Als ich hörte, Gert Neumann habe ein neues Buch geschrieben, konnte ich mir nicht vorstellen, wie er ohne den Widerpart DDR ein Buch schreiben könnte. Die Poesie entwickelte sich in Elf Uhr ganz und gar aus der Notwendigkeit, den Text der Diktatur zu beantworten. Jetzt habe ich Anschlag, das neue Buch, gelesen. Allerdings erst einmal. Und das genügt, wie jeder Neumann-Leser zugeben muß, nicht.

Da "Schriftsteller" auch keine ganz nüchterne Berufsbezeichnung ist, könnte man Gert Neumann einen "Satzbauer" nennen. Es sind geräumige, nicht mit einem Blick überschaubare Gebilde, die er baut. Schönheit, die sich durch die Schwierigkeit erschließt, die sie dem Genießenden bereitet.

Manchmal habe ich, als ich in diesen Satzbauten herumging wie in reinen Seelenarchitekturen, manchmal habe ich Angst bekommen um dieses Buch. Das trifft auf eine Rezeptionsbranche, die daran gewöhnt ist, sich Bücher durch schlichtes Durchlesen anzueignen. Und da kommt nun dieser Satzbauer Neumann und überfordert solche Lesegewohnheiten programmatisch.

O ja, das hat Methode. Und es liegt am Stoff. An Gert Neumanns Lebensstoff beziehungsweise Lebensthema. Und das heißt: Geschichte. Deutsche Geschichte also. Also deutsche Teilung. Dieses neue Buch beweist sowohl, daß Neumann die Diktatur als aktuellen Widerpart nicht braucht, als auch, daß er davon nicht loskommt. Hier ist es die Diktatur in der Vergangenheitsform. Der einsame Notierer des Elf Uhr- Buches hat sich hier eine Zweitstimme entgegeninszeniert, die nicht mehr von der DDR geliefert wird, sondern aus dem Westen.

Aktueller kann nichts sein als dieses Buch. Aufgehobener, also geschriebener, also poetischer kann Aktualität nicht sein als in diesem Buch. Bei Novalis: "Der Roman ist aus dem Mangel der Geschichte entstanden." Das hat Novalis Gert Neumann zuliebe geschrieben. Zuerst wirkt Neumanns Anschlag wie reine Literatur, dann spürt man allmählich den härteren Puls der littérature engagée. Dann gibt man diese in Frankreich gelernte Einteilung ganz auf, weil man merkt, in dieser Prosa ist diese alte Einteilung ganz und gar überwunden.

Dieser Anschlag ist voller Finesse, rein literarischer Finesse. Bei den ersten hundert Seiten denkt man, dieses heftige und ausdruckssüchtige, landschaftsgesättigte Gehen eines Erzählers in Begleitung eines Manns im schwarzen Mantel, diese gebärdenreiche Gedanklichkeit zwischen einem Ost- und einem Westdeutschen, das ist so gar nicht die literarische Imitation des seit 1989 wogenden Ost-West-Dialogs. Und genau auf Seite 100 erfährt man dann, was man die ganze Zeit spürte und nicht formulierte: Der Autor hat sich von Kafka anregen lassen. Beschreibung eines Kampfes ist der Patentext dieser Ost-West-Wanderung von Bernau zum Kloster Chorin. Und so werden noch viele "Anklänge" ins literarische Spiel gebracht.

Aber wenn jetzt auch die Sprachlosigkeit zwischen Ost und West das Thema ist, also eigentlich zwei Arten, diese deutsche Geschichte zu erleben - dem Gesetz der Perspektive entgeht so schnell kein Erzähler. Die westdeutsche Stimme inszeniert Neumann hauptsächlich, um den ostdeutschen Part virtuos zu entfalten. Und das ist eben doch die DDR, die zur Bedingung allen Erzählens wird.