Fatmas Geschichte ließe sich auch als Märchen erzählen: Kleines kurdisches Mädchen, aufgewachsen in rückständigem ostanatolischen Dorf, ohne Strom und fließend Wasser, kommt nach Deutschland. Sie erblüht zu einer Schönheit, reicher Deutscher entführt sie und macht aus ihr eine Zahnarztgattin. Alles wird gut.

Fatma B., der Erzählerin, steht die Märchenperspektive leider nicht zur Verfügung - mangels Distanz. Sie schildert ihr eigenes Leben, sie spielt nicht Möglichkeiten, sie spielt überhaupt nicht. Sie verarbeitet. Fatmas Geschichte beginnt mit ihrer Geburt - auf den Feldern Ostanatoliens, wo die Frauen im Abendlicht von der Arbeit heimkehren. Eine der Frauen, hochschwanger, bleibt ein wenig zurück, teils aus Erschöpfung, dann fühlt sie die Wehen stärker werden. Sie verkriecht sich in einem Stall und bringt ihr Kind allein zur Welt - Fatma.

Fatmas Mutter geht nach Deutschland. Erst später kommen die Kinder nach. Die neunjährige Fatma erlebt, was viele türkische Kinder unsäglich belastet: zu Hause die traditionelle islamische Familie, draußen die fremde (und dann immer weniger fremde) westliche Welt. Freunde, Schule, und Führerschein - das geht nur gegen den Vater, heimlich. Schwierig gestaltet sich auch der Umgang mit der westlichen Rationalität, all den Möglichkeiten, zu planen, zu entscheiden, zu erklären: "Wir waren Sklaven unserer Gefühle und Stimmungen, der unglaublichen Energien, die in uns aufstiegen."

Es zerreißt sie schier. Sie wird krank. Dann flüchtet sie. Märchenhaft? Mitnichten. Die junge Kurdin schlüpft in die Rolle der "deutschen" Ehefrau, paßt sich an, verbirgt die Brüche in ihrer Persönlichkeit, kann sie aber auch kaum kitten.

Fatma B. - ein Pseudonym - ist keine Schriftstellerin und ihre Geschichte keine Literatur. Aber eine ergreifende, oft erschreckende Lektüre. Es ist der noch anhaltende Versuch einer jungen Frau, zu sich zu finden. Ihr Bericht enthält Klischees und bestätigt Klischees. Er geht unter die Haut, gerade weil erst nach einer Weile spürbar wird, daß hier eine bedürftige Seele spricht, beschädigt durch zwei Kulturen - durch den Druck, beide spiegeln zu müssen. Der Spiegel zerbricht.

Es gibt türkischstämmige Jugendliche der zweiten und dritten Generation, die sich selbstbewußt Kanaken nennen. Sie wissen, daß sie anders sind, und trumpfen auf. Aber nicht alle können so wehrhaft sein und dem Druck standhalten. Auch Kanaken gehen kaputt.

Nicht nur deutsche Mittelstandsfrauen brauchen Therapeuten. Am Ende steht da die Zahnarztgattin und hat die verwahrloste kleine Fatma an der Hand - zwei, die vielleicht noch eins werden können.