Friedrich Schiller hat vom Kosovo nichts gewußt. Aber das Problem, das uns alle seit Monaten auf der Seele liegt, hat er vor über 200 Jahren scharfsinnig erkannt. "Wie", fragte er damals, "eine ganze Nation sollte mit ruhigem Auge das Blut ihrer Nachbarn unter widersinnigen und barbarischen Launen fließen sehen? Sobald die Gesetze der Menschheit verletzt werden, tritt alles in das ursprüngliche Recht zurück. Einem unterdrückten Volke beizustehen und großmütig aufzuhelfen, ist die Aufforderung der Natur ... Jedes edle Volk wird der Nation beispringen, die einem eisernen Joch unterliegt oder ein Raub der Anarchie wird."

Schillers Sprache rollt erhabener daher als die Formulierungen von UN-Resolutionen, Nato-Erklärungen und Bundestagsbeschlüssen, aber sie läuft auf dasselbe hinaus: "Politik und Menschlichkeit erfordern, daß ein Unrecht, welches einer Nation angetan wird, von allen anderen bemerkt und geahndet werde." Bei Bundesaußenminister Fischer klingt dies, auf das Kosovo gemünzt, ähnlich: "Wir werden diesem Konflikt, wenn wir wegschauen, nicht entkommen können, sondern wie in Bosnien wird dann das Drama - das Morden, die Zerstörungen und die Flüchtlinge - letztendlich zum Hinschauen und dann zum Handeln zwingen."

Die Begeisterung für humanitäre Einsätze ist merklich abgeklungen

Vor zehn Jahren wurde die Weltöffentlichkeit mit einem Schlage vielfältiger innerstaatlicher Konflikte gewahr, die der weltweite Machtkampf zwischen Ost und West bis dahin überdeckt hatte. Bürgerkriege, Stammesgemetzel und das Phänomen zerfallender Staaten rückten als neue Herausforderungen ins Blickfeld. An Burundi und Ruanda (650 000 Menschen hingeschlachtet), an Sudan (eine Million Tote) und Somalia (350 000 Tote), an Exjugoslawien (wo es allein in Bosnien unter einer Bevölkerung von 4,5 Millionen 145 000 Tote und 2,5 Millionen Vertriebene gab) entzündete sich eine heftige Diskussion. Gab es nicht ein Recht, ja die Pflicht zum Eingreifen? Machte sich nicht moralisch schuldig, wer sich abseits hielt und den Schlächtereien mit verschränkten Armen zusah?

Von einem droit d'ingérence war nun die Rede, einem Recht auf Einmischung; von politics of rescue, einer Rettungspolitik in Fällen von Massakern und Massenvertreibung, Versklavung und Völkermord; von humanitärer Intervention. In seiner "Agenda für den Frieden" dehnte der damalige UN-Generalsekretär Butros-Ghali 1992 den Aufgabenkatalog der Weltorganisation auf Konfliktvorbeugung, Friedenssicherung und Friedenskonsolidierung aus. Wo die Alternative lautete sovereignty or suffering - die Souveränität beachten oder das Leiden der Menschen mindern -, neigte sich die Waage auf die Seite des Menschenrechtsanspruchs zum Nachteil des Souveränitätsanspruchs. In den neunziger Jahren gab es denn auch so viele militärische Aktionen zu humanitären Zwecken wie nie zuvor: im Nordirak (1991), in Somalia (1992), Ruanda (1993), Haiti (1994), vor allen Dingen jedoch im früheren Jugoslawien (Unprofor 1992) und da besonders in Bosnien (IFor/SFor 1995 bis 1998).

Mittlerweile ist die Begeisterung für humanitäre Interventionen merklich abgeklungen. Es hat sich erwiesen, daß auswärtiges Eingreifen selten nachhaltige Wirkung hat. Außerdem hat sich - am deutlichsten in Bosnien - gezeigt, daß es allein mit dem Einsatz von Militär nicht getan sein kann, sondern daß es in der Regel eines langfristigen politischen und wirtschaftlichen Engagements bedarf, um dem Frieden ein tragfähiges Fundament zu geben: Frieden schaffen heißt gemeinhin, aus dem Chaos der Gewalt erst einmal Nationen bauen.

Obendrein ist allen inzwischen aufgegangen, wie hoch die Kosten solcher Unternehmungen sind. Schon die Begrenztheit der Kräfte und der Mittel verbietet den Mächten die Intervention als Prinzip. So wird es notgedrungen bei selektivem Eingreifen bleiben. Nichtintervention wird die Regel werden, Intervention die Ausnahme. Das Gewissen wird nicht ausreichen, ein Eingreifen zu rechtfertigen, wo nicht unmittelbare Interessen der Mächte berührt sind.