Die Nato greift im Kosovo ein? Früher undenkbar, heute ein historischer Schritt für die atlantische Allianz. Noch nie zuvor hat das Bündnis außerhalb seiner eigenen Grenzen ohne Mandat des UN-Sicherheitsrats oder gar gegen den Willen des betroffenen Staates interveniert. Doch Ende April soll sich die Nato nach dem Willen der Amerikaner und der Briten zu ihrem fünfzigsten Geburtstag auf einem Jubiläums-Gipfel in Washington mit einem ehrgeizigen neuen strategischen Konzept beschenken, das just solche Einsätze allgemein erlauben würde.

Bringt Gewalt dem Westen den Erfolg, der ihm auf dem Verhandlungsweg versagt blieb: ein Ende der Kämpfe und dauerhaften Frieden für die ausgeblutete Region? Keiner der inzwischen 19 Alliierten will seine Infanteristen gegen die im Partisanenkampf erprobte serbische Armee und die mörderische Sonderpolizei in den Krieg schicken. So bleibt nur ein Bombenfeldzug aus der Luft, um dem Belgrader Diktator doch noch seine Unterschrift unter das Abkommen von Rambouillet abzuringen.

Rund 400 vor allem auf italienischen Basen stationierte Flugzeuge und ein halbes Dutzend Schiffe in der Adria stehen seit Wochen für die Aktion bereit. Geplant ist, in einer ersten Angriffswelle unbemannte Marschflugkörper abzuschießen, um in ganz Serbien (im Kosovo selbst stehen kaum militärische Einrichtungen von Bedeutung) die jugoslawische Luftabwehr samt Radarstationen zu zerstören. Allerdings müßten dabei auch die richtigen Ziele getroffen werden. Strahlender Sonnenschein ist dafür eine hilfreiche, aber nicht hinreichende Bedingung - wie unlängst zu sehen war, als ein amerikanisches Cruise-Missile eine sudanesische Aspirinfabrik in Schutt und Asche legte.

Sollte Milocevic auch nach der ersten Angriffswelle nicht einlenken, wären weitere Luftschläge notwendig - und in der Logik des Verzichts auf den Einsatz von Bodentruppen liegt die Konsequenz, daß der Bombenkrieg lange anhielte. "Bomben, Bomben und nochmals Bomben", hatte ein goldbetreßter Nato-Offizier schon im Herbst in seinen Uniformkragen gemurmelt. Da rüstete die Allianz sich gerade zum ersten Mal, um gegen Serbien in den Krieg zu ziehen.

In der zweiten Stufe würden die Nato-Kampfjets, unter denen sich 14 deutsche Tornados befinden, zunächst Kommunikations- und Kommandozentralen angreifen, sodann aber auch Kasernen oder Truppenkonzentrationen. Ersteres geschähe eher in Serbien, letzteres vorwiegend im Kosovo. Kein Soldat, der nicht wüßte, was solche Angriffe nach sich ziehen: collateral damage (zu deutsch: Nebenschäden). Im international gültigen Militärcode ist dies das semantische Leichentuch für tote Zivilisten. Jonathan Eyal, der wissenschaftliche Direktor des Londoner Royal United Services Institute, das den britischen Streitkräften nahesteht, sagt dazu lakonisch: "Es könnte eine riesige humanitäre Katastrophe geben."

An Menge, Technik oder Ausbildung ist die Luftwaffe der Allianz dem serbischen Gegner in jeder Hinsicht überlegen. Dennoch birgt die Eskalation auch für sie Gefahr. Die Qualität der jugoslawischen Streitkräfte ist zwar unter Experten umstritten. Tatsache ist aber, daß Belgrad mit 15 Kampfjets des sowjetischen Typs MiG-29, 44 französischen Gazelle-Kampfhubschraubern, acht stationären Flugabwehrbatterien vom Typ SAM-6 und "Horden von tragbaren Boden-Luft-Lenkwaffen", wie ein Kenner der Materie sagt, sehr wohl in der Lage wäre, der Nato empfindlichen Schaden zuzufügen. Es war eine jugoslawische SAM-6, die während des Bosnienkrieges eine amerikanische F-16 abschoß; daß der Pilot Scott O'Grady damals überlebte, war Glückssache.

Gerade in der letzten Phase des Luftkrieges, bei Angriffen auf Truppen und Artillerie in den Tälern und Schluchten des Kosovo, wäre die Nato-Luftwaffe verwundbar. "Da müßten die Bomber so tief fliegen, daß es ein leichtes wäre, sie einfach von den Bergkuppen aus zu beschießen", meint ein Nato-Militär.