Was denn die gemeinsamen ästhetischen und thematischen Merkmale der neuen deutschen Erzählliteratur seien, fragten sich kürzlich die Teilnehmer eines Autorentreffens in Berlin. Keine, lautete die Antwort des Autors Steffen Kopetzky. In der individualisierten jungen Literaturlandschaft gebe es keine einheitlichen Tendenzen. Was die Schriftstellergeneration der 25- bis 35jährigen über alle Unterschiede hinweg verbinde, sei ein außerliterarisches Ziel: "Reich werden".

Aufstöhnen im Publikum, Kopfschütteln bei den älteren Kollegen. Hatte man es doch geahnt: Den jungen Leuten geht es nicht mehr um Inhalte, um moralische Integrität und literarische Qualität, sondern nur noch um Marktkonformität und materielle Werte.

Manches an diesen Überlegungen klang verstiegen. Ob zum Beispiel Kopetzky selbst - im Sinne seiner These - jemals reich wird, steht dahin. Bei besagtem Autorentreffen in Berlin mußte er jedenfalls ausgiebige seminaristische Erklärungen vorausschicken - sie reichten von Kants Kritik der Einbildungskraft bis zu Peter Sloterdijks thermodynamischem Gesellschaftsmodell -, um den Zuhörern einigermaßen plausibel zu machen, worum es in dem literarischen Text, den er dann vortrug, eigentlich geht. Womit er ganz nebenbei das zur Zeit hoch gehandelte Vorurteil widerlegte, unsere hoffnungsvollen Nachwuchsautoren seien frei von entfremdendem Intellektualismus.

Stirn-Aufschlitzen gilt als hoffnungslos gestrig

Aber Kopetzkys Ausführungen trafen immerhin einen wahren Kern. Es scheint sich gegenwärtig ein tiefgreifender Wandel im kulturellen Status der Literatur zu vollziehen. Schriftsteller, gar erst: Schriftstellerin zu sein gilt als sexy. Vorbei die Zeit, als man mit "Schriftstellern" den griesgrämigen Moralismus eines Günter Grass, die selbstquälerische Introvertiertheit einer Christa Wolf und den Nonkonformistengestus älterer Herren in ausgebeulten Cordhosen assoziierte. Aber auch das Subversionsgebaren zorniger junger Männer, die sich bei literarischen Weiheveranstaltungen provokant die Stirn aufschlitzen, ist von gestern. Der Schriftsteller von heute ist jung, schick und heiter, gibt sich abgeklärt-illusionslos und mit allen Wassern des Umgangs mit der virtuell verdoppelten Wirklichkeit unserer Medien und Konsumgesellschaft gewaschen. Auf dem neuesten Stand der Moden und der Kommunikationstechnik zu sein gilt nicht mehr als "affirmativ" und damit verderblich.

Die Literatur boomt. Lesungen und literarische Salons sind gut gefüllt und ziehen junges Publikum an. Von den Autoren erwartet es keine Welterklärungen und ethischen Aufbauhilfen. Es verlangt von ihnen auch keine innovativen ästhetischen Programme und verstörenden Formexperimente. Von entscheidender Bedeutung ist nicht, ob der jeweilige Autor, die Autorin schlichte Liebesgeschichten oder hermetische High-Brow-Prosa verliest, sondern daß er oder sie "angesagt" ist, in den Medien als hoffnungsvolle Entdeckung vorgestellt wurde und die Haltung eines Milieus der Kontingenz repräsentiert, das sich nicht sicher ist, was morgen kommt - und sich dessen auch nicht sicher sein will. Ob dieser oder jener Autor demnächst wieder vergessen sein wird, was also sein potentieller Rang in der Literaturgeschichte sein könnte, ist irrelevant. Gefragt ist Literatur mit Ad-hoc-Verbrauchswert: Literatur als Event zum Dabeisein und als Forum der Bestätigung eines Lebensgefühls, das sich in der Aura des Jung-Autors als kreative Selfmade-Person widerspiegelt.

Der Literaturbetrieb entwickelt sich zu einer Sparte der Lifestyle-Industrie, die jungen Autoren bekennen sich offensiv zum schönen Schein der Marktwirtschaft. Grund zu kulturpessimistischer Untergangsstimmung? Nein. Der Generationswechsel in der deutschen Literatur ist gekennzeichnet durch den Prozeß der Ablösung von einer tief in deutscher idealistischer Tradition wurzelnden Verpflichtung der Literatur auf die Funktion einer moralisch-erzieherischen Instanz. Was wie schnöde Anpassung an die Marktmechanismen aussieht, enthält auch die tastende Suche nach einem neuen Selbstverständnis, einem neuen gesellschaftlichen Raum für die Literatur. Es ist der notwendige Versuch einer Entlastung vom gesellschaftlichen Erwartungsdruck, die Literatur möge politischen, ethischen oder ästhetischen Sinn stiften. Ein Individualisierungs- und Autonomisierungsschub, der auch die mutwillige Mißachtung vermeintlich bindender, zur Konvention erstarrter ästhetischer Vorschriften einschließt.