bleibt auch nichts anderes übrig, denn er hat bereits Milliardenbeträge investiert.

Mit seiner "strategischen Allianz" freilich will der agile Altunternehmer die Geschäfte mit dem frei empfangbaren Fernsehen am europäischen Markt kräftig voranbringen. Berlusconis Medienholding Mediaset, an der Kirch mit einem Minianteil von 1,3 Prozent und Al-Walid mit 3 Prozent beteiligt sind, beherrscht die mächtigen italienischen TV-Sender Canale 5, Reta 4 und Italia 1. Mit jeweils 25 Prozent sind Berlusconi und Kirch zudem an Spaniens profitabelsten Privatsender Tele 5 beteiligt. Den neuen Partnern Berlusconi und Al-Walid räumt Kirch nun jeweils 3,19 Prozent an seiner Holding KirchMedia (Umsatz: mehr als 3 Milliarden Mark, 2700 Mitarbeiter) ein und kassiert dafür insgesamt 750 Millionen Mark - Kapital, das in die künftigen gemeinsam betriebenen Geschäfte investiert werden soll. "Es geht um Einkauf, Ko-Finanzierung und Ko-Produktion internationaler Programme", erläutert Dieter Hahn. Mehrteiler wie Der Graf von Monte Christo mit dem französischen Star Gérard Depardieu (Produktionskosten: 30 Millionen Mark), die in Deutschland, Spanien, Italien und Frankreich Einschaltquoten zwischen 30 und über 50 Prozent erreichten, seien von einem allein nicht mehr finanzierbar, so Hahn.

Überdies sollen Filmproduktionen von unabhängigen Studios in den Vereinigten Staaten mitfinanziert und in Europa vermarktet werden. Die neuen Partner sehen sich als Gegenpol zur übermächtigen Hollywood-Konkurrenz.

Auf den europäischen Markt zielt auch die geplante gemeinsame Vermarktung von Werbezeiten. Dabei geht es um ein TV-Werbevolumen von netto rund 28 Milliarden Mark auf dem Kontinent; rund zwei Drittel davon entfallen laut Angaben von Kirch auf die Länder Deutschland, Italien und Spanien. Ganz besonders haben die frisch Alliierten dabei Werbemultis wie Procter & Gamble oder Coca-Cola im Blick, die mit ihren weltweit geschalteten Spots längst die Sprachgrenzen überwunden haben. Zwar schätzt die Kirch-Konkurrenz, die Bertelsmann-Fernsehtochter CLT/Ufa, den Anteil dieser internationalen Werbefilme derzeit auf höchstens 20 Prozent. Doch immerhin: Dieser Anteil dürfte mit dem Zusammenwachsen der Euro-Länder zunehmen. Das Gros der Werbung freilich wird sich auch weiterhin an die Emotionen der einzelnen Länder richten.